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"Weil Ihr solche Hundianer seid"

Zwei Briefe von Christine Lavant an Gerhard und Maja Lampersberg sowie Thomas Bernhard.

Brief an Gerhard und Maja Lampersberg und Thomas Bernhard vom 14. 11. 1957

Mitzili, Gerhard und Thomas!

Ihr Tonhof-Bagasch!

Schäbige! Ekelhafte!

"Widawarti!!!"1

Ja, Mitzili, wenn ich an Euch denk, dann krieg ich noch am ehesten mein Lästermaul wieder, weil Ihr solche Hundianer seid, die einen noch im Traum heimsuchen. Aber was hilft das schon! So gut funktioniert der Empfänger nämlich auch wieder nicht, daß ich wissen könnte, wie es Euch geht. Hast Du damals am End die Grippe bekommen? Bist ja gar nicht gut beisammen gewesen. Wie lang hat Wieland der Schmied2 Euch im Feuer gehabt? Seid Ihr wenigstens ein bißchen geläutert oder gehämmert? Läßt, lassen, Gerhard und Thomas noch so oft die Niese3 hängen wegen nichts und wieder nichts? Machen Sie Dich oft rabiat?

Aber im Ernst: Ist inzwischen wohl nichts Ungutes passiert? Bitte schreibt mir wenigstens eine Karte. Arbeiten die Lötter4 vielleicht. Hach, nein! Die sind ja sicher auf der Tournee?? Oder sind sie schon zurück? Aber daß die zwei mir von unterwegs keine Karte geschrieben hätten!? - Seid Ihr mir am End wegen was böse? Ich weiß, ich bin ziemlich komisch und vor allem tu ich mich so selten für was bedanken, weil mir das peinlich ist. Aus demselben Grund kann ich auch nicht um Entschuldigung bitten, auch wenn ich spür, daß es not wär, weißt Mitzili, es versteift sich dann immer etwas inwendig in mir. So: Und falls Ihr mir trotzdem noch wegen irgendwas bös seid, dann halt "ewige Rache!!"

Du, Schatz! Der Schafwolljanker ist etwas dünner und "nobler"ausgefallen, aber vielleicht magst ihn trotzdem. Meinem Sinn nach muß er Dir passen. Vielleicht findest noch wo in einem Ladl ein paar würdigere Knöpf. Die, die jetzt drin sind, werden sich immerfort denken: "daß ma lei wierdi is!?"5

Falls Ihr aber harb auf mich seid, braucht Ihr mir gar nicht zurückschreiben. Den Tonhof vergeß ich eh mein Lebtag nicht, und er wird auch nie auf mich harb sein, und das Ungeziefer, das drinn wohnt, ist eh nur von den ägyptischen Plagen zurückgeblieben.

Mein ja, die Agathe! Zurückschreiben kann ich ihr nicht, aber ich laß sie herzlich grüßen. Ihr Brief erinnerte an die Reden Gautamo Buddhas. Warum? Sag ich nicht! Sollen Euch nur die Finger und Zehen-Nägel vor Neugier herunterfallen.

Mit diesem frommen Wunsch

empfiehlt sich Euch

Hochachtungsvoll

Christine Lavant.

Kommentar:

1 Widawarti!!!: Ihr Widerwärtigen

2 Wieland der Schmied: Wieland Schmied gab 1961 "Wirf ab den Lehm", Gedichte und Erzählungen von Christine Lavant, im Stiasny Verlag, Graz, heraus. Hier Wortspiel mit Bezug auf die germanische Sagengestalt.

3 Niese: ironisch für Nase.

4 Lötter: mundartl. für Männer; Bösewichte, Spitzbuben, Kerle, aber größtenteils im scherzhaften Sinn.

5 daß ma lei wierdi is!?: mundartl. für: daß man nur würdig ist!?

Brief an Maja Lampersberg vom 22. 1. 1963

Liebe Maja.

Da schicke ich Dir Gerhards Manuskript1, auch seinen Brief. Vielleicht kannst Du das letzte Wort richtig lesen. Ich lese immer wieder "schlecht". Hoffentlich stimmts nicht. Was soll ich zum Manuskript sagen. Ich finde es schrecklich, daß er es schreiben konnte und noch schrecklicher, weil er es eigentlich sehr geschickt gemacht hat. Das Ärgste aber, daß er Dich so quasi gezwungen hat, es zu lesen. Auf alle Fälle möchte ich vor jedem Versuch, es zu veröffentlichen, warnen. Schon bei normalen Themen hat jeder Autor einer "Schlüssel"-Geschiche mit Schwierigkeiten zu rechnen. - Ich bin nicht sicher, ob Thomas ihn nicht klagen könnte und würde. Verzeih, daß ich das berühre, aber selbst denkt man oft an die einfachsten möglichen Folgen einer Handlung nicht. Ich weiß das von mir selbst. Immer öfter passieren mir größere oder kleinere Fehlhandlungen, dann wieder Unterlassungen vom Notwendigsten. Manchmal läßt es sich noch gut machen, aber oft auch nicht. Denn es genügt leider nicht, wenn man hinterher genau weiß, warum man so fehl hat handeln müssen. Bei mir resultiert fast alles aus der unnatürlichen Härte, in der ich mein Gemüt künstlich erhalten muß (weil ich sonst von H. mit Haut und Haar verschlungen würde), und anderseits aus der Angst, eben deshalb ständig unrecht zu tun. Auf diese Art kann natürlich nichts mehr stimmen, und es würde mich gar nicht wundern, wenn ich mich längst vor dem Mai (siehe Horoskop!) um alle mir gutgesinnten Menschen gebracht hätte.

Aber zurück zum Manuskript. Dieses Thema ist so heikel, daß es nur ganz kaltschnäuzig (à la Henry Miller) behandelt werden kann oder ganz visionär, etwa so wie Trakl seine kurze Prosa schrieb. Gerhards Art steht leider in der Mitte. Obwohl es furchtbar wirkt, daß er es schreiben konnte, sehe ich ein, daß er es mußte. Gerade jetzt. Auf mich macht es den Eindruck, als würde er unter keinen Umständen Thomas ganz verlieren wollen, deshalb nimmt er ihm alle Schuld ab. Ich weiß nicht, ob das stimmt. Aber sei es wie immer - die ganz Arme bist Du. - Der beste Satz im ganzen Manuskript ist: "Das Ungeheure ist der Himmel!"2 - Allerdings müßte mit dem "Ungeheuren" etwas anderes gemeint sein, nämlich das, was wir alle nicht bewältigen, die Liebe an sich und die ganze Summe ihrer Arten und Abarten.

Übrigens möchte ich Dir, sobald wir wieder einmal zusammenkommen, eine seltsame Ring-Geschichte erzählen - falls nicht gerade Du sie gründlich kennst. Aber auch dann noch bleibt sie für mich etwas seltsam Zartes, wie es nicht oft unter Menschen vorkommt.

Von Deinen Büchern sind mir zwei besonders zurechtgekommen, obwohl ich beide vor Jahren schon gelesen hatte. Es gibt Bücher, die sozusagen mit einem mitwachsen, so daß man in jeder neuen inneren Situation auch wieder was Neues aus ihnen lernt. Ich meine den "Golem" von Meyrink3 und das "Glasperlenspiel"4.

Ich danke Dir für alles, meine Maja, und bitte verzeih mir so lang als möglich alle Ungeschicktheiten, die mir passieren mögen.

Sobald Du mir Gerhards Adresse schreibst, werde ich ihm schreiben. Soll ich ihm ehrlich meine Meinung sagen, nämlich die Warnung, das Manuskript nicht an einen Verleger zu schicken???

Bitte grüße vielmals Deine Mama, auch die Finni und alle Bekannten, die Du triffst.

Ich bin noch gesund. Die Minka (Luisis Ältere) besucht mich jetzt öfter mit dem Kindl.5 Es ist ganz seltsam liebreizend. Nicht aufgetoggert6, eher ungepflegt, aber wirklich von einem Liebreiz, der nicht umzubringen ist. Mit seinem hohen, noch unartikulierten Stimmlein kann es stundenlang auf den häßlichen tibetischen Stein-Buddha einreden und dazwischen laut auflachen.

Natürlich besucht mich Minka, weil ich ihr helfen muß, aber das macht nichts, zu wem sonst sollte sie denn gehen, das arme Schaf. Seit einer Woche arbeitet sie wieder in der Fabrik. Mit der Zeit wird sie sich schon durchwursteln. Das Kindl tut mir sehr gut. Seltsamerweise hat auch H. H. nichts dagegen, denn das kleine Krötlein strahlt soviel unschuldige Freundlichkeit aus, daß auch er es empfindet.

Tu Daumenhalten für mich! Der Jänner ist immer so spannend, weil ich da immer noch nicht weiß, ob ich für das kommende Jahr wieder die "Förderungsprämie"7 bekomm oder nicht. Das "nicht" wage ich mir gar nicht ernstlich auszudenken, sondern hoffe und lebe lieber flott drauflos.

So, jetzt schnell zur Post, solang noch die Sonne scheint.

Behüt Dich Gott, Liebe. Mir bist Du ganz wie eine Schwester.

In vielem noch näher wie die 5 anderen. Sei nie harb auf mich. Bitte.

Deine Christl.

Kommentar:

1 Manuskript: Edition: gerhard lampersberg: diarium. Weitra: Publication P N° 1 - Bibliothek der Provinz 1992.

2 Das Ungeheure ist der Himmel!: vgl. diarium. Anton VI, Josef VII.

3 Meyrinks Roman "Der Golem" war eines von Christine Lavants Lieblingsbüchern.

4 Roman von Hermann Hesse.

5 Minka (Luisis Ältere) besucht mich jetzt öfter mit dem Kindl: Anna Aloisia und Sonja Rieder.

6 aufgetoggert: ma. "aufgemotzt", "hübsch zurecht gemacht"

7 Förderungsprämie: eine monatliche Zuwendung von Land Kärnten und Bund in der Höhe von 1.200 Schilling, die jedes Jahr neu bewilligt werden musste. Christine Lavant fürchtete, sie zu verlieren, seit sie nicht mehr regelmäßig publizierte.

Vorabdruck aus:

BRIEFE AN MAJA UND GERHARD

LAMPERSBERG. Von Christine Lavant. Herausgegeben von Fabjan Hafner und Arno Rußegger. Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien 2003. 168 Seiten, geb.

e 17,50

(Erscheint Mitte September)

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