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"Wenn Demokratie brüchig wird"

1945 1960 1980 2000 2020

Der Zeithistoriker Gerhard Botz über den Prozess der politischen Radikalisierung, die Hoffnungen der Revolution und den Widerstand gegen die Nazis.

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Der Zeithistoriker Gerhard Botz über den Prozess der politischen Radikalisierung, die Hoffnungen der Revolution und den Widerstand gegen die Nazis.

Wie kommt es zur Destabilisierung einer Demokratie? Was kann man aus den Ereignissen um die NS-Machtergreifung lernen. Ein Gespräch mit dem Historiker Gerhard Botz.

DIE FURCHE: Herr Botz, wie ist es möglich, dass sich quer durch die Geschichte aus Demokratien Regime entwickeln?

Gerhard Botz: Im Grunde genommen kann die Kritik, die Infragestellung oder sogar die Beseitigung der Demokratie überall ansetzen. Die Gefährdung der Demokratie und letztendlich die Einschränkung von demokratischen Regierungsformen -das geschieht allerdings nicht plötzlich. So etwas bahnt sich schleichend an, manchmal deutlich, manchmal von kaum jemandem wahrgenommen. Viele meinen ja, dass sich stets von Anfang abzeichnet, was später einmal kommt. Aber Mussolini war nicht von Beginn an ein Faschist und Hitler nicht immer schon ein Nazi. Solche Dinge entwickeln sich mit der Zeit. Natürlich sieht man historische Ereignisse im Nachhinein anders. Wir stehen aber immer mitten im Geschehen. Man muss alles im historischen Kontext sehen. Der Kontext ist enorm wichtig, um das Versagen und die Beseitigung der Demokratie erklären zu können.

DIE FURCHE: Was bedeutet das konkret im Bezug auf die nationalsozialistische Diktatur?

Botz: Das heißt, dass die Machtübernahme der Nationalsozialisten nicht nur eine Folge des Wachstums der NSDAP, sondern auch der Veränderung der ganzen damaligen Umwelt geschuldet war. Ich als Zeitgeschichtler kann hier die Erfahrungen der Zwischenkriegszeit nicht außer Acht lassen. Denn man muss immer den geschichtlichen Rahmen bedenken.

DIE FURCHE: Apropos Zwischenkriegszeit: Welche Rolle spielten die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges in der nationalsozialistischen Machtübernahme?

Botz: Die alte Gesellschaftsordnung war durch den Ersten Weltkrieg total zerbrochen. Der Nationalismus wuchs. Die ehemals unterdrückten Nationen wollten nach dem Zerfall der Habsburger-Monarchie und des russischen Zarenreichs endlich ihre lange ignorierten Forderungen umsetzen. Diese Neu-Staaten waren ebenfalls nationalistisch geprägt. Die linken Revolutionen in Europa verunsicherten deshalb viele Menschen. Man hatte Angst vor Umstürzen, vor der linken "roten Gefahr" und den Juden, die oftmals das Kapital in der Hand hatten. Die alte Ordnung, wer in der Gesellschaft etwas zählte, gab es nicht mehr. Der Kaiser, die ganze Aristokratie, die immer an der Spitze gestanden war, war gestürzt worden. Die Verunsicherung war groß.

DIE FURCHE: Wie kann man sich die Situation um 1938 vorstellen?

Botz: 1938 war noch nicht erkennbar, wie radikal der Nationalsozialismus werden würde. Man konnte aber mit Sicherheit schon sagen, dass der Nationalsozialismus antisemitisch und antidemokratisch war. Viele Leute haben damals bereits von einem weiteren Weltkrieg gesprochen. 1938 war außerdem jedem klar, dass politische Gegner ausgeschaltet wurden. Das wurde aber akzeptiert, weil die Demokratien bereits brüchig waren. Die meisten Menschen hatten den Glauben an die Demokratie bereits verloren.

DIE FURCHE: Wieso war ihnen der Glaube an die Demokratie abhandengekommen?

Botz: In den letzten Jahrzehnten der Habsburger-Monarchie trat ein Demokratisierungsprozess ein, ein Prozess der Erkämpfung von sozialen Rechten. Es wurden Gewerkschaften gegründet, Regelungen der Arbeitszeiten eingeführt und das Wahlrecht etabliert. Es gab aber immer noch viele innerpolitische Konflikte. Die deutschsprachige, teilweise aber auch jüdische und deutsch-tschechische Bourgeoisie beispielsweise dominierte die Wirtschaft. Dann kam der Kollaps der Habsburger-Monarchie. Die Menschen erhofften sich von der Demokratie eine Lösung aller Probleme auf einen Schlag. Diese Erwartungen wurden aber enttäuscht, viele Probleme konnten nicht gelöst werden. Die Demokratie verlor damit an Glaubwürdigkeit.

DIE FURCHE: Wieso glaubte man, dass die Nationalsozialisten eine Änderung herbeiführen könnten?

Botz: Revolutionäre Vorgänge erhöhen den Glauben daran, dass alles besser wird, enorm. So war es auch unter den Nazis. In der Zwischenkriegszeit war die hohe Arbeitslosigkeit ein großes Problem. Die alten Kriegswirtschaften waren zerfallen, das multinationale Habsburgerreich gab es nicht mehr, die Rüstungsindustrie war kaum mehr existent. Es kam zu Unruhen und hohen Erwartungen an die Zukunft. Die Inflation zerstörte dann den Mittelstand. Die mittelständischen Beamten hatten zuvor große Wohnungen in Wien samt Hausmädchen gehabt, ihre Frauen mussten nicht arbeiten. Gerade die jüdische Position im Mittelstand war sehr stark. Deshalb wurden später unter den Nazis viele Juden aus eben diesen Wohnungen vertrieben. Bereits in den 1920er-Jahren hatten die linken Revolutionen ebenfalls an Glaubwürdigkeit verloren. Dieses Problem griff Hitler auf. Er sagte: "Die deutsche Revolution ist stecken geblieben." Die Christlich-Sozialen und die Sozialdemokraten fanden nie zusammen. Durch die Weltwirtschaftskrise und die hohe Arbeitslosigkeit gewannen die Nazis immer mehr Stimmen.

DIE FURCHE: Gab es Personen, die gegen die Anti-Demokratisierung einstanden?

Botz: Ja, zum Beispiel den Monarchisten Ernst Karl Winter. Er rechnete mit der Rückkehr der Aristokratie, die die zunehmende Spaltung der Gesellschaft und die wachsende Begeisterung für die Nationalsozialisten verhindern würde. August Maria Knoll, der wie Winter Mitbegründer der "Österreichischen Aktion" war, und Irene Harand, die Autorin von "Sein Kampf", sind weitere Beispiele. Das waren nicht unbedingt Demokraten, aber sie wollten die Herrschaft der Nazis verhindern.

DIE FURCHE: Was passierte mit jenen, die die Demokratie aufrechterhalten wollten?

Botz: Viel war von der Demokratie nicht mehr übrig. Aber die, die sich gegen die Anti-Demokratisierung wehrten, wurden unterdrückt, manche hingerichtet, manche kamen in Konzentrationslager.

Gerhard Botz

Gerhard Botz ist Historiker mit Spezialgebiet Nationalsozialismus in Österreich. Er ist (Mit-)Herausgeber der Studien zur Historischen Sozialwissenschaft (31 Bände seit 1982) und der Zeitschrift BIOS.

Klassiker in Neuauflage

Das Standardwerk von Gerhard Botz: "Nationalsozialismus in Wien. Machtübernahme, Herrschaftssicherung, Radikalisierung, Kriegsvorbereitung." Mandelbaum Verlag, Wien 2018. 728 Seiten, broschiert, € 34,-

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