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Feuilleton

Weit vor der Eigenen Tür

1945 1960 1980 2000 2020

KARL-MARKUS GAUSS ERKUNDET DIE WELT SUBJEKTIV, AUCH IN SEINEM JÜNGSTEN BUCH.

1945 1960 1980 2000 2020

KARL-MARKUS GAUSS ERKUNDET DIE WELT SUBJEKTIV, AUCH IN SEINEM JÜNGSTEN BUCH.

Was wäre, wenn Karl-Markus Gauß sein bisheriges Schriftstellerleben keinem anderen Thema gewidmet hätte als seinem eigenen Ich? Da würden ein paar Kritiker und Kommentatoren seines Werks ganz schön ins Schwitzen geraten. Sie haben sich doch gedacht, dass er uns Mitteleuropa nähergebracht hat. Wir waren doch alle dabei, als Gauß Sorben, Aromunen und die Sepharden von Sarajevo besuchte, wir fühlten uns nicht unwohl, als wir mit ihm einmal kurz bei den Zimbern vorbeischauten, und es schauderte uns, als er uns bei den Hundeessern von Svinia einführte.

Keine Frage, mit Gauß als Fremdenführer lernten wir etwas kennen von der Welt. Wir mieden Boulevards und Salons, wir folgten ihm lieber auf staubigen Landstraßen und in muffige Hinterzimmer. Wie trafen nicht Menschen, die uns die Welt rauf und runter erklärten, wir stießen auf jene unscheinbaren, wenn nicht gar verfemten Gestalten, um die sich niemand kümmert. Was, hören wir von den Lenkern und Denkern, haben uns denn die schon zu erzählen. Sie wissen ja nichts. Das sind jene, über die verfügt wird. Die haben uns nicht zu kümmern. Und so schaute sich eben Gauß dort um, wo niemand hinkam, und inzwischen findet ein reger Lesetourismus durch das Gauß-Land statt. So viel Welt, so viele Wirklichkeiten, so viele Figuren, die ihren Auftritt bekommen, bei Gauß geht es zu wie in lebensprallen Romanen. Man bangt mit den einen mit, man ärgert sich über andere, die einen finden wir auf der Stelle sympathisch, andere meiden wir wie Aussätzige.

Radikal subjektiv

Und was hat das alles mit Gauß zu tun? Mehr kann doch niemand von sich selbst absehen als dieser Schriftsteller, den es derart rastlos in die Fremde zieht. Oder? Das Erkunden der Welt ist aber nur ein Aspekt der Gaußschen Methode. Es zieht ihn hinaus, weil er ahnt, dass dort draußen, weit vor der eigenen Tür, noch etwas Unerforschtes, Geheimnisvolles liegen muss. Das beflügelt sein Forscherinteresse. Wie er dann mit seinen Entdeckungen verfährt, was er sich herauspickt, wie er es durch seine Sprach- und Reflexionsmaschine treibt, hat etwas einzigartig Individuelles. Die Objektivität, auf die sich Forscher -vergeblich zwar, aber immerhin -berufen, zieht bei diesem Querdenker nicht. Er ist die Instanz, die auswählt und der Beschreibung zuführt, und dabei verfährt er radikal subjektiv.

Die Gaußwelt ist eine, die nach seinen bevorzugten Interessen ausgestattet ist. In allem, was dieser Autor unternimmt, steckt er selbst mit Haut und Haar. Er pfeift auf Nüchternheit und Ausgewogenheit, er verfügt über ein ausgeprägtes Sensorium für Zuneigung und Aversion. Seine Welt ist all das, was ihm unter den Nägeln brennt. Beiläufigkeiten sind seine Sache nicht. Alles, worüber er schreibt, sind Haupt-und Staatsaktionen oder besser -im umgekehrten Sinn -Guillotine-und Rebellionsaktionen. Wo alles läuft wie geschmiert, eilt Gauß verächtlich vorbei. Er bleibt stehen und verschenkt seine Aufmerksamkeit, wenn es sich spießt und das Räderwerk der Gesellschaft ins Stottern gerät. Dann kommt er ins Erzählen.

Erzählen statt beschreiben

Doch, Karl-Markus Gauß erzählt. Seine Beobachtungen geraten ihm zu Geschichten von Helden, Untertanen und Widerständlern. Mit einer Beschreibungsliteratur hat er dennoch nichts im Sinn. Er, und wieder sind wir beim Individuellen, nimmt die Anschauung als Sprungbrett für die Reflexion. Zur Gauß-Methode gehört, dass er seine Gedanken rückführt auf persönliche Erfahrungen. Was ihm im Augenblick unterkommt, wird verankert in seiner Biografie.

Das lässt sich zeigen an einem Kapitel seines jüngsten Buches, repräsentativ für das Ganze: In Frankreich wird er des "ärgsten Grimassierer(s) meines Lebens" gewahr. Das gibt Anlass für eine Episode über einen Außenseiter. Der gibt das Stichwort ab für eine Assoziation, die nach Wien ins Belvedere führt, wo die Grimassenköpfe des Franz Xaver Messerschmidt ausgestellt sind. Jahrzehnte vor unserer Zeit sehen wir den jungen Gauß bei deren erster Besichtigung und bekommen ein Porträt des Künstlers mitgeliefert. Stichwort Messerschmidt: Der porträtierte Josef I. von Liechtenstein. Der interessiert Gauß, weil er den "Mohren" Soliman als Diener hatte. Dessen Schicksal erfahren wir sogleich. Aber wie kommt Gauß auf den Arzt Ernst von Feuchtersleben? Der steht familiär über einen kleinen Umweg mit Soliman in Verbindung. Gauß springt durch die Jahrhunderte, ganz wie er will. Wer möchte, bekommt eine Autobiografie seiner geistigen Entwicklung zu lesen.

Der Wald der Metropolen Von Karl-Markus Gauß Zsolnay 2010.304 S., geb., € 20,50

Was wäre, wenn Karl-Markus Gauß sein bisheriges Schriftstellerleben keinem anderen Thema gewidmet hätte als seinem eigenen Ich? Da würden ein paar Kritiker und Kommentatoren seines Werks ganz schön ins Schwitzen geraten. Sie haben sich doch gedacht, dass er uns Mitteleuropa nähergebracht hat. Wir waren doch alle dabei, als Gauß Sorben, Aromunen und die Sepharden von Sarajevo besuchte, wir fühlten uns nicht unwohl, als wir mit ihm einmal kurz bei den Zimbern vorbeischauten, und es schauderte uns, als er uns bei den Hundeessern von Svinia einführte.

Keine Frage, mit Gauß als Fremdenführer lernten wir etwas kennen von der Welt. Wir mieden Boulevards und Salons, wir folgten ihm lieber auf staubigen Landstraßen und in muffige Hinterzimmer. Wie trafen nicht Menschen, die uns die Welt rauf und runter erklärten, wir stießen auf jene unscheinbaren, wenn nicht gar verfemten Gestalten, um die sich niemand kümmert. Was, hören wir von den Lenkern und Denkern, haben uns denn die schon zu erzählen. Sie wissen ja nichts. Das sind jene, über die verfügt wird. Die haben uns nicht zu kümmern. Und so schaute sich eben Gauß dort um, wo niemand hinkam, und inzwischen findet ein reger Lesetourismus durch das Gauß-Land statt. So viel Welt, so viele Wirklichkeiten, so viele Figuren, die ihren Auftritt bekommen, bei Gauß geht es zu wie in lebensprallen Romanen. Man bangt mit den einen mit, man ärgert sich über andere, die einen finden wir auf der Stelle sympathisch, andere meiden wir wie Aussätzige.

Radikal subjektiv

Und was hat das alles mit Gauß zu tun? Mehr kann doch niemand von sich selbst absehen als dieser Schriftsteller, den es derart rastlos in die Fremde zieht. Oder? Das Erkunden der Welt ist aber nur ein Aspekt der Gaußschen Methode. Es zieht ihn hinaus, weil er ahnt, dass dort draußen, weit vor der eigenen Tür, noch etwas Unerforschtes, Geheimnisvolles liegen muss. Das beflügelt sein Forscherinteresse. Wie er dann mit seinen Entdeckungen verfährt, was er sich herauspickt, wie er es durch seine Sprach- und Reflexionsmaschine treibt, hat etwas einzigartig Individuelles. Die Objektivität, auf die sich Forscher -vergeblich zwar, aber immerhin -berufen, zieht bei diesem Querdenker nicht. Er ist die Instanz, die auswählt und der Beschreibung zuführt, und dabei verfährt er radikal subjektiv.

Die Gaußwelt ist eine, die nach seinen bevorzugten Interessen ausgestattet ist. In allem, was dieser Autor unternimmt, steckt er selbst mit Haut und Haar. Er pfeift auf Nüchternheit und Ausgewogenheit, er verfügt über ein ausgeprägtes Sensorium für Zuneigung und Aversion. Seine Welt ist all das, was ihm unter den Nägeln brennt. Beiläufigkeiten sind seine Sache nicht. Alles, worüber er schreibt, sind Haupt-und Staatsaktionen oder besser -im umgekehrten Sinn -Guillotine-und Rebellionsaktionen. Wo alles läuft wie geschmiert, eilt Gauß verächtlich vorbei. Er bleibt stehen und verschenkt seine Aufmerksamkeit, wenn es sich spießt und das Räderwerk der Gesellschaft ins Stottern gerät. Dann kommt er ins Erzählen.

Erzählen statt beschreiben

Doch, Karl-Markus Gauß erzählt. Seine Beobachtungen geraten ihm zu Geschichten von Helden, Untertanen und Widerständlern. Mit einer Beschreibungsliteratur hat er dennoch nichts im Sinn. Er, und wieder sind wir beim Individuellen, nimmt die Anschauung als Sprungbrett für die Reflexion. Zur Gauß-Methode gehört, dass er seine Gedanken rückführt auf persönliche Erfahrungen. Was ihm im Augenblick unterkommt, wird verankert in seiner Biografie.

Das lässt sich zeigen an einem Kapitel seines jüngsten Buches, repräsentativ für das Ganze: In Frankreich wird er des "ärgsten Grimassierer(s) meines Lebens" gewahr. Das gibt Anlass für eine Episode über einen Außenseiter. Der gibt das Stichwort ab für eine Assoziation, die nach Wien ins Belvedere führt, wo die Grimassenköpfe des Franz Xaver Messerschmidt ausgestellt sind. Jahrzehnte vor unserer Zeit sehen wir den jungen Gauß bei deren erster Besichtigung und bekommen ein Porträt des Künstlers mitgeliefert. Stichwort Messerschmidt: Der porträtierte Josef I. von Liechtenstein. Der interessiert Gauß, weil er den "Mohren" Soliman als Diener hatte. Dessen Schicksal erfahren wir sogleich. Aber wie kommt Gauß auf den Arzt Ernst von Feuchtersleben? Der steht familiär über einen kleinen Umweg mit Soliman in Verbindung. Gauß springt durch die Jahrhunderte, ganz wie er will. Wer möchte, bekommt eine Autobiografie seiner geistigen Entwicklung zu lesen.

Der Wald der Metropolen Von Karl-Markus Gauß Zsolnay 2010.304 S., geb., € 20,50