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Was im Vatikan schwer zu bekommen ist

1945 1960 1980 2000 2020

Von Petrus bis zu Johannes Paul II. und den Kandidaten für seine Nachfolge: Eine Fülle von Literatur über Papsttum und Konklave drängt auf den Buchmarkt.

1945 1960 1980 2000 2020

Von Petrus bis zu Johannes Paul II. und den Kandidaten für seine Nachfolge: Eine Fülle von Literatur über Papsttum und Konklave drängt auf den Buchmarkt.

Päpste kommen und gehen, die katholische Kirche und ihre Zentrale, der Vatikan in Rom, bleiben bestehen. Sie überdauern auch die Wellen von Büchern, die sich immer wieder, häufig am Anfang und gegen Ende eines Pontifikates, mit dem Vatikan und dem Papsttum befassen. Gerade jetzt scheint das Interesse an solcher Literatur wieder groß zu sein, wie mehrere Neuerscheinungen aus jüngerer Zeit beweisen. Vom Sachbuch bis zur Belletristik sind Themen wie Papstgeschichte und Papstwahl sowie Strukturen und Vorgänge im Vatikan geradezu zu Dauerbrennerthemen geworden. Das Buch, das alle damit verbundenen Fragen beantwortet, kann und wird es nie geben, doch für einzelne Bereiche liefert jede der Neuerscheinungen interessante Informationen.

Eröffnet hat die jüngste Welle solcher Bücher im deutschen Sprachraum schon 1997 Heinz-Joachim Fischer, Rom-Korrespondent der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", mit seinem Band "Die Nachfolge", welcher "der Zeit zwischen den Päpsten" gewidmet ist. Fischer unternahm einen etwas trocken geschriebenen Streifzug durch die Geschichte der Papstwahlen bis zum auszugsweisen Abdruck der 1996 von Papst Johannes Paul II. erlassenen neuen Konstitution "Universi dominici gregis" zur Regelung der nächsten Papstwahl. Sein "Personen-Roulette", das einzelne aussichtsreiche Kandidaten für das nächste Konklave auflistet, wirkt freilich sehr vorsichtig und nach zwei Jahren auch schon etwas veraltet. Ob Fischers offenkundige Annahme, daß die Leser eines solchen Buches eine genaue Beschreibung des Konklave-"Tatortes", der Sixtinischen Kapelle, mehr interessiert als genauere Angaben über die voraussichtlich teilnehmenden Kardinäle oder eine sorgfältige Bewertung der neuen Wahlordnung, richtig ist, darf mit Recht bezweifelt werden. Leider fehlt dem Buch auch ein Personenregister.

Aus der Sicht eines Romanautors beschäftigt sich der 1916 geborene Australier Morris L. West mit dem nächsten Konklave. Als Verfasser des mit Anthony Quinn, Sir Laurence Olivier und Oskar Werner in den Hauptrollen verfilmten Romans "In den Schuhen des Fischers", der bereits 1964 Wahl und Pontifikat des ersten Papstes aus dem Osten schilderte, hat West seinerzeit ein prophetisches Gemüt erkennen lassen. Nun verrät sein Werk "Eminenz" tiefen Einblick in die neueste Kirchengeschichte. Abschließender Höhepunkt ist die Stichwahl in einem aufregenden Konklave. Sie entscheidet zwischen dem Erzbischof von Mailand - wer denkt da nicht an Carlo Maria Martini? - und einem einst unter der argentinischen Militärdiktatur leidenden Geistlichen, den man im realen Kardinalskollegium von heute nicht so leicht orten kann. Der damalige Nuntius in Argentinien, dessen lebendes Vorbild, Kurienkardinal Pio Laghi, bekanntlich bis vor kurzem dem engsten Kreis der Papstanwärter, der "papabili", zugerechnet wurde, kommt in dem Buch alles andere als gut weg. Aber natürlich bleibt der Text ein Roman, wenn auch ein spannend zu lesender, und man darf nicht alles darin für bare Münze nehmen.

Unter den neuen Büchern, die sich unter dem Titel "Die Päpste" - inklusive guter Register - mit der ganzen Geschichte des Papsttums, mit ihren Höhen und Tiefen, mit Heiligen und Halunken unter den Tiaraträgern beschäftigen, ist der Bildband des irischen Kirchenhistorikers Eamon Duffy hervorzuheben. In diesem Band dominiert die Fülle guter Illustrationen, ohne daß die umfassende Information zu kurz kommt.

Der bayerische Historiker Horst Fuhrmann hat keinen Bildband, aber einen immer noch reichhaltig bebilderten, sehr seriösen und guten Überblick samt anschaulichen Zitaten zu einzelnen wichtigen Ereignissen der Geschichte der Petrusnachfolger vorgelegt. Bei Fuhrmann klingt auch die Frage nach der Zukunft des Papsttums an, etwa im Hinweis auf die "Malachias-Prophetie", jene 1595 erstmals von Arnoldus Wion veröffentlichte Liste kurzer Kennzeichnungen künftiger Päpste, die nun bald ihr Ende erreicht hat: Auf das jetzige, mit "De labore solis" ("Von der Arbeit der Sonne" oder "Von der Sonnenfinsternis") umschriebene Pontifikat sollten demnach nur noch das Pontifikat "Gloria olivae" (Ruhm des Ölbaums) und die letzte Verfolgung unter dem Römer Petrus folgen. Daß die Liste tatsächlich vom irischen Bischof Malachias aus dem 12. Jahrhundert stammt, wie früher behauptet wurde, glaubt freilich heute kaum noch jemand, sie gilt als Produkt des 16. Jahrhunderts.

Lebendiger, vermutlich durch die Beschränkung auf die letzten fünf Päpste - Pius XII., Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. -, wirkt das brillant geschriebene Buch "Vatikan - Die Macht der Päpste" des deutschen TV-Journalisten Guido Knopp, das auch einer Fernsehserie zugrundelag: gute Charakterisierungen der einzelnen Päpste, ein ausführliches Personenregister, vor allem aber Sammlungen von Zitaten von den Päpsten und über sie aus guten Quellen. Einige dieser Sätze sind ungeheuer kennzeichnend und wert immer wieder in Erinnerung gerufen zu werden: "Was wird die Geschichte wohl zu meinem Schweigen sagen?" (Pius XII.), "Johannes, nimm dich nicht so wichtig" (Johannes XXIII.), "Ich habe ,Humanae vitae' unter Schaudern verfaßt" (Paul VI.), "Zwei Dinge sind im Vatikan schwer zu bekommen: Ehrlichkeit und eine gute Tasse Kaffee" (Johannes Paul I.), "Eine Welt, aus der Gott ausgesperrt ist, ist eine Welt ohne Hoffnung" (Johannes Paul II.).

Gerade mit der Frage nach dem Schweigen von Pius XII. zum Holocaust wird in allen Büchern zur Papstgeschichte ein wunder Punkt berührt: Soll die Kirche in solchen Fällen öffentlich Flagge zeigen (auch wenn es nichts nützt, vielleicht sogar mehr schadet) oder im stillen helfen (womit sie vielleicht wirksamer agieren kann)? Letztlich kreist auch, selbst wenn der Vergleich im Detail hinkt, die aktuelle Debatte um den Beratungsschein für Schwangere in Deutschland um diese Frage und wurde diesmal von höchster Stelle anders beantwortet: lieber eindeutig Flagge zeigen und die Chance zu in einzelnen Fällen sicher auch im Sinne der Kirche - nämlich gegen Abtreibung - wirksamer Beratung aufs Spiel setzen als möglicherweise Mitschuld an einer Abtreibung auf sich zu nehmen.

Ein anderer wunder Punkt sind die bis zum Rufmord reichenden kirchlichen Intrigenspiele, die innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche üble Folgen zeitigen. So wurde die rasche Seligsprechung von Johannes XXIII. (Angelo Roncalli) auch mit der Verbreitung des Gerüchtes hintertrieben, dieser habe als Nuntius in Paris in Homosexuellenzirkeln verkehrt. Als Erzbischof Bruno Heim, seinerzeit Sekretär Roncallis, dies energisch zurückwies, räumte ein Kardinal im Vatikan die Unhaltbarkeit dieses Vorwurfes ein, setzte jedoch hinzu: "Aber er war doch schuld am Konzil."

Die Konflikte zwischen streng die Äußerungen des kirchlichen Lehramtes betonenden und pastorale Wege im Sinne des Evangeliums suchenden Kirchenführern gibt es, wie jede Papstgeschichte zeigt, seit der Antike. Unter den Heiligen findet man Vertreter beider Richtungen, manchmal waren sie sogar Zeitgenossen, die zu Lebzeiten keineswegs gute Beziehungen pflegten wie zum Beispiel Papst Pius X. und der damalige Mailänder Erzbischof Andrea Ferrari. Heute gelten beide als in den Himmel aufgenommen: "Wenigstens im Jenseits können sie sich nicht mehr ausweichen", heißt es dazu in Hanspeter Oschwalds Buch "Vatikan - die Firma Gottes", ein Satz, den man sich angesichts von Polarisierungen in der Kirche auf der Zunge zergehen lassen und über den man nachdenken sollte.

Am Oschwald-Opus, das ebenso offen wie kritisch, ebenso seriös-informativ wie stilistisch leichtfüßig "das Unternehmen" Vatikan vom Chef bis in die einzelnen Abteilungen der Kurie beleuchtet, vermißt man das Personenregister besonders. Und ganz kann - oder will - man dem Autor nicht folgen, wenn er berichtet, das umstrittene Opus Dei rechne im nächsten Konklave mit dem Wohlwollen von 69 der maximal 120 wahlberechtigten Kardinäle, um seinen Kandidaten zum Papst zu machen.

Hochinteressant und kompetent geschrieben ist schließlich das Buch "Im Inneren des Vatikan" des amerikanischen Jesuiten Thomas J. Reese. Dieses wahrscheinlich beste Buch, das derzeit über diese Thematik auf dem Buchmarkt ist, das ein echtes Standardwerk über die "Politik und Organisation der katholischen Kirche" (so der Untertitel) darstellen könnte, weist leider in der deutschen Ausgabe mehrere Fehler auf, die nicht dem Autor anzulasten sind. Ein Blick ins Internet, wo etliche Reese-Texte, zum Teil mit Passagen in diesem Buch übereinstimmende, in englischer Sprache abrufbar sind, beweist, daß die Mängel an der Übersetzung liegen. Abgesehen davon, daß ein Personenregister zwar vorhanden ist, aber bei weitem nicht alle im Buch genannten Personen darin aufscheinen, mindern auch andere Dinge die sonstige Qualität dieses Werkes. Nur zwei Beispiele: Das darin erwähnte "Konzil von Wien" hat es nie gegeben, denn es fand im französischen Vienne statt, und aus einem Kardinal Benelli sollte nicht ein Bellini werden. Schließlich hätte man noch bei der Erstellung des Literaturverzeichnisses berücksichtigen können, daß einige Werke nicht nur in der genannten englischen Ausgabe, sondern auch schon auf deutsch erschienen sind.

Die hier besprochenen Bücher: DIE PÄPSTE Von Eamon Duffy Droemer Verlag, München 1999, 324 Seiten, öS 569,-/e 41,35 DIE NACHFOLGE Von Heinz-Joachim Fischer Herder Verlag, Freiburg i.B. - Basel - Wien 1997, 213 Seiten, öS 248,-/e 18,02 DIE PÄPSTE Von Horst Fuhrmann C. H. Beck Verlag, München 1998, 305 Seiten, öS 350,-/e 25,44 VATIKAN - DIE MACHT DER PÄPSTE Von Guido Knopp Bertelsmann Verlag, München 1997, 351 Seiten, öS 342,-/e 24,85 VATIKAN - DIE FIRMA GOTTES Von Hanspeter Oschwald Piper Verlag, 2. Auflage, München 1999, 391 Seiten, öS 291,-/e 21,15 IM INNEREN DES VATIKAN Von Thomas J. Reese S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1998, 464 Seiten, öS 364,-/e 26,45 EMINENZ Roman von Morris L. West Econ Verlag, München - Düsseldorf 1998, 397 Seiten, öS 291,-/e 21,15

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