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Wenn alle die Hosen runterlassen …

Der Grillenparz ist ein dicht bewaldeter sanfter Hügel im oberen Kremstal unweit von Linz. Hierhin, an diese "Grenze zur Natur“, lässt Thomas Arzt, in der Spielzeit 2010/11 Hausautor am Wiener Schauspielhaus, in seinem Stück "Grillenparz“ die Leitung eines was auch immer produzierenden Unternehmens die Mitarbeiter und Investoren zur jährlichen Firmenfeier einladen. Was anfangs harmlos mit einem vagen Austausch über die schöne Aussicht, die Natur, über Ausländer und die zukünftigen Expansionspläne der Firma beginnt, kippt zusehends in sexuelle Anzüglichkeiten und endet schließlich - da hat die Regisseurin Nora Schlocker das Publikum schon längst jenseits der Alpenhüttenfassade auf der Bühne in beengter Bierzeltatmosphäre Platz nehmen lassen - in einem Exzess.

Denn wie selbstverständlich gerät die Betriebsfeier wie jedes Jahr zu einem wüsten Gelage, bei dem das kollektive Besäufnis bis zur Besinnungs- und wie sich zeigen wird auch Erinnerungslosigkeit noch zu den harmloseren Entgleisungen gehört. Ganz nach dem Credo dieser Feiern - "Heut Nacht scheißen wir auf unser Menschsein. Wir lassen die Hosen runter und ziehen uns eine Tierhaut über“ - entledigt sich das Personal allmählich aller Hemmungen. So fällt jeder über jede her. Der Betriebsrat Stieringer (Thiemo Strutzenberger) hält es mit seinesgleichen, dem obereren Management, mit der Personalchefin Hirsch (Barbara Horvath), während Winni von der Buchhaltung (Vincent Glander) es auf Bambi von der Außenstelle (Veronika Glatzner) oder auch auf die fesche Flora von der Verpackung, Halle E, Nachmittagsschicht (Franziska Hackl) abgesehen hat, die ihrerseits aber ganz dem geheimnisvollen Fischer, einem philosophierenden Jäger, zugetan zu sein scheint. Während sie sich schon immer einen erträumt hat, der sich zurecht findet in der Wildnis, schwadroniert er über Natur, den ansozialisierten Begrenzungsapparat des Menschen, der ihn daran hindere die Sau raus zu lassen, oder über die Sprache, die, wie er überzeugt ist, mehr Menschen zerstört habe, als jedes andere Medium. Und deshalb sei sie "ein riesen Haufen Scheiße die Sprache“.

Gesellschaft, Heimat, Triebe

Schließlich bringt Winni im Vollrausch zufällig Bambi um, entschuldigt das zynisch damit, dass sie nicht wirklich eine von uns gewesen sei, sondern von der Außenstelle die Regeln nicht kenne und daher eine Gefahr gewesen sei. Worin diese Gefahr besteht, ist in Thomas Arzts derb-komischem bis poetisch-assoziativem Stück, in dem es irgendwie um Gesellschaft, Heimat, die Triebnatur, Globalisierung und Sprache geht, aber kaum zu sagen. Die aus Tirol stammende Regisseurin Nora Schlocker - wie Arzt Jahrgang 1983 - bemüht sich um eine originelle Inszenierungsweise. Überzeugend ist ihre Regie dort, wo sie die Figuren genauer zu zeichnen vermag. Ob das Stück Bestand haben wird, ist höchst ungewiss. Die beiden jungen Theatermacher haben eine Talentprobe abgegeben. Aber nicht mehr.

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