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Weder Verachtung noch Verklärung

Karl-Markus Gauß, angriffslustiger Österreich-Kritiker, nachdenklicher Beobachter und und lustvoller Entdecker widerständiger Traditionen, wird 50.

Ich bin ein Schriftsteller, dessen Thema vorübergehend die Literaturgeschichte war", schrieb der Romancier Antal Szerb, weil er in Ungarn hauptsächlich als Literarhistoriker bekannt wurde. Schriftsteller ist auch Karl-Markus Gauß, wenn er abseits der Trampelpfade der etablierten Literaturgeschichte zu Unrecht vergessene Autoren und widerständige Traditionen aus dem mitteleuropäischen Raum entdeckt - etwa in den 1988 erschienenen Porträts "Tinte ist bitter".

Gauß, der aus einer donauschwäbischen Familie stammt und seit Jahren den "versprengten Deutschen" nachforscht, hat die Abkoppelung Österreichs nach 1945 von den mitteleuropäischen Traditionen kritisiert und ist gleichzeitig kein Hurra-Europäer, weil er weiß, dass die oft beschworene "europäische Identität" mit einer Abgrenzung von den "Barbaren", von denen man sich abheben möchte, erkauft ist. Gauß hat sich an die Ränder Europas begeben und Minderheiten aufgespürt: die Sepharden von Sarajevo, die Sorben in der Lausitz, Deutsche in der slowenischen Gottschee, Arbëreshe - Nachkommen von Albanern - in Süditalien und Aromunen in Mazedonien. In diesem Jahr hat er in "Die Hundeesser von Svinia" seine Begegnungen mit den Roma am Rand der ostslowakischen Stadt KosÇice veröffentlicht - nicht als Ausflug in die Exotik, sondern als Plädoyer, dass auch dieser Slum zu unserer neuen EU-Welt gehört.

Von Anfang an ist Gauß ein kritischer Beobachter österreichischer Zustände. 1989 zog er im Essay "Der wohlwollende Despot" eine Linie österreichischer "Staatsschattengewächse" vom Umfeld Kaiser Josefs II. bis zu den Intellektuellen um Bruno Kreisky. "Ins unentdeckte Österreich" zwischen Verklärern und Verächtern des Landes führte er 1998, als er u. a. am Beispiel Heimito von Doderers die komplexen Verquickungen katholisch-österreichischer Sinnlichkeit beschrieb. Differenzierter als der zu jeder Aufregung bereite Robert Menasse, mit größerer historischer Tiefenschärfe als Josef Haslinger und vor allem mit einer wesentlich höheren Dosis Selbstkritik als Elfriede Jelinek oder Michael Scharang, die ihre kommunistischen Parolen von gestern hartnäckig verdrängen, geht Gauß in die widersprüchlichen Details und reduziert die österreichischen Ambivalenzen nicht auf bequeme Eindeutigkeiten. Die beiden Jahresbücher "Mit mir, ohne mich" und "Von nah, von fern" gehen nicht mehr von Themen aus, sondern von der eigenen Beobachtung, die sich an Begegnungen oder Autobiografie-Fragmenten ebenso entzündet wie an der täglichen Nachrichtenmaschinerie.

Neben dem eigenen literarischen Werk ist Gauß als Kritiker für die bedeutendsten deutschsprachigen Zeitungen tätig und hat die Zeitschrift Literatur und Kritik zu dem gemacht, was sie heute ist. Aus seiner reichen Kenntnis der Zeitungslandschaft schätzt er die Furche, weil hier die neoliberale Verachtung der Armen nicht den Ton angibt. So schreibt er alle vier Wochen seine "Federstiche" - wenn es sein muss auch am Krankenbett oder um vier Uhr früh, aber auf seine funkelnden Beobachtungen, in denen er den Zeitgeist aufspießt, ist Verlass. Sein 50. Geburtstag ist ihm, der unter Einsatz der eigenen Person schreibt, ein weiterer Anlass zur Selbstreflexion.

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