Digital In Arbeit
Feuilleton

Wenn Lehrer auspacken und Bücher schreiben

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Zwei neue Bücher zum Schulbeginn: Niki Glattauer berichtet mit viel Witz über den Alltag in unseren Klassen. Das Augenzwinkern führt nicht immer zur Schärfe, die sensible Themen benötigen würden. Dennoch: Kein Experte konnte bisher so viel Gescheites so vergnüglich darlegen. Zudem: ein Ratgeber zur besseren Eltern-Lehrer-Kommunikation.

Niemand hat auf ein weiteres Buch zum Zustand heimischer Schulen gewartet. Zu viele Befunde liegen auf dem Tisch. Die Urteile sind fast immer dieselben: So kann es nicht weitergehen. Nun wurde es doch geschrieben, und man liest es gern. Es stammt von einem Betroffenen, der sowohl unterrichten als auch schreiben kann. Der Journalist und Lehrer Nikolaus Glattauer (Bild re.) tat das, was er laut eigenen Angaben niemals tun wollte: Er schrieb ein Buch: „Der engagierte Lehrer und seine Feinde – Zur Lage an Österreichs Schulen“. Der Titel ist eine Anlehnung an den Bestseller von Andreas Salcher: „Der talentierte Schüler und seine Feinde“. Warum diese Anspielung gemacht wurde, wird vom Autor nicht erklärt, könnte aber darin begründet liegen, dass Glattauer endlich mal die Leiden seines Standes zu Papier bringen wollte, zu viel wurde von Außenstehenden über die Schule gesagt. Diesmal ist es also die Sicht eines erfahrenen Pflichtschullehrers an einer Wiener Kooperativen Mittelschule im 18. Bezirk: Es besteht kein Zweifel am Insiderwissen. Verfeinert ist die lockere Analyse mit viel Witz und Selbstironie, dazu werden auch einige heiße Eisen angepackt, die ansonsten nur mit viel Herumdrücken, politisch korrekten Reden oder gar nicht angesprochen werden: etwa das Thema mangelnder Sprachkenntnisse von Schülern mit Migrationshintergrund oder der Berufstätigkeit beider Eltern, die zur Vereinsamung der Kinder führen kann.

Die Risiken des Wortwitzes

Manchmal spitzt Glattauer Themen, die ohnehin brisant sind, etwa die Sanktionsmöglichkeiten von Lehrern, derart zu, dass seine wirkliche Meinung nur schwer herauszudestillieren ist. Das trifft auch zu, als er den deutschen Skandal-Autor und Noch-Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin zur Migrationsdebatte zitiert (Seite 61/62). Manchmal kommt es einem auch so vor, als gerät er etwas in Stolpern vor lauter Anekdoten und Hinweisen, sprich, es gibt einige Gedankensprünge, denen man nicht ganz folgen kann. Dafür kann man seinen 21 Punkten, die er im letzten Kapitel als Ratschlag an die Leserinnen richtet, umso mehr folgen: Er wirbt für Gesamt- und Ganztagsschulen, für bessere Arbeitsplätze der Lehrer, für eine bessere Ausbildung künftiger Kollegen, um nur einige wichtige Punkte zu nennen. So mancher Rat wird aber etwas zu undifferenziert in den Raum gestellt, etwa Punkt 6: „Lasst uns Kinder wie normale Menschen behandeln und nicht wie rohe Eier!“ Hier geht Glattauer bis auf seinen Wunsch, als Lehrer auch mal explodieren zu dürfen, nicht weiter darauf ein, wie er nun mit unfolgsamen Kindern umgehen möchte. Mit Hausverstand? Er scheut sich aber auch nicht, einige brenzlige Punkte anzusprechen und Stellung zu beziehen, etwa: „Stoppt den Versuch, den Lehrberuf um jeden Preis zu akademisieren!“ (eine Meinung, die gegen etliche Expertenvorschläge geht). Für noch mehr Diskussion könnte sein Kapitel „Kevin allein zu Haus“ sorgen. Hier plädiert Glattauer klar dafür, dass einer der Elternteile für das Kind da sein sollte. Ratlos hinterlässt der Autor aber einen in der Frage der Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund. Glattauers Ausführungen und Anekdoten geben ein ernüchterndes Bild wieder bezüglich der Sprachkenntnisse so mancher Kinder in diesem Land, doch andererseits ist sein abschließendes Rezept dann doch zu wenig, um das bittersüße Unbehagen, das er durch seine witzigen Zwiegespräche erzeugt, zu zerstreuen: Schluss mit der „Migrationshintergrund“-Debatte! Hier hätte mehr Auseinandersetzung gut getan, so gut der Witz dem Buch auch tut, viel weiter bringt er einen gerade in dieser schwierigen und sensiblen Frage nicht.

Zuletzt ein Hinweis auf ein weiteres Buch zur Schule, das sich als Ratgeber versteht. Es ist angereichert mit praktischen Tipps und wurde von Heidemarie Brosche, selbst Mutter dreier Kinder und Lehrerin, verfasst: „Warum Lehrer gar (nicht) so blöd sind“. Ein hilfreiches Buch bei Eltern-Lehrer-Konflikten jeder Art. Und tatsächlich wird man nach der Lektüre beider Bücher die Perspektive unserer Pädagogen besser nachvollziehen können. – So, jetzt sind die Schüler dran.

Der engagierte Lehrer und seine Feinde.

Zur Lage an Österreichs Schulen. Von Niki Glattauer. Ueberreuter 2010, geb., 208 Seiten, e 19,95

Warum Lehrer gar (nicht) so blöd sind.

Und was kluge Eltern tun können, wenn die Verständigung nicht klappt. Von Heidemarie Brosche. Kösel 2010, 253 Seiten, e 16,40

Zwei neue Bücher zum Schulbeginn: Niki Glattauer berichtet mit viel Witz über den Alltag in unseren Klassen. Das Augenzwinkern führt nicht immer zur Schärfe, die sensible Themen benötigen würden. Dennoch: Kein Experte konnte bisher so viel Gescheites so vergnüglich darlegen. Zudem: ein Ratgeber zur besseren Eltern-Lehrer-Kommunikation.

Niemand hat auf ein weiteres Buch zum Zustand heimischer Schulen gewartet. Zu viele Befunde liegen auf dem Tisch. Die Urteile sind fast immer dieselben: So kann es nicht weitergehen. Nun wurde es doch geschrieben, und man liest es gern. Es stammt von einem Betroffenen, der sowohl unterrichten als auch schreiben kann. Der Journalist und Lehrer Nikolaus Glattauer (Bild re.) tat das, was er laut eigenen Angaben niemals tun wollte: Er schrieb ein Buch: „Der engagierte Lehrer und seine Feinde – Zur Lage an Österreichs Schulen“. Der Titel ist eine Anlehnung an den Bestseller von Andreas Salcher: „Der talentierte Schüler und seine Feinde“. Warum diese Anspielung gemacht wurde, wird vom Autor nicht erklärt, könnte aber darin begründet liegen, dass Glattauer endlich mal die Leiden seines Standes zu Papier bringen wollte, zu viel wurde von Außenstehenden über die Schule gesagt. Diesmal ist es also die Sicht eines erfahrenen Pflichtschullehrers an einer Wiener Kooperativen Mittelschule im 18. Bezirk: Es besteht kein Zweifel am Insiderwissen. Verfeinert ist die lockere Analyse mit viel Witz und Selbstironie, dazu werden auch einige heiße Eisen angepackt, die ansonsten nur mit viel Herumdrücken, politisch korrekten Reden oder gar nicht angesprochen werden: etwa das Thema mangelnder Sprachkenntnisse von Schülern mit Migrationshintergrund oder der Berufstätigkeit beider Eltern, die zur Vereinsamung der Kinder führen kann.

Die Risiken des Wortwitzes

Manchmal spitzt Glattauer Themen, die ohnehin brisant sind, etwa die Sanktionsmöglichkeiten von Lehrern, derart zu, dass seine wirkliche Meinung nur schwer herauszudestillieren ist. Das trifft auch zu, als er den deutschen Skandal-Autor und Noch-Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin zur Migrationsdebatte zitiert (Seite 61/62). Manchmal kommt es einem auch so vor, als gerät er etwas in Stolpern vor lauter Anekdoten und Hinweisen, sprich, es gibt einige Gedankensprünge, denen man nicht ganz folgen kann. Dafür kann man seinen 21 Punkten, die er im letzten Kapitel als Ratschlag an die Leserinnen richtet, umso mehr folgen: Er wirbt für Gesamt- und Ganztagsschulen, für bessere Arbeitsplätze der Lehrer, für eine bessere Ausbildung künftiger Kollegen, um nur einige wichtige Punkte zu nennen. So mancher Rat wird aber etwas zu undifferenziert in den Raum gestellt, etwa Punkt 6: „Lasst uns Kinder wie normale Menschen behandeln und nicht wie rohe Eier!“ Hier geht Glattauer bis auf seinen Wunsch, als Lehrer auch mal explodieren zu dürfen, nicht weiter darauf ein, wie er nun mit unfolgsamen Kindern umgehen möchte. Mit Hausverstand? Er scheut sich aber auch nicht, einige brenzlige Punkte anzusprechen und Stellung zu beziehen, etwa: „Stoppt den Versuch, den Lehrberuf um jeden Preis zu akademisieren!“ (eine Meinung, die gegen etliche Expertenvorschläge geht). Für noch mehr Diskussion könnte sein Kapitel „Kevin allein zu Haus“ sorgen. Hier plädiert Glattauer klar dafür, dass einer der Elternteile für das Kind da sein sollte. Ratlos hinterlässt der Autor aber einen in der Frage der Förderung von Kindern mit Migrationshintergrund. Glattauers Ausführungen und Anekdoten geben ein ernüchterndes Bild wieder bezüglich der Sprachkenntnisse so mancher Kinder in diesem Land, doch andererseits ist sein abschließendes Rezept dann doch zu wenig, um das bittersüße Unbehagen, das er durch seine witzigen Zwiegespräche erzeugt, zu zerstreuen: Schluss mit der „Migrationshintergrund“-Debatte! Hier hätte mehr Auseinandersetzung gut getan, so gut der Witz dem Buch auch tut, viel weiter bringt er einen gerade in dieser schwierigen und sensiblen Frage nicht.

Zuletzt ein Hinweis auf ein weiteres Buch zur Schule, das sich als Ratgeber versteht. Es ist angereichert mit praktischen Tipps und wurde von Heidemarie Brosche, selbst Mutter dreier Kinder und Lehrerin, verfasst: „Warum Lehrer gar (nicht) so blöd sind“. Ein hilfreiches Buch bei Eltern-Lehrer-Konflikten jeder Art. Und tatsächlich wird man nach der Lektüre beider Bücher die Perspektive unserer Pädagogen besser nachvollziehen können. – So, jetzt sind die Schüler dran.

Der engagierte Lehrer und seine Feinde.

Zur Lage an Österreichs Schulen. Von Niki Glattauer. Ueberreuter 2010, geb., 208 Seiten, e 19,95

Warum Lehrer gar (nicht) so blöd sind.

Und was kluge Eltern tun können, wenn die Verständigung nicht klappt. Von Heidemarie Brosche. Kösel 2010, 253 Seiten, e 16,40