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"Wer erzählt, der HOFFT"

1945 1960 1980 2000 2020

Er ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren: Rafik Schami über Politik, Religion und die Kunst des Erzählens.

1945 1960 1980 2000 2020

Er ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren: Rafik Schami über Politik, Religion und die Kunst des Erzählens.

Suheil Fadél wurde am 23. Juni 1946 als Sohn einer melkitischen (griechisch-katholischen) Familie in Damaskus geboren. Nach der Machtergreifung von Hafiz al-Assad flüchtete er 1971 nach Deutschland. In Heidelberg promovierte er zum Doktor der Chemie. Noch als Referent bei einem großen Pharmakonzern war er zugleich Mitbegründer der Reihe "Südwind-Gastarbeiterdeutsch". Unter dem Pseudonym Rafik Schami (= Damaszener Freund) entstehen seit Ende der 70er-Jahre in rascher Folge literarische Texte. Zu seinem umfangreichen Werk gehören Romane, Erzählungen, Märchen und Satiren ebenso wie Kinderbücher und Essays. Zuletzt erschien das Kinderbuch "Wie sehe ich aus, fragte Gott". Der Autor erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Anfang Juni wird ihm auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart der Preis der interreligiösen Stiftung "Bibel und Kultur" verliehen. Rafik Schami lebt mit seiner Familie in der Vorderpfalz.

DIE FURCHE: Längst sind Sie, Rafik Schami, einer der erfolgreichsten deutschen Autoren. Ihre Bücher liegen in 28 Sprachen vor, die Gesamtauflage überschritt die Grenze von fünf Millionen. Allein der dtv hat vor Jahren das Erscheinen Ihres millionsten Taschenbuchs gefeiert. Haben Sie selbst eine Erklärung für diese sagenhafte Resonanz?

Rafik Schami: Es ist ein Glück, dass ich in Deutschland gelandet bin. Die Bundesrepublik ist ein wunderbares Bücherland. Von hier aus konnte ich die anderen Sprachen erreichen. Mein Erfolg hat wohl mehrere Gründe. Einmal, weil ich von Anfang an meinen eigenen Stil gepflegt und mich nicht auf die Verführung eingelassen habe, irgendeinen westlichen berühmten Autor nachzuahmen. Das ist eine verbreitete Krankheit in den arabischen Literaturen. Wir haben ein Heer von hinkenden arabischen Kafkas, Hemingways, Marquez' und Tolstois. Mein Stil ist eine orientalisch-okzidentalisch-damaszenisch-mündlich-magisch-satirische Mischung, mit einem Wort: Schami. Mit meinen frei gehaltenen Erzählungen gewann ich ein treues Publikum, und seit etwa 20 Jahren sind fast alle Lesungen ausverkauft. Dieser öffentliche Erfolg durchbrach die Schweigemauer, mit der mich alte Feuilletonisten zunächst aus reinster Nächstenliebe umzingelt hatten.

DIE FURCHE: Wenn Sie an Ihre Anfänge in der literarischen Außenseiter-Gruppe "Südwind" zurückdenken: Was bedeutet Ihnen dieser Erfolg?

Schami: Der Erfolg ist besser als sein Ruf, wenn man ihn wie eine Bestie unter Kontrolle hält. Er bedeutete für mich ganz einfach Sicherheit für meine Familie - und mitten im Bürgerkrieg für drei weitere Familien in Damaskus. Auch half er mir, jede eventuelle Arroganz eines Lektors in die Schranken zu weisen. Ich schreibe und veröffentliche nur das, was ich will. Und Erfolg ließ mich schließlich den Genuss der freiwilligen Bescheidenheit kosten.

DIE FURCHE: Erfolg verdirbt, sagt man gern ...

Schami: Solche Menschen waren vorher schon verdorben. Der Erfolg hat es nur publik gemacht.

DIE FURCHE: In Presse und Wissenschaft kategorisiert man Sie immer noch gern als Vertreter einer "migrantischen Literatur". Würden Sie sich diese Zuschreibung zu eigen machen?

Schami: Das hängt mit der Faulheit dieser Personen zusammen. Ich habe nichts dagegen. Auch hatte ich nichts dagegen, als mich ein paar Idioten "Märchenonkel" nannten. Meine Literatur wird all diese künstlichen und zum Teil gehässigen Kategorisierungen überleben.

DIE FURCHE: Tatsächlich stehen Ihre Texte einzigartig quer zur hiesigen Gegenwartsliteratur. Vielleicht erklären sich von hier auch sowohl diese Schubladen als auch die anfängliche Reserviertheit des Feuilletons, das aber seit dem Erscheinen von "Erzähler der Nacht", 1989, zu Ihnen übergelaufen ist. Jene prägenden Anteile mündlich-magischer Traditionen der Welt Ihrer Herkunft, auf die Sie eingangs verwiesen: Wie verhalten sie sich zu dem Kulturkreis der westlichen, rational codierten Moderne?

Schami: Da ich als Kind bereits die französische Kultur kennengelernt und als Jugendlicher Amerikaner, Russen und Briten, Lateinamerikaner und Chinesen gelesen habe, war ich bereits vorbereitet, noch bevor ich in Deutschland ankam. Aber diese Behauptung ist ein gängiges, beliebtes Klischee über die europäischen Literaturen. Ich könnte Ihnen eine lange Liste von europäischen Erzählern nennen, die so magisch, so märchenhaft erzählen, dass Scheherazade und Marquez stolz auf sie wären. "Rational" heißt aber nicht langweilig, heißt nicht, spannungslos zu erzählen und 300 Seiten lang den Lesern nur inhaltslose Kapriolen der Sprache oder die Nabelschau eines eitlen Autors zuzumuten. Nichts kostet mehr Recherche und mehr reflexive Bewusstheit als ein magischer Realismus, als ein fantastischer Text, der in die Herzen und Köpfe der Menschen will und rationale Verkürzungen unserer Lebenswelt unterläuft. Den Kritikern empfehle ich übrigens nicht zu vergessen, dass der erste moderne Roman "Don Quixote" war!

Von Anfang an habe ich mir die Freiheit genommen, selektiv zu lesen und ich fühlte mich keine Sekunde verpflichtet, Langweiler zu lesen und zu bewundern, auch wenn sie den Nobelpreis bekamen. Ich wollte eben literarisch meinen eigenen Weg gehen - und herausgekommen ist dabei eben jener Schami-Stil aus sehr verschiedenen Anteilen.

DIE FURCHE: Es gibt einen Essay von Walter Benjamin über den Erzähler, anhand eines sehr gut gewählten Beispiels übrigens, Nikolai Leskow. Wenn man ihn weiterdenken will, könnte Erzählen in seiner eigentlichen Form als ein zutiefst humaner, allem Einschränkenden und Verzweckenden gegenüber subversiver Akt verstanden werden, als eine verwandelte und verwandelnde Erfahrungswelt, die noch aus der realistischen Vergegenwärtigung aufsteigt. Erkennen Sie darin eine gewisse Gleichgestimmtheit?

Schami: Ja, sicher. Erzählen ist immer mit einer humanen Hoffnung verbunden. Wer erzählt, der hofft. Wenn wir verlernen, selbst zu erzählen oder Erzählern zuzuhören, sind wir verloren, bei lebendigem Leibe tot. Auch die düsterste Erzählung kann Keime einer Zukunft ohne Düsterkeit tragen. Beim Erzählen sehe ich oft ein Bild vor mir: Eine weise alte Frau erzählt einem Kind, das Angst vor der Dunkelheit hat, eine Geschichte -und wie das Kind sich dann beruhigt und sanft einschlafen kann.

Erzählen kann nicht links oder rechts sein. Es ist Aufklärung oder, wenn es sich untreu wird, Verdummung. Nach meiner Erfahrung gelingt die Aufklärung umso mehr, je besser, ehrlicher und authentischer man erzählt und auf Moralpredigten verzichtet.

Der genuine Erzähler setzt immer einen reagierenden Zuhörer voraus. Sind Ihnen Kontakte zum Publikum wichtig, und welche Erfahrungen machen Sie dabei, auch auf die Fortentwicklung Ihres Schaffens bezogen?

Schami: Sie werden sich über meine Antwort wundern. Ich schreibe Bücher, damit ich weiter mündlich erzählen kann, ohne mich zu wiederholen. Das mündliche Erzählen ist für mich der höchste Genuss. An zweiter Stelle kommt das Erfinden von Geschichten. Dann natürlich die Begegnung mit dem Publikum: der Zauber, wie Erwachsene, die vom Alltag beladen oder abgestumpft kommen, sich nach zehn Minuten in lauschende Kinder verwandeln. Das sind für mich Glücksmomente. Die Kunst des mündlichen Erzählens erfordert Respekt vor dem Publikum. Das Schreiben weniger. Ohne Respekt entsteht keine mündliche Erzählkunst. Meine große Freude ist, dass meine Literatur inzwischen generationenübergreifend angenommen wird. Die Zuneigung meines Publikums erleichtert mir die Arbeit, nimmt aber kaum Einfluss auf Inhalt und Stil meiner Geschichten.

DIE FURCHE: Seit zehn Jahren erscheinen Ihre Bücher auch auf Arabisch. Was verändert sich bei diesem Transfer zurück? Gibt es Unterschiede in Ihrer west-östlichen Wahrnehmung?

Schami: Die Antwort auf diese kluge Frage müsste eigentlich einer Doktorarbeit völlig genügen. Kurz: Ja, es ist im Grunde wie immer beim Übersetzen eine neue Erfindung der Geschichte. Ich übersetze nicht selbst, aber meine Korrekturen sehen manchmal so aus, dass ich ganze Kapitel neu formulieren muss. Nicht weil die Übersetzer schlecht sind, sondern weil sie meine Voraussetzung nicht besitzen, meinen Stil, den ich oben angedeutet habe, nicht verstehen. Gerade sitze ich an der Übersetzung meines tausendseitigen Romans "Die dunkle Seite der Liebe". Der Übersetzer ist hervorragend und dennoch kennt er die vielen kleinen Dinge im Leben der Gassen, im besonderen Umgang unter aramäischen Christen, nicht, und er ist kein Damaszener.

Die Unterschiede in der Wahrnehmung bereiten heute keine große Schwierigkeit mehr, da die arabischen Leser auch vielschichtige Vorgehensweisen jener internationalen Schriftsteller gewohnt sind, die ins Arabische übersetzt werden. Nicht zuletzt ist die Übersetzung meiner Bücher aber ein Sieg der Freiheit über die Diktatur. Sie erscheinen unzensiert in Beirut in einem kleinen, aber sehr guten Verlag. Die Leserschaft ist ein wenig erstaunt darüber, dass ich zu den Wurzeln zurückkehre und sie von dort überwinde.

Ich habe sogar vor genau zwei Jahren ein entschiedenes Werk zur Reform der arabischen Sprache, die seit über tausend Jahren nicht mehr reformiert wurde, geschrieben und es in Form einer magischen Geschichte aufgebaut: "Glocken läuten für ein schönes Wesen", heißt das große Buch. Die Resonanz war überwältigend. Ein weiser Prinz liegt in einem Heidelberger Krankenhaus. Er ist schwer krank. Ich wurde beauftragt, ihn gegen ein gutes Honorar zu betreuen, und wir unterhalten uns mit großer Spannung über die arabische Sprache, ihre Schönheit und ihre Probleme. Die Operation gelingt, und der Prinz erholt sich langsam. Eine Freundschaft entsteht, und die Geschichte entwickelt sich sehr dramatisch weiter - aber ich erzähle sie ein andermal.

DIE FURCHE: Wenn man Autoren nach ihrem Lieblingsbuch fragt, erhält man meist zur Antwort: das, an dem ich gerade schreibe. Was also wäre Ihr Lieblingsbuch?

Schami: Bei mir ist das ein wenig anders. Es ist - neben der Bibel - das Buch, das gerade aus der Druckerei heil herausgekommen ist. Im Herbst, hoffe ich, wird dies der Roman "Sophia, oder der Anfang aller Geschichte" sein.

DIE FURCHE: Die Welt Ihrer Herkunft jedenfalls ist frühchristliches Ur-Terrain. Nicht zuletzt in jenem großen Roman "Die dunkle Seite der Liebe" - einem Panorama der neueren syrischen Geschichte, das der jüngst verstorbene Fritz J. Raddatz "ein Wunderding der Prosa" genannt hat -setzen Sie ihm ein Denkmal. Dort fallen freilich auch herbe Schatten auf das Zusammenleben der christlichen Konfessionen untereinander wie auf das der Religionen. Erlebten Sie Christen und Moslems als einander letztlich fremd, ja feindlich gesonnen, selbst wenn beide Araber sind?

Schami: Die Frage des komplizierten Zusammenlebens der Bekenntnisse hat mich lange beschäftigt. Man kann ewig jammern, dass Judentum, Christentum und Islam in einem zu engen Raum eingepfercht sind, der zu allem Unglück auch noch die ganze Geschichte hindurch eine Kampfarena war. Ich stelle ihnen ein anderes, nur imaginäres Bild vor: Das Judentum wäre in Australien, das Christentum in Indonesien und der Islam in Kanada beheimatet. Wir hätten ganz andere Verhältnisse dieser Religionen zueinander gehabt. Aber leider ist dies nur eine hilflose Fantasie. Tatsache bleibt: Die große historische Konfrontation fand bis zur Gründung des Staates Israel nur zwischen Muslimen und Christen statt, und da wurde mit der Religion Politik (sprich: Krieg) gemacht. Es ist aber niemals gut gegangen, wenn Politik und Religion ineinander übergehen. Die Ruhephasen - manchmal, wie in Spanien, dauerten sie Jahrhunderte - versprachen friedliche Koexistenz, doch diese stand auf filigranen Stelzen, und beim ersten Schuss brach sie zusammen.

Nun, große historische Katastrophen können überlebt werden -aber sie überleben als mahnende Erinnerung im Gedächtnis der Opfer. Und hier ist der komplexe Knoten dieser Beziehung der Bekenntnisse. Jede dieser drei großen Religionsgemeinschaften war entlang der Geschichte sowohl Opfer wie Täter. Das Gedächtnis aber selektiert die eigenen Untaten und behält nur die eigenen Schmerzen. Damit haben wir heute zu tun. Auch die IS-Verbrecher kann man nicht verstehen, ohne die Opfer-Täter-Entwicklung zwischen Sunniten und Schiiten.

Ihre eigene Biografie ist eng verschränkt mit der politischen Situation in Syrien. Gerade zur jüngsten Entwicklung haben Sie mehrfach Stellung bezogen. Gleichwohl: trügt der Eindruck, dass Sie es leid sind, darauf - und vor allem darauf - angesprochen zu werden?

Schami: Während der ersten Phase des friedlichen Aufstands, 2011/12, habe ich viele Essays geschrieben und Interviews gegeben. Doch die zweite Phase der sich bekämpfenden bewaffneten Gruppen hat eine lähmende Wirkung auf den zivilen Aufstand. Und langsam spüre ich, dass wir uns wiederholen. Bei jeder Auseinandersetzung wurde ich aufs Neue gefragt, da die Medien kaum noch Journalisten vor Ort haben. Ich wollte diese Rolle nicht spielen und Lückenschuster für die Medien sein. Seitdem kümmere ich mich um Kinder und Jugendliche, die wahren Verlierer eines jeden Krieges. Das erfüllt mich mehr mit Hoffnung als noch eine Kolumne und noch ein Interview über den Krieg im Land meiner Herkunft zu geben.

DIE FURCHE: Haben Sie eine Vorstellung davon, was jetzt realistisch noch möglich sein könnte, um wenigstens die weitere Eskalation der Gewalt einzudämmen? Und was die Rolle des Westens betrifft: Hat er nicht allzu viel Kredit bei den arabischen Bevölkerungen verspielt?

Schami: Realistisch gesehen kommen die Syrer alleine nicht aus dieser Sackgasse. Sie brauchen Hilfe von außen. Diese Hilfe aber wird bis heute nicht geleistet. Der Westen hat eine historische Chance verspielt, den arabischen Völkern tatkräftig gegen die Diktaturen zu helfen und sie effektiv beim Aufbau einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaftsordnung zu unterstützen und nicht alles den Islamisten in Saudi-Arabien und Katar zu überlassen. Vor allem Obama trifft die Schuld, dass die USA hier völlig falsch und historisch unbelehrbar auf die falschen Leute setzten, so dass der Iran nicht auf seine nationalen Grenzen verwiesen, sondern zu einer regionalen Supermacht wird. Inzwischen haben die Iraner ihre Hände im Jemen, dem Irak, in Syrien und dem Libanon. Wie sonst wollen die USA mir erklären, dass ihre Verbündeten, wie der Libanon, den bewaffneten Hisbollah-Milizen - den Handlangern der Iraner - erlauben, über die Grenze ins Nachbarland einzufallen, wo sie ungestraft foltern und morden? Jene Administration, die die deutsche Bundeskanzlerin aushorcht, will davon ernsthaft nichts gewusst haben? Ohne Hisbollah und die Iraner wäre Assad längst gestürzt. Oder wissen die Amerikaner nicht, das Katar den IS finanziert? Wenn sie es wissen und nichts dagegen tun, ist es ein Verbrechen. Wenn Ihnen all das aber unbekannt sein sollte, ist es eine Katastrophe für die führende Macht des Westens.

Haben Sie die Hoffnung, irgendwann einmal Ihre alte Heimat wieder besuchen zu können?

Schami: Meine Hoffnung stirbt erst mit mir. Realistisch, wie ich bin, glaube ich aber, dass dieser Besuch ein wenig Zeit braucht. Mich stören die Trümmer wenig. Denn meine Liebe zu meinem Land wird durch das Mitleid erst recht bestärkt. Und ich bin sicher, diese Trümmer werden irgendwann beseitigt. Viel mehr erschrecken mich die Trümmer in unseren Seelen, die Wunden, die ein solcher Krieg unter Brüdern zurücklässt und die lange, lange brauchen, um zu heilen. Darin sehe ich meine Rolle: im Plädieren für Verzeihung, Vergebung und Toleranz, im Auftreten gegen Rache und für Hände, die einander erreichen wollen. Darin bestünde übrigens die hauptsächliche Rolle eines jeden syrischen Intellektuellen - sonst verdient er diesen Namen nicht.

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