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Weltflüchtiger König

Das Stadttheater Klagenfurt beginnt seine Schauspielsaison mit Turrinis "Die Eröffnung".

Als der neue Klagenfurter Intendant Josef E. Köpplinger im Furche-Gespräch (siehe Nr. 36) äußerte, das Theater sei der Ort, wo das Unerträgliche des Lebens in gespielter Weise erst wieder erträglich werde, tat er das wohl nicht zuletzt unter dem Eindruck der Proben zu Peter Turrinis Stück "Die Eröffnung".

In dem Beinahe-Monolog lässt Turrini einen Schauspieler 90 Minuten über das Theater und das Leben bramarbasieren. Das Stück, mit dem auch der zukünftige Burgtheaterchef Matthias Hartmann einst seine erste Intendanz (im Jahr 2000 am Schauspielhaus Bochum) eröffnete, ist mehr als das, was seither darin erkannt wird. Denn was auf den ersten Blick als geschwätzige, etwas seichte "Liebeserklärung an das Theater" daherkommt, entpuppt sich beim zweiten Hinhören als wenig harmlose, gescheite und nicht minder vergnügliche Reflexion über das reale Leben, die Unmöglichkeit glücklich zu sein und die Notwendigkeit, sich Fluchträume zu schaffen.

Turrinis Monolog in einer …

"Ich eröffne Ihnen mein Leben", sagt der tragikomische Held, ein Schauspieler, der im Theater ein König, in der Wirklichkeit aber ein gescheiterter Liebhaber und Familienvater ist.

Der gebürtige Wuppertaler Roman Schmelzer verkörpert den vom Leben Enttäuschten, der sich nicht weniger als die Aufhebung der schlechten Realität mit den Mitteln des Theaters vorgenommen hat und selbst da auf ein geglücktes Leben verzichten muss, mit einem Hauch Genialität. Überzeugend und glaubwürdig spielt er virtuos einmal den kindlichen Schwärmer, dann wieder den genervten aber hingebungsvollen Erzieher, den egozentrischen Intriganten, den über Leben und Sterben sinnierenden Melancholiker oder den verlogen die Trennung von seiner Frau (Karola Niederhuber) stammelnden Ehemann. Schmelzers stupende Darstellungskunst und ansteckende-lust machen so nicht nur den "großen Schauspieler", sondern auch den Menschen fassbar.

Und mit dem Menschen, von dem es heißt, er habe eine "Sehnsucht nach einem Leben nach Plan und festem Text", kommt auch das kritische Potenzial des Stücks in den Blick. Nämlich der solipsistische Rückzug des Menschen in eine künstliche Welt, der Glaube, die Weltflucht allein sei noch seine einzige Lebensmöglichkeit.

Allerdings hat die Regisseurin Sibylle Broll-Pappe herzlich wenig Interesse, an der glänzenden, heiteren Oberfläche von Turrinis Textgewebe zu kratzen, um so die durchaus raueren, ernsten, auch unbehaglichen Schichten sicht- und hörbar zu machen. Gekonnt zwar, aber irgendwie allzu gefällig beschränkt sie sich auf die Bebilderung des Textes. Das ist schon vergnüglich, dort, wo es um die Möglichkeiten der Illusionsmaschine Theater geht. Wenn beispielsweise nur durch Fingerschnippen auf Sonnenschein prasselnder Regen mit anschließendem Hurrikan folgt.

… umjubelten Inszenierung

Das ist mitunter mit Ironie inszeniert, wenn beispielsweise "der Mann" von einem Konkurrenten (Livio Cecini) bestialisch erstochen und dann noch erschossen wird und das Geräusch des feuernden Revolvers deutlich aus einer anderen Richtung kommt. Es scheint kein Aufwand zu groß gewesen zu sein, die technischen Möglichkeiten des theatralen Illusionsapparates vorzuführen, um ihn umgehend wieder zu dekonstruieren. Auf Rainer Sinells Bühne gelingen da überraschende Effekte und schöne Bilder.

Besonders erwähnenswert der Anfang: Der Vorhang öffnet sich und gibt den Blick bis auf die Brandmauern frei, da schiebt sich von links und rechts eine verspiegelte Wand auf die leere Bühne und macht das Publikum minutenlang zum Hauptdarsteller.

Bedauerlich ist diese Effekthascherei nur darum, weil sie darüber vergisst, die prekäre conditio humana, von der das Stück eben auch handelt, anzusprechen. So leistet der Abend dem Vorschub, woran das Stück Kritik übt: dass wir glauben, in einer simulativen Welt leben zu können und sich das Reale dabei verflüchtigt.

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