Wenigstens Micaëla ist geblieben …

„Carmen“, als glanzvolle Neueinstudierung angekündigt, erwies sich, von Absagen geplagt, als veritable Enttäuschung im Haus am Ring. Die Einspringer garantierten nicht mehr als einen Repertoireabend – nur Anna Netrebko entsprach den in sie gesetzten Erwartungen.

„In der Musik gibt es nicht Besseres, als wenn man ein wunderbares Orchester und ein wunderbares Ensemble zur Verfügung hat“, schwärmte Mariss Jansons noch vor wenigen Wochen von seinem geplanten Debüt an der Wiener Staatsoper. Das Haus kennt er seit seiner Studienzeit bei Hans Swarowsky an der Wiener Musikakademie. Jansons, ließ Ioan Holender schon seit Jahren wissen, sei der einzige Dirigent, den er vor Ablauf seiner Direktionszeit noch unbedingt an sein Haus verpflichten wolle.

GaranÇca als Carmen – in München

Leicht waren die Verhandlungen nicht. Jansons, erklärter Perfektionist, wollte genügend Zeit für die Vorbereitung, ohne seine Aufgaben als Chefdirigent zweier Orchester zu vernachlässigen. So einigte man sich auf eine Neueinstudierung der – schon seit Dezember 1978 – im Repertoire der Staatsoper stehenden Produktion von „Carmen“. Und damit auf ein Stück, das Jansons seit seinen Studententagen in St. Petersburg begleitet: Als er damals erfuhr, dass es eine neue „Carmen“-Fassung von Walter Felsenstein gebe, aber wusste, dass das Sowjetregime es unmöglich machte, ohne Weiteres daran zu kommen, fuhr er mit seinem Vater, dem Dirigenten Arvid Jansons, nach Ost-Berlin, kopierte diese Version und verglich anschließend sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Fassungen. Bald dirigierte er die Oper, die ihn seither nie mehr los gelassen hat, in St. Petersburg.

Rolando Villazón sollte den Don José singen, Elina GaranÇca die Titelpartie, Anna Netrebko die Micaëla und eben Mariss Jansons sein längst fälliges Debüt im Haus am Ring bestreiten. Villazón hatte schon vor geraumer Zeit abgesagt. Knapp vor Probenbeginn musste auch Jansons von seinem Engagement zurücktreten; eine neuerliche Herzoperation duldete keinen Aufschub. Wenig später folgte Elina GaranÇca: Ein Eingriff hieß es, habe eine längere Rekonvaleszenz nötig gemacht. Die Ende des Monats beginnenden „Carmen“-Vorstellungen in München, dirigiert von ihrem Mann Karel Mark Chichon, wird sie, wie es gegenwärtig aussieht, allerdings wahrnehmen …

Solcherart von Absagen gebeutelt, ist es gewiss schwer, die selbstgestellten hohen Ansprüche zu erfüllen. Es ehrt die Direktion Holender, dass man darauf nicht mit dem Absetzen der gesamten Produktion geantwortet hat, sondern beim ursprünglichen Vorhaben geblieben ist und damit einem Shootingstar, dem 31-jährigen Jansons-Schüler und Chefdirigenten in Birmingham Andris Nelsons eine Chance gab.

Sir Simon war beeindruckt

Genützt hat sie der Lette, der mit Wagners „Lohengrin“ die diesjährigen Bayreuther Festspiele eröffnen wird, allerdings nur zum Teil. So temperamentvoll er anfangs loslegte, so dramatisch er das Finale anzulegen versuchte, so sehr gab es zwischendurch immer wieder Details zu hören, denen es an Spannung fehlte. Auch gegenüber den Sängern zeigte Nelsons zuweilen zu große Ehrfurcht, um eigene Vorstellungen durchzusetzen. Gelohnt hat sich sein Einspringen in der Staatsoper jedenfalls: Dem Vernehmen nach hat ihn Sir Simon Rattle bei der Probenarbeit beobachtet und ihn den Berliner Philharmonikern unverzüglich als Gastdirigent empfohlen.

Unterschiedlich auch die übrigen Protagonisten der zum 138.(!) Mal gezeigten Zeffirelli-Produktion, der man eine intensivere szenische Auffrischung gewünscht hätte. Die für GaranÇca eingesprungene Nadia Krasteva wusste gestalterisch nicht, stimmlich nur in Maßen zu überzeugen. Massimo Giordano fehlt es für einen packenden Don José nicht nur an vokalem Glanz, sondern auch an entsprechender Artikulation und beredter Phrasierung, Ildebrando D’Arcangelo machte zu deutlich, welche besonderen Anforderungen die Partie des Escamillo stellt. Rollendeckend Adrian Eröd als Moralès und Herwig Pecoraro als Remendado.

Bleibt die Micaëla von Anna Netrebko. Mag sein, dass sie der Rolle mittlerweile etwas entwachsen ist, man sich da und dort mehr Differenzierung in der Dynamik hätte vorstellen können. Aber in ihrer Art spielte und – vor allem – sang sie die Rolle nicht nur perfekt, sondern widerlegte auch das Klischee, dass es sich hier nur um eine Nebenfigur handle.

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