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Wenn Coming-of-Age Frau-Werdung heißt

1945 1960 1980 2000 2020
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Bei den Europäischen Filmpreisen, wo "Girl" für den Hauptpreis nominiert war, gab es eine Auszeichnung in der Kategorie "European Discovery" für Regisseur Lukas Dhont. Zuvor aber gewann der Film in Cannes mit dem Preis "Un Certain Regard" den wichtigsten Nebenpreis. Dabei muss man der belgischen Produktion die grandiose Umsetzung einer heiklen Thematik und auch dem 16-jährigen Hauptdarsteller Victor Polster große Filmkunst konzedieren. Auf seine Weise kann "Girl" als einer der besten Film des gerade abgelaufenen Jahres gelten.

Lara ist 15 und will Balletttänzerin werden. Kein leichter Karrierewunsch. Lara kasteit sich dementsprechend und nimmt alles auf sich, was dazu notwendig ist. Aber Lara ist kein Mädchen -zumindest noch nicht. Sondern sie wurde als Victor geboren und hat den Körper des Knaben. Aber Lara weiß, dass sie ein Mädchen ist, und setzt - unterstützt vom alleinerziehenden Vater Mathias und Ärzten wie Psychologen -Schritte, dass aus ihr auch körperlich ein Mädchen wird. Das ist alles nicht einfach, zumal in ihrem Alter wohl schon mit einer Hormontherapie begonnen werden kann, auf chirurgische Veränderungen muss Lara aber noch warten. Derweil sucht sie, so wie sie eben ist, als Tänzerin zu reüssieren. Die Auswahlkommission des Balletts gewährt ihr eine achtwöchige Probezeit, in der sich auch die großen Schwierigkeiten, denen sie sich gerade physisch gegenübersieht, manifestieren. Die immer klobiger scheinenden Burschenfüße müssen in die Ballettschuhe für Mädchen gepresst werden -und das ist eben Kasteiung pur. Gar nicht zu reden von den psychischen Belastungen durch die Hormontherapie, aber auch durch die sozialen Umstände: Ein Mädchen, das noch ein Bursch ist, muss von der Umwelt als Mädchen akzeptiert werden, und auch die chemischen Maßnahmen, denen sich Lara unterzieht, verbauen einen Weg "zurück".

Mit großer Leichtigkeit und Einfühlsamkeit, aber auch Wahrhaftigkeit nähert sich Regisseur Lukas Dhont dieser Coming-of-Age-Geschichte eines Transgender-Settings. Der unbefangene Blick ermöglicht es seinen Zuschauern, sich in eine für die meisten fremde Welt und Denkart einzufühlen. Dhont nimmt nicht Stellung und fällt schon gar keine moralischen Urteile. Aber er zeigt eine Realität auf, wie sie bislang im Film kaum so thematisiert wurde. Ein großartig gelungenes Unterfangen.

Girl B/NL 2018. Regie: Lukas Dhont. Mit Victor Polster. Thimfilm. 109 Min.

Bei den Europäischen Filmpreisen, wo "Girl" für den Hauptpreis nominiert war, gab es eine Auszeichnung in der Kategorie "European Discovery" für Regisseur Lukas Dhont. Zuvor aber gewann der Film in Cannes mit dem Preis "Un Certain Regard" den wichtigsten Nebenpreis. Dabei muss man der belgischen Produktion die grandiose Umsetzung einer heiklen Thematik und auch dem 16-jährigen Hauptdarsteller Victor Polster große Filmkunst konzedieren. Auf seine Weise kann "Girl" als einer der besten Film des gerade abgelaufenen Jahres gelten.

Lara ist 15 und will Balletttänzerin werden. Kein leichter Karrierewunsch. Lara kasteit sich dementsprechend und nimmt alles auf sich, was dazu notwendig ist. Aber Lara ist kein Mädchen -zumindest noch nicht. Sondern sie wurde als Victor geboren und hat den Körper des Knaben. Aber Lara weiß, dass sie ein Mädchen ist, und setzt - unterstützt vom alleinerziehenden Vater Mathias und Ärzten wie Psychologen -Schritte, dass aus ihr auch körperlich ein Mädchen wird. Das ist alles nicht einfach, zumal in ihrem Alter wohl schon mit einer Hormontherapie begonnen werden kann, auf chirurgische Veränderungen muss Lara aber noch warten. Derweil sucht sie, so wie sie eben ist, als Tänzerin zu reüssieren. Die Auswahlkommission des Balletts gewährt ihr eine achtwöchige Probezeit, in der sich auch die großen Schwierigkeiten, denen sie sich gerade physisch gegenübersieht, manifestieren. Die immer klobiger scheinenden Burschenfüße müssen in die Ballettschuhe für Mädchen gepresst werden -und das ist eben Kasteiung pur. Gar nicht zu reden von den psychischen Belastungen durch die Hormontherapie, aber auch durch die sozialen Umstände: Ein Mädchen, das noch ein Bursch ist, muss von der Umwelt als Mädchen akzeptiert werden, und auch die chemischen Maßnahmen, denen sich Lara unterzieht, verbauen einen Weg "zurück".

Mit großer Leichtigkeit und Einfühlsamkeit, aber auch Wahrhaftigkeit nähert sich Regisseur Lukas Dhont dieser Coming-of-Age-Geschichte eines Transgender-Settings. Der unbefangene Blick ermöglicht es seinen Zuschauern, sich in eine für die meisten fremde Welt und Denkart einzufühlen. Dhont nimmt nicht Stellung und fällt schon gar keine moralischen Urteile. Aber er zeigt eine Realität auf, wie sie bislang im Film kaum so thematisiert wurde. Ein großartig gelungenes Unterfangen.

Girl B/NL 2018. Regie: Lukas Dhont. Mit Victor Polster. Thimfilm. 109 Min.