"Was wird aus den kleinen Kulturen?"

Um die Tito-Nostalgie und den EU-Beitritt Sloweniens, um Internationalisierung und die Zukunft "kleiner" Sprachen, um die Mitteleuropa-Idee und einen Vergleich der europäischen mit der amerikanischen Literatur geht es im furche-Gespräch mit Drago JanÇcar.

die furche: Herr JanÇcar, aus Ihrem neuen Buch wird deutlich, dass der Tito-Kult auf der Insel Brioni, aber auch in Ihrer Heimat Slowenien noch immer lebendig ist. Was fasziniert heute noch an der Person Titos?

drago jancar: Der Tito-Mythos lebt in allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens auf irgendeine Weise weiter. Dort, wo der letzte schreckliche Krieg gewütet hat, haben die Menschen das Gefühl, dass es unter seiner Zeit vielleicht doch besser oder normaler war, was in gewisser Weise verständlich ist. Verwunderlich und pervers ist, dass die neuen Kapitalisten den Tito-Mythos aufgenommen haben. So hat unlängst eine Werbeagentur einen neuen Mercedes mit Tito beworben. Der Titel dieses Plakates lautete: "Er hatte alles". Dagegen haben sich die ehemaligen Gefangenen der Zuchthausinsel Goli otok verwahrt, die nichts hatte außer den Steinen, die sie schlagen mussten.

die furche: Bei allem, was Sie beschreiben über Titos Jugoslawien, ist es doch erstaunlich, dass diese Verehrung heute noch möglich ist und dass wir auch außerhalb des jugoslawischen Raumes dieses Bild von der "milden" Diktatur in Vergleich zu anderen kommunistischen Staaten haben.

jancar: Die Tito-Diktatur war wirklich milde im Vergleich zu den osteuropäischen Diktaturen, aber nur, wenn wir die zweite Hälfte der sechziger und den Anfang der siebziger Jahre im Sinn haben. Ende der vierziger und in den fünfziger Jahren war das eine sehr grausame Diktatur. Worauf ich mich immer wieder beziehe ist, dass die Menschen nicht unterscheiden können zwischen Diktatur und Demokratie, zwischen Totalitarismus und einer normalen Gesellschaftsordnung. Und ganz besonders betrifft es mich, wenn das von den Medien nicht wahrgenommen wird. Wenn zum Beispiel eine Fernsehsendung "Stafette der Jugend" genannt wird - in Anklang an die Tito-Stafette; wenn man bedenkt, dass auch zur Hitlerzeit eine solche Stafette existiert und man auch den koreanischen Diktatur Kim Il Sung so gefeiert hat, müssten die Medien eigentlich davon Abstand nehmen.

Auf der einen Seite sind es diese kollektiven Rituale, die mich als Individuum, als Autor schon in meiner Jugend irritiert und abgestoßen haben. Auf der anderen Seite ist es natürlich der Glanz, der schöne Schein des Kapitalismus, der attraktiv ist und den auch der kommunistische Diktator an seinem Hof gepflegt hat.

die furche: Welche Wege sehen Sie für Slowenien, besser mit dieser Vergangenheit umzugehen?

jancar: Ich habe vor drei Jahren in Ljubljana die Ausstellung "Die dunkle Seite des Mondes" organisiert. Dazu ist es gerade aufgrund dieser Probleme gekommen. Das Museum für Neuere Geschichte in Ljubljana hatte eine Ausstellung über Slowenien im 20. Jahrhundert ausgerichtet. Sie war ausgestattet mit moderner Technik, mit visuellen Effekten; wir haben alte Autos gesehen, die alten Radios bzw. Volksempfänger, so, wie wir früher halt gelebt haben. Ich habe daraufhin der Ausstellungsleitung öffentlich in einer Zeitung die Frage gestellt: Wie kommt es, wenn Sie schon alle diese Einzelheiten in moderner Visualisierung zeigen können, dass Sie nicht auch Goli otok gezeigt haben oder das Straflager für weibliche Strafgefangene oder die Schauprozesse nach dem Krieg, wo die Lautsprecher auf den öffentlichen Plätzen und Straen montiert waren, damit die Bevölkerung die Direktübertragung aus dem Gerichtssaal verfolgen konnte. Die Museumsleitung hat mir daraufhin angeboten, selbst eine solche Ausstellung zu machen. Ich habe eine Gruppe von jungen Leuten, Künstlern und Interessierten um mich gesammelt, und innerhalb eines Jahres haben wir eine Ausstellung aufgebaut, die uns selbst in ihren schrecklichen Dimensionen überrascht hat. Wir haben die Formen darstellen können, in denen die Nachkriegsprozesse abgelaufen sind, die Berufsverbote, die Zensur usw.

die furche: Sie hoffen ja auf den EU-Beitritt Sloweniens, weil der helfen könnte, mit der totalitären Vergangenheit in Medien und Kultur besser fertig zu werden.

jancar: Meine Überzeugung ist, dass der EU-Beitritt für Slowenien neue politische und mediale Standards bringen wird. Denn mit der Kontinuität des vergangenen Systems muss abgebrochen werden. Aber trotzdem müssen das vor allem wir selbst machen. Deswegen bedarf es noch vieler Debatten, damit sich bei uns die Mentalität ändert, die noch immer großteils mit dem alten System verbunden ist. Das alte System hat sich in spezifischer Weise mit einer neuen Form verbunden, mit der Macht, die das Kapital mit sich gebracht hat. Wenn die ehemaligen Redakteure des alten Systems mittlerweile Eigentümer der neuen Medien geworden sind, dann hat sich zwar nach außen hin eine Änderung vollzogen, aber in den Köpfen herrscht noch dieselbe Welt.

die furche: Als Schriftsteller, der ja, wie Sie im Essayband "Brioni" schreiben, das Spezifische, Eigene, Besondere sucht, müssen Sie aber auch Angst haben vor der zunehmenden Internationalisierung, die ja auch eine Nivellierung, ein Immer-ähnlicher-Werden der Länder und Regionen bedeutet.

jancar: Das ist eine sehr komplizierte Frage. Auf der einen Seite unterstütze ich als politisch denkender Mensch den Beitritt Sloweniens zur EU mit vollem Herzen. Auf der anderen Seite habe ich natürlich eine bestimmte Skepsis hinsichtlich der Vereinheitlichung, vor allem der kulturellen Vereinheitlichung und Nivellierung. Und hier ist natürlich eine wesentliche Frage: Wie wird es aussehen mit der Existenz der kleinen Völker, Kulturen und Sprachen? Österreich gilt zumindest seit 1955 als moderne demokratische Republik. Und trotzdem verringert sich die Zahl der bekennend slowenisch Sprechenden in Kärnten jedes Jahr. Und so fragt man sich natürlich beunruhigt: Was wird dann einmal mit einem Zwei-Millionen-Volk wie den Slowenen, den Litauern, Esten oder Slowaken? Das große Problem ist, wenn das Individuum, der Einzelne sich aufgrund psychologischen oder ökonomischen Drucks eines wesentlichen Modells seiner Existenz entschlagen, auf seine eigene Sprache verzichten muss. Obwohl sich Europa auf der deklarativen Ebene sehr klar zum Schutz der kleinen Sprachen und Kulturen geäußert hat, wird doch viel zu wenig darüber nachgedacht. Daraus können in naher Zukunft noch eine Reihe von Frustrationen erwachsen, sowohl bei Individuen als auch bei ganzen Völkern.

die furche: Sie blicken im Buch auch zurück auf die Mitteleuropa-Debatte der achtziger Jahre. Ist sie heute bereits museal oder ist das, was damals debattiert, gehofft wurde, heute noch wichtig?

jancar: Für uns war das damals vor allem eine Idee der Öffnung. Wir dürfen nicht vergessen, dass damals etwa an der österreichisch-tschechischen Grenze noch Stacheldraht und Minenfelder waren. Heute glaube ich fast, dass man zurückgehen müsste zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts, als dieser Raum noch in sich funktionierte. Mitteleuropa ist ein geographisches und historisches Faktum. Ich spreche von jenem Mitteleuropa, von dem auch Milan Kundera und Claudio Magris gesprochen haben, das sich in etwa mit dem Gebiet der Österreichisch-Ungarischen Monarchie deckt, aber auch zum Beispiel Litauen mit seinem Barock mit einschließt. Ich spreche nicht vom deutschen Konzept Mitteleuropas, das expansionistisch ist. Unsere Diskussion damals hatte keine ideologische Zielsetzung oder Grundlage, sie beruhte allein auf diesen geographischen und historischen Fakten. Und diese Tatsachen sind noch immer präsent, unabhängig von der verstrichenen Zeit. Und deshalb wird die Idee von Mitteleuropa, die Zusammenarbeit innerhalb von Mitteleuropa immer noch aktuell bleiben, ungeachtet aller Globalisierungstendenzen.

die furche: Gibt es Gemeinsamkeiten der mitteleuropäischen oder der europäischen Literatur? Sie haben ja den europäischen Pessimismus gegen den amerikanischen Optimismus verteidigt.

jancar: Wenn man aus einem Land kommt, das zwischen der Melancholie der pannonischen Tiefebene und der Enge der Alpentäler eingezwängt ist, einem Land, wo sich im letzten Jahrhundert fünf Staaten und drei politische Systeme abgewechselt haben, wo die Menschen mit Begeisterung von Trauer und Leiden sprechen - und davon ist gerade unsere Literatur übervoll -, dann kommt einem Amerika wirklich als ein völlig anderer, sehr seltsamer Kontinent vor, irgendwie lächerlich und komisch mit seinem ewigen Optimismus und seinem Lächeln. Das habe ich im Roman "Luzifers Lächeln" zu thematisieren versucht.

Das Gespräch führte Cornelius Hell

Zur Person

Drago Jancar, geboren 1948 in Maribor, gilt als der bedeutendste zeitgenössische Schriftsteller Sloweniens. 1974 wurde er wegen "feindlicher Propaganda" inhaftiert. 1993 erhielt er den France-PreÇseren-Preis, den bedeutendsten Literaturpreis Sloweniens, 1994 den Europäischen Preis für Kurzprosa. Seine Romane, Essays und Theaterstücke wurden in viele Sprachen übersetzt.

Auf deutsch erschienen von Drago JanÇcar u.a. die Romane "Nordlicht", "Der Galeot", "Luzifers Lächeln" und "Rauschen im Kopf" sowie der Erzählband "Die Erscheinung von Rovenska". Im Essay "Kurzer Bericht über eine lange belagerte Stadt - Gerechtigkeit für Sarajevo" antwortete er auf die Serbien-Aussagen von Peter Handke.

JanÇcar als auch ein scharfsinniger Analytiker gesellschaftlicher und literarischer Fragen. In dem eben erschienenen Essayband "Brioni" hat JanÇcar den Tito-Kult der neuen Kapitalisten beschrieben. Streitbare Beiträge setzen sich mit den Resten des Totalitarismus in Slowenien, mit Mitteleuropa und der europäischen Literatur auseinander. Vergangene Woche hat JanÇcar dieses im Folio-Verlag erschienene Buch in Wien präsentiert.

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