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Wenn die Welt ins Dorf einFällt

Lesungen und Gespräche in Gasthöfen, auf der Alm und in der Bauernstube: Brisante Themen bei den 44. Rauriser Literaturtagen, die von 26. bis 30. März stattfanden.

"Wissen Sie, wie ich mich freue, ich habe vier Monate nur geweint, heute lache ich“, unterbrach Tanja Maljartschuk unvermutet ihre Lesung, während der das Lachen des Publikums auf sie übergegangen war - oder war es umgekehrt? Es war ein Lachen mit Tränen. Das lag an den Texten des Romans, aus dem sie las: "Biografie eines zufälligen Wunders“. Das lag an der Situation der Ukraine, an die diese Texte erinnerten. Das lag an der Autorin, die mit ihrer charmanten Art und in exzellentem Deutsch (das erst drei Jahre alt ist) aus ihrem tragischen wie komischen Roman las und anschließend vom gebrochenen Verhältnis zu ihrer Heimat sprach. Sie hasse und liebe das Land, das sie vor drei Jahren verlassen habe - doch nun sei sie stolz, Ukrainerin zu sein. Und übrigens: Nicht Nationalisten hätten auf dem Maidan in Kiew den Wechsel herbeigeführt, sondern Menschen wie sie.

Lachen oder weinen

Man kann dieselben Geschichten so erzählen, dass man lachen kann oder dass man weinen muss, sagte Maljartschuk am Freitag Abend im Gespräch im Rauriser Gasthof Grimming. Und es war ziemlich still dabei im Raum, und die Anwesenden - eine bunte Mischung aus einheimischen Raurisern, aus Studierenden aller fünf germanistischen Institute Österreichs und aus Literaturbetrieblern - lauschten betroffen. Die Welt war ins Dorf eingebrochen, mit der Literatur kam auch die politische Wirklichkeit.

Maljartschuk war als Journalistin tätig. Sie merkte, dass es keine objektive Wahrheit gibt, dass sie die vielen Geschichten subjektiv erzählen müsse: "Ich will lügen“. Und doch sind ihre Geschichten wahr - "es ist nur ein bisschen dazugedichtet“ -, sie erzählen von der ukrainischen Wirklichkeit. In ihrem Roman "Biografie eines zufälligen Wunders“ beschließt Lena, den Nationalisten den Rücken zu kehren, sie nimmt ihnen den selbstgebastelten Molotow-Cocktail weg und versteckt ihn unter ihrer Matratze, denn "er könnte vielleicht nützlich sein, falls sie in Zukunft doch noch etwas in die Luft sprengen müsste“. Nachdem sie das gelesen hatte, kommentierte die Autorin: Heute holen wohl viele ihre Molotow-Cocktails aus den Verstecken …

Gesellschaftlich brisant

Dass die 44. Rauriser Literaturtage auffällig gesellschaftlich brisant waren, lag an den anwesenden Autoren wie Josef Winkler oder Sabine Gruber, wohl aber auch an dem Thema KAPITAL.GESELLSCHAFT. Beim nächtlichen "Gespräch über Literatur“, um 23 Uhr!, das dennoch viele Zuhörer fand, nahmen Evelyne Polt Heinzl, Sonja Puntscher-Riekmann und Kathrin Röggla die simple neoliberale Narration ebenso kritisch unter die Lupe wie die literarische Produktion und die Frage, ob die Betrüger von heute überhaupt das Zeug dazu hätten, eine Figur in einem Shakespear’schen Stück abzugeben, etwa jene des Verräters. Denn selbst Verrat setzt etwas voraus.

Die unwirtschaftlichste Art

Die unwirtschaftlichste Art Brot zu backen konnten die Autoren - wie jedes Jahr - unter Ausschluss der Öffentlichkeit bei Roswitha Huber auf der Kalchkendlalm ausprobieren. Da wurde dann auch über Vergangenheit und Zukunft der Rauriser Literaturtage diskutiert, die seit zwei Jahren von Ines Schütz und Manfred Mittermayer organisiert werden. Dass nun schon Studierende von fünf Universitäten anreisen und den Autoren im Platzwirt in Anwesenheit vieler Rauriser ihre vorbereiteten Fragen stellen, gehört zu den wertvollen Besonderheiten dieser Literaturtage. Vielleicht ist es für die Zuhörer sogar tröstlich, live zu erleben, dass auch (angehende) Germanisten irren können bei der Interpretation eines Textes, dass, was sie für Erfindung hielten, real ist, und umgekehrt.

Und dass eine fulminante, fast getanzte Lesung wie jene der Rauriser Literaturpreisträgerin Saskia Henning von Lange dazu führen kann, dass man einen Text völlig neu sieht, gehört zu jenen Erfahrungen, die nicht nur die Studierenden mit nach Hause nehmen konnten. Auf einmal bekommen die Sätze eine Melodie und der Text damit auch neue Bedeutung. Und manche der im Seminar vorbereiteten Fragen erübrigen sich.

Auch das ist Literatur - und in Rauris kann man das seit 43 Jahren ein paar Tage lang erleben.

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