Wenn die Welt Kopf steht

Der Maler Georg Baselitz mit großformatigen Wasserfarbarbeiten in der Albertina.

Seinerzeit verzweifelten Denker an der Verquertheit der Welt, oder zumindest an unserer Vorstellung von ihr. Karl Marx meinte, sein Vorgänger Hegel stünde am Kopf, und wollte ihn wieder auf die Füße stellen. Das politische System, das uns diese Umkehrung bescherte, wütete auch in einem Land von Seinerzeit, dem Arbeiter- und Bauernstaat DDR. In eben diesem Land schickte sich ein junger Maler an, die Welt bildnerisch zu erobern. Auch seine Vorgänger und Mitstreiter hatten die Welt immer nur beschrieben mit ihrem Abmalen der Natur. Dabei käme es auch hier darauf an, sie zu verändern - nicht in der politischen Kategorie, aber sehr wohl in der malerischen. So verschrieb sich der junge Maler der reinen Malerei. Aber eine Entwicklung hin zu ungegenständlichen Bilderfindungen schien ihm nicht zielführend. Was also tun, wenn man der Figur treu bleiben und trotzdem einer vordergründigen Rezeption als Abbildmaler entgehen möchte? Der junge Maler stellte die Welt, die Weltbilder seiner Vorgänger und Mitstreiter von den Füßen auf den Kopf. Dadurch konnte er nach wie vor den menschlichen Körper zum Vorbild nehmen und sich gleichzeitig ausschließlich um die Probleme der Malerei kümmern. In dieser Umkehrung und Umwertung liegt des Pudels Kern.

Mittlerweile leben wir nicht mehr im Seinerzeit. Der junge Maler von damals namens HansGeorg Kern hat längst den Wechsel zum bekannten Georg Baselitz vollzogen - so wichtig war ihm seine Geburtsstadt, dass er sich nach ihr benannt hat. Umstürzlerisch ist er geblieben, seine Bilder stehen nach wie vor auf dem Kopf. So sagt man zumindest landauf, landab. Dies trifft aber nur die halbe Wahrheit, denn die Bilder von Baselitz stehen zwar am Kopf, die Figuren auf den Bildern hingegen stehen nicht Kopf. Vielmehr sind die Baselitzschen Körper kopfüber am verquerten Horizont des oberen Bildrandes aufgehängt. Oftmals weiß man nicht, von wo sie da herunterbaumeln, manchmal stehen sie in einem irdischen Himmel.

Diesem Prinzip bleibt Baselitz auch in den riesigen Wasserfarbarbeiten in der Albertina treu. Expressive Zeichnungen werden durch gewaltige Farbmassen ergänzt, wobei die Duftigkeit der Wasserfarbe auch in dieser Größe erhalten bleibt. Die Kompositionstechnik erweitert Baselitz um Spiegelung und Drehung. So bekommen am Kopf stehende Körper wieder irdischen Boden unter die Füße. Bei einigen Arbeiten bleibt die Spiegelung auf eine Halbdrehung reduziert, überdies konkurrieren auf den Spiegelbildern immer noch zwei Standpunkte - kopfüber und aufrecht. Denn des Pudels Kern würde Baselitz wohl nie ganz aufgeben.

Georg Baselitz

The Monumental Watercolours

Albertina, Albertinaplatz 1, 1010 Wien

Bis 30. 11. tägl. 10-18, Mi bis 21 Uhr

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