Eine im Frühsommer abgesagte Konferenz in der Türkei zum Genozid an den Armeniern konnte nun doch abgehalten werden. Brigitte Voykowitsch sprach mit der prominenten türkischen Autorin elif shafak, Mitorganisatorin der Konferenz.

Wir müssen uns einfach der Vergangenheit stellen": Die Vergangenheit, welche die Schriftstellerin Elif Shafak meint, ist der Genozid an den Armeniern in den Jahren 1915-17. Mindestens eine Million, möglicherweise sogar 1,5 Millionen Armenier sind nach Erkenntnissen internationaler Experten unter der Herrschaft der so genannten Jungtürken am Ende des osmanischen Reiches getötet und Hunderttausende vertrieben worden. Doch die Türkei wehrt sich bis heute gegen die Aufarbeitung dieser Geschichte. Eine Konferenz zu den Armeniern, die in diesem Mai an der renommierten Bosporus-Universität in Istanbul geplant war, wurde nach einer Presseerklärung von Justizminister Cemil Cicek zunächst einmal verschoben.

"Spalt in der Mauer"

Ende September wäre die Konferenz beinahe wieder geplatzt. Ein Gericht in Istanbul verbot auf Antrag nationalistisch gesinnter Anwälte die Abhaltung der Konferenz an der Bosporus- sowie an der Sabanci-Universität. Waren es die Proteste seitens der eu - mit der wenige Tage später die Beitrittsverhandlungen beginnen sollten - oder hatte ein Gesinnungswandel stattgefunden? Diesmal zeigte sich der Justizminister jedenfalls versöhnlicher und erklärte, dass nichts der Abhaltung der Konferenz an einem anderen Ort im Wege stünde.

Mit ein wenig Verspätung kamen die Historiker, Aktivisten und Intellektuellen schließlich an der Bilgi-Universität in Istanbul zusammen, um über "Die Armenier während des Zusammenbruchs des Osmanischen Reichs" zu diskutieren. Elif Shafak spricht von einem "Spalt in der Mauer des Leugnens", der sich nun endlich aufgetan habe. Noch sei die Zahl derer, die die Notwendigkeit zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erkennen, allerdings sehr klein.

Ignoranz und Schlussstrich

Shafak unterscheidet da vier Gruppen. "Die meisten Türken wissen nichts über 1915, weil sie ganz generell wenig über ihre eigene Geschichte wissen. Bei uns beginnt offiziell alles im Jahr 1923, als die türkische Republik errichtet wurde. Alles, was vorher passierte, wird augeblendet." Die zweite Gruppe umfasst laut Shafak Menschen an den Schlüsselstellen der Macht, Politiker, Beamte, Diplomaten, Journalisten. Deren Ansicht nach wären es die Armenier gewesen, die Türken angegriffen hätten, oder aber beide Seiten hätten zu Gewalt gegriffen. In jedem Fall bestreitet diese Gruppe den Genozid. Anders die dritte Gruppe: Unter jungen, gebildeten Türken stellt Elif Shafak eine gewisse Offenheit fest. Diese Menschen wollen die Vergangenheit nicht leugnen, sie wollen aber auch nicht für etwas verantwortlich gemacht werden, was ihre Großelterngeneration getan habe. "Sie sagen: Warum können wir die Vergangenheit nicht vergessen und gemeinsam eine neue Zukunft beginnen, sie wollen Freundschaft mit den Armeniern, aber ohne die Last der Vergangenheit zu tragen." Für die vierte Gruppe, der Shafak ebenso angehört wie jene, die an der Konferenz teilnahmen, setzt diese neue Zukunft voraus, dass man sich der Vergangenheit stellt.

In den letzten Jahren hat Elif Shafak in den usa, wo sie an der Universität von Arizona Gender Studies und Nahostkunde lehrt, bereits an einer Reihe von Konferenzen und Workshops türkischer und armenischer Wissenschafter teilgenommen. Doch so bedeutend derartige Treffen auch sind, so wenig spiegeln sie den Stand der Entwicklung und Debatten in der Türkei selbst wider.

"Die Konferenz in Istanbul war deswegen so wichtig, weil sie von drei angesehenen türkischen Universitäten gemeinsam geplant und auch in der Türkei und in türkischer Sprache abgehalten wurde", betont Shafak. Nicht nur die heftige Kritik, die nationalistische Kreise an der Konferenz in Istanbul übten, belegt allerdings, wie weit der Weg noch ist. Dem renommierten türkischen Schriftsteller Orhan Pamuk drohen mehrere Jahre Haft, sollte das gegen ihn angekündigte Verfahren wegen "Herabwürdigung der türkischen Identität" tatsächlich stattfinden. Pamuk hatte einfach offen seine Meinung zum Genozid geäußert.

Nach Ansicht von Elif Shafak müsse man aber einen Zwei-Fronten-Konflikt unbedingt vermeiden. "Was ich gefährlich finde, ist diese Polarisierung. Denn dann verlieren wir die Schattierungen dazwischen. Wir müssen anerkennen, dass es in der türkischen Gesellschaft unterschiedliche Meinungen gibt. Auch der Justizminister wurde im Mai heftig kritisiert, sogar von Leuten in seiner eigenen Partei. Ich finde es wichtig, das wahrzunehmen, statt nach Helden Ausschau zu halten. Wir brauchen keine Helden. Wir brauchen eine zivilgesellschaftliche Bewegung für einen anderen Umgang mit der eigenen Vergangenheit. Ein paar Intellektuelle sind nicht genug, die Veränderung muss von unten kommen, sie muss sich auf eine breite Basis stützen."

Langer Weg zur Vergebung

In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist nach Ansicht von Shafak in der türkischen Gesellschaft viel in Bewegung gekommen. In diesem Jahr veröffentlichte die türkische Tageszeitung Hürriyet eine Serie "Was geschah 1915?", in der sie neben den Apologeten der offiziellen Position auch Kritiker zu Wort kommen ließ. "Es ist möglich, den Weg von der Verleugnung zum Eingeständnis und zur Entschuldigung zurückzulegen", betont Shafak. "Ich selbst habe mich in Artikeln für das Geschehene entschuldigt, denn ich finde, wenn der Staat sich nicht entschuldigt, dann ist es wichtig, dass Intellektuelle und Individuen das tun. Irgendwann sollten wir so weit kommen, dass die Armenier uns 1915 vergeben können. Aber dafür müssen die Türken zuerst ihrer Vergangenheit gedenken und sich dafür entschuldigen."

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau