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Wenn er kommt, der SCHWARZE HUND

Ein Künstler und ein Politiker von Weltruhm. Auf den ersten Blick gibt es gar nicht so viele Gemeinsamkeiten, aber sie sind Freunde: "Wir wollen einander versprechen, dass, wann immer einer Hilfe benötigt, der andere, wo immer auf der Welt er ist, alles liegen und stehen lässt und kommt!" Warum so große Worte? Ein so großes Versprechen? Winston Churchill und Charlie Chaplin teilen eine fundamentale grimmige Erfahrung, ihren inneren Kampf gegen den "schwarzen Hund". Wenn er kommt, beißt er einem in die Kehle, ja er beißt einem die Worte ab. Diese Depression ist so schlimm, dass sie sogar an das "radikale Trostmittel" Freitod denken lässt, über den die beiden auf ihren talk-walks oft diskutieren. Für die Außenwelt sind diese Gespräche jedoch tabu.

In seinem Roman "Zwei Herren am Strand" stellt Michael Köhlmeier eine Freundschaft in den Mittelpunkt, die nur auf einer Matrix gründet und trotzdem hält, vor allem aber imaginiert er, wie diese Freundschaft ausgesehen haben könnte. Inhaltlich hat er damit noch mehr erreicht, weil er aufgrund der Wahl seiner Protagonisten auch von einem halben Jahrhundert Film, Kunst und Politik erzählt.

Kunstvolles Erzählgeflecht

Köhlmeier entwickelt seinen Roman mittels eines kunstvollen Erzählgeflechts. Der Ich-Erzähler hat, so scheint es, die Geschichte sorgfältig recherchiert und scheut sich nicht, einen genauen Einblick in seine Quellen zu geben. Eine große Rolle spielen dabei private Zugänge zum Stoff. So ist der Vater des Ich-Erzählers Churchill und Chaplin persönlich begegnet. Aufgrund familiärer Rückschläge hat er wie die beiden Männer depressive Phasen durchlitten. Als Ablenkung schreibt er eine Churchill-Biografie und zur Aufheiterung geht er mit seinem Sohn ins Kino: So kommt der Ich-Erzähler in Kontakt mit Chaplins Filmen und mit Clowns. Neben dem Buch "Chaplins Tugend" des Journalisten Josef Melzer, das auf einem Interview mit dem Künstler beruhen soll, ist da aber noch eine Quelle, die Brieffreundschaft des besagten Vaters mit Mr. William Knott, "The very private Private Secretary to a very prime Prime Minister", den dieser bei einem Churchill-Symposion kennen lernt.

In diesem fiktionalen Erzählkosmos verankert Köhlmeier die Geschichte einer wundersamen Freundschaft. Chaplin, umstritten wegen zahlreicher Affären und mitten in einer Scheidungsschlammschlacht, der Schöpfer des Tramps, wird von der Presse zum Monster stilisiert. Just in diese Zeit fällt ihr Beginn, von dem Chaplin berichtet. Einst am Strand von Santa Monica soll diese Freundschaft während eines Spaziergangs entstanden sein. "Sie hatten einander die Tage geschildert, in denen sie von Mächten gekrümmt wurden, die nicht von dieser Welt waren." Schon im Alter von sechs Jahren wird Chaplin, dem Spross einer verarmten Künstlerfamilie, klar, dass "die Welt ... eine Elendsstätte voller Elendswesen" sei, die sich gegenseitig stoßen und es zu nichts bringen". Er erkennt seine Chancenlosigkeit und denkt an Selbstmord. Das alles erzählt er Churchill, dem es selbst nicht viel besser geht, obgleich er aus sehr begüterten Verhältnissen stammt. Das Internat nimmt er als Irrenhaus wahr, ja dieses Leben dort hemmt ihn geradezu. Einmal schleudert er dem Direktor Flüche ins Gesicht und greift in der darauffolgenden Nacht in die Kupferdrähte der Stromleitungen.

Chaplins künstlerische Arbeit

Souverän schildert Köhlmeier in einer losen Verschränkung der einzelnen Erzählstränge, deren Soundtrack die fiktionalen Begegnungen der beiden sind, Chaplins künstlerische Arbeit. Die Entwicklung vom Stummfilm zum Tonfilm, für den er die Musik komponiert. "Musik ja, Wort nein. Für das gesprochene Wort auf der Leinwand würde es keine Zukunft geben, das war ihm so einleuchtend, dass er sich zur Verteidigung der Pantomime ... nicht einen einzigen Gedanken zurechtlegte." Und doch war klar, dass der legendäre "stumme" Tramp wohl überall auf der Welt verstanden wurde. Es folgt die Arbeit am "Circus", mit der er unzufrieden ist, weil der Tramp plötzlich philisterhafte Züge bekommen hat, als Zugeständnis an das Publikum, das "ihm die Scheidung von Lita nicht verzeihen" will. Sein als "Meisterwerk" gepriesener Film "City Lights" oder "Modern Times" und schließlich "The Great Dictator" machen ihn weltberühmt. Hitler verbietet Chaplins Filme in Deutschland. Und dennoch hat Chaplin "mit den Waffen des Clowns zugeschlagen", obwohl gegen die Aufführung dieses Films mit einem Verbot in den USA intrigiert wird und der vermeintliche "Jude Chaplin" massenhaft Drohbriefe erhält.

Fiktion und Realität

Köhlmeier arbeitet die konträren Seiten der beiden Protagonisten heraus. Chaplins Genie einerseits, wenn es um den Film geht, seine Ideen und sein ideologisches Engagement gegen den Nationalsozialismus, andererseits seinen umstrittenen Umgang mit Frauen, seine Affären mit Minderjährigen, Egozentrik, Rücksichtslosigkeit und Herrschsucht: "Aber ich habe einen geschaffen, der besser ist als ich. Darin besteht meine Tugend."

Auch Churchill, der exzentrische Maler und Schreiber mit dem "plebejischen Dünkel", der dem Alkohol nicht abgeneigt ist, zeigt diesen Januskopf, seine Liebe zu seiner Familie, vor allem zu seiner jüngsten Tochter. Trotzdem ist er seelisch gefährdet. Aus Sorge, dass sich ihr Mann umbringen könne, kontrolliert seine Frau penibel die Waffen im Haus. Einer seiner beiden Briefe an Chaplin dokumentiert, wie er mit der Methode des Clowns den schwarzen Hund zu besiegen versucht. Köhlmeier beleuchtet auch seine politische Rolle im Zweiten Weltkrieg, als die ersten Luftangriffe auf England starten, es folgen Kabinettsitzungen im privaten Keller des Premierministers, tägliche Berichte im Buckingham Palast, ein Leben im lückenlosen Zeitkorsett fast bis zur völligen Selbstaufgabe.

Wie Köhlmeier seine Figuren zeichnet, das biografische und historische Material ausgewertet hat, dazwischen fiktionale Spuren legt und Churchill und Chaplin durch diese Zeit wandern lässt, das eröffnet ein interessantes Panorama auf das 20. Jahrhundert. Ein kluges Buch über das Komische und das Lachen, eine seltsame Freundschaft und das Unwegsame in uns.

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