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Feuilleton

Wenn der Erzähler ganz konkret wird

1945 1960 1980 2000 2020
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Wenn er Mythen, Sagen oder Geschichten aus der Bibel erzählt, hängt das Publikum begeistert an seinen Lippen. Michael Köhlmeier gehört zu den bekanntesten Erzählern Österreichs. Harmlos ist nicht, was die alten Geschichten berichten, angefangen beim Brudermord. Aber es scheint weit genug weg zu sein, um nicht all zu sehr zu verstören. In einer nebulosen, märchenhaften Zeit, gerichtet an eine unbestimmte Allgemeinheit. Nichts, was uns hier und jetzt so angeht oder angehen sollte, dass es Teil des politischen Diskurses werden müsste. (Welch ein Irrtum aber in Bezug auf alte Texte und ihre Brisanz.)

Wenig mehr als sechs Minuten dauerte Köhlmeiers stimmlich, stilistisch und inhaltlich beeindruckende Rede vergangenen Freitag im Rahmen der Gedenkveranstaltung des Parlaments. Sechs Minuten, die bei den einen Standing Ovations auslösten, bei Teilen der Regierungsparteien hingegen kritische, distanzierende Pressemeldungen in den Tagen danach. Dass er falsche Fakten genannt hätte, kann man Köhlmeier aber ebenso wenig vorwerfen wie unlautere Vergleiche. Verstörend war wohl vor allem, dass hier einer nicht bei allgemeinen Phrasen und in der Vergangenheit blieb, sondern in die Gegenwart blickte und dabei auch sehr konkret wurde. Wolfgang Sobotka habe ihm mit seinen Worten "Mut gemacht, die Dinge beim Namen zu nennen". Gesagt, getan. Nicht immer sind Schriftsteller klüger als der Rest der Welt. Sie können auch nicht immer besser reden. Aber nicht zuletzt weil sie Meister des Wortes sind, gibt es die gute Tradition, dass sie von offizieller Seite aus von Zeit zu Zeit eingeladen werden, in der demokratischen Öffentlichkeit nicht nur zu Literatur und Kunst, sondern auch zur Gegenwart Stellung zu beziehen. Auch dieser Diskurs ist Kultur, und er ist immer politisch. Was nicht unbedingt meint: parteipolitisch, auch wenn das gerne absichtlich so missverstanden wird. Die Anliegen "nie wieder" und "wehret den Anfängen" sind leicht gesagt, erfordern aber ein waches, genaues, vor allem selbstkritisches Hinsehen. Wenn diese Anliegen ernst gemeint sind, dann sollten Künstler nicht als bloßer Aufputz zu Veranstaltungen geladen und hernach dafür getadelt werden, dass sie dieser Rolle nicht entsprochen hätten. So manch ablehnende Reaktion der Zuhörenden zeigt, was dringend nottut: Wille zur Wahrnehmung, zur Selbstkritik, und -wie die Sendung "Im Zentrum" am Sonntag Abend zeigte -eine deutliche Distanzierung von Antisemistismus und Rassismus im Hier und Jetzt, in Wort und Tat.

Wenn er Mythen, Sagen oder Geschichten aus der Bibel erzählt, hängt das Publikum begeistert an seinen Lippen. Michael Köhlmeier gehört zu den bekanntesten Erzählern Österreichs. Harmlos ist nicht, was die alten Geschichten berichten, angefangen beim Brudermord. Aber es scheint weit genug weg zu sein, um nicht all zu sehr zu verstören. In einer nebulosen, märchenhaften Zeit, gerichtet an eine unbestimmte Allgemeinheit. Nichts, was uns hier und jetzt so angeht oder angehen sollte, dass es Teil des politischen Diskurses werden müsste. (Welch ein Irrtum aber in Bezug auf alte Texte und ihre Brisanz.)

Wenig mehr als sechs Minuten dauerte Köhlmeiers stimmlich, stilistisch und inhaltlich beeindruckende Rede vergangenen Freitag im Rahmen der Gedenkveranstaltung des Parlaments. Sechs Minuten, die bei den einen Standing Ovations auslösten, bei Teilen der Regierungsparteien hingegen kritische, distanzierende Pressemeldungen in den Tagen danach. Dass er falsche Fakten genannt hätte, kann man Köhlmeier aber ebenso wenig vorwerfen wie unlautere Vergleiche. Verstörend war wohl vor allem, dass hier einer nicht bei allgemeinen Phrasen und in der Vergangenheit blieb, sondern in die Gegenwart blickte und dabei auch sehr konkret wurde. Wolfgang Sobotka habe ihm mit seinen Worten "Mut gemacht, die Dinge beim Namen zu nennen". Gesagt, getan. Nicht immer sind Schriftsteller klüger als der Rest der Welt. Sie können auch nicht immer besser reden. Aber nicht zuletzt weil sie Meister des Wortes sind, gibt es die gute Tradition, dass sie von offizieller Seite aus von Zeit zu Zeit eingeladen werden, in der demokratischen Öffentlichkeit nicht nur zu Literatur und Kunst, sondern auch zur Gegenwart Stellung zu beziehen. Auch dieser Diskurs ist Kultur, und er ist immer politisch. Was nicht unbedingt meint: parteipolitisch, auch wenn das gerne absichtlich so missverstanden wird. Die Anliegen "nie wieder" und "wehret den Anfängen" sind leicht gesagt, erfordern aber ein waches, genaues, vor allem selbstkritisches Hinsehen. Wenn diese Anliegen ernst gemeint sind, dann sollten Künstler nicht als bloßer Aufputz zu Veranstaltungen geladen und hernach dafür getadelt werden, dass sie dieser Rolle nicht entsprochen hätten. So manch ablehnende Reaktion der Zuhörenden zeigt, was dringend nottut: Wille zur Wahrnehmung, zur Selbstkritik, und -wie die Sendung "Im Zentrum" am Sonntag Abend zeigte -eine deutliche Distanzierung von Antisemistismus und Rassismus im Hier und Jetzt, in Wort und Tat.