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Wer erzieht, muß wissen, was er will

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Wie heute erziehen? Diese Frage stellen sich viele Eltern in einer Gesellschaft, die sich nicht auf gemeinsame Werte einigt. Im folgenden eine Ermutigung.

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Wie heute erziehen? Diese Frage stellen sich viele Eltern in einer Gesellschaft, die sich nicht auf gemeinsame Werte einigt. Im folgenden eine Ermutigung.

dieFurche: Unsere Gesellschaft steckt in einer Orientierungskrise, die sich in großer Unsicherheit bei allen Wertungs-, Norm- und Zielfragen äußert. Deshalb - so meinen Sie - sind unsere Kinder mehr als früher und länger als früher auf gute Erziehung angewiesen. Aber was setzt gute Erziehung voraus?

Wolfgang Brezinka: Am wichtigsten ist eine gute seelische Verfassung der Erzieher, die sich in ihrem Verhalten äußert. Kinder lernen vor allem am Beispiel ihrer nächsten Mitmenschen. Deswegen brauchen sie in ihrem Lebensraum genügend gute Beispiele für das, was sie an Wissen und Können, an Einstellungen und Tugenden erwerben sollen. Sie sind lernbegierig und lobbedürftig, und darum richten sie sich im großen und ganzen nach dem, was von ihnen erwartet wird. Das gilt aber nur, wenn ihre erwachsenen Partner einig sind, und wenn die gleichen Anforderungen dauernd durchgehalten werden. Gute Erziehung gelingt am ehesten, wenn es im gemeinsamen Lebensraum eine gute Sitte gibt, nach der sich die Erwachsenen ebenso richten wie die Heranwachsenden. Zur guten Sitte gehören auch Ideale, die für alle Mitglieder der Gemeinschaft gelten: die anerkannten Muster des guten Menschen und der guten Lebensführung. Sie beeinflussen die Gesinnung des einzelnen und stützen sie. Sie bilden zugleich die gemeinsamen Ziele für die Erziehung der Kinder.

dieFurche: Unsere Kinder finden einen Zeitgeist vor, der moralisch kraftlos, unentschieden und nachgiebig ist. Sie leben in einer Gesellschaft, die nach dem Zeugnis ihrer führenden Denker in einer schweren Orientierungskrise steckt, deren Ausgang ungewiß ist.

Brezinka: Die Orientierungskrise ist eine Krise der Wertorientierung. Damit meine ich eine Krise der Überzeugungen von dem, was Wert hat, was anzustreben und was abzulehnen, was höher und was niedriger zu bewerten, was vorzuziehen und was zurückzustellen ist. Sie äußert sich bei den einzelnen Menschen durch Unsicherheit des Wertbewußtseins und der Werteinstellungen. Sie äußert sich beim Zusammenleben durch Uneinigkeit über die grundlegenden Normen und über eine gemeinsame Rangordnung der Güter. Jede Krise der Wertorientierung bewirkt auch eine Erziehungskrise. Unsicherheit beim Werten führt auch zu Unsicherheit beim Erziehen. Wer erzieht, muß wissen, was er will. Er braucht Erziehungsziele, und er muß Mittel wählen, durch die sie erreicht werden können.

Eltern, Lehrer und alle anderen Erzieher sind dazu verpflichtet, ihre Kinder, ihre Schüler, ihre Schutzbefohlenen so zu beeinflussen, daß sie jene wertvollen Persönlichkeitseigenschaften erwerben und beibehalten, die zu einem lebenstüchtigen Menschen gehören. Ebenso sollen sie dafür sorgen, daß negativ bewertete Eigenschaften nicht erworben werden oder wieder verschwinden. Wir alle sind nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich verpflichtet, die Jugend gegen sittliche, geistige oder körperliche Verwahrlosung zu schützen.

dieFurche: Was sind die geistigen Ursachen der Krise?

Brezinka: Zur Orientierungs-, Wertungs- und Erziehungskrise unserer Zeit haben vor allem drei Leitgedanken beigetragen: der Rationalismus, verstanden als einseitige Überschätzung der Vernunft, der Individualismus, verstanden als einseitige Überbetonung der Interessen des Einzelmenschen und der Hedonismus, verstanden als einseitige Überbewertung von Lust, Vergnügen und Genuß als höchste Güter. Jeder dieser Leitgedanken hat auch Auswirkungen auf die Erziehungstheorien und Erziehungspraktiken gehabt. Die höhere Bewertung von Intelligenz und kritischem Denken wurde mit Geringschätzung für das Gemüt verbunden.

Die einseitige Überbetonung der Interessen des Einzelmenschen hat die Bereitschaft geschwächt, sich in Gemeinschaften einzuordnen und berechtigte Autoritätsforderungen anzuerkennen. Die Überbewertung von Lust, Vergnügen, Genuß - verbunden mit dem individualistischen Lebensgefühl - hat die Erwachsenen moralisch gespalten und der Jugend den Weg zur Lebenstüchtigkeit erschwert.

dieFurche: Worum geht es beim Erziehen?

Brezinka: Vieles hat sich in der Sprache geändert. Es herrscht die Vorstellung gewisse Tugenden, moralische Grundhaltungen seien verkommen oder gar nicht mehr aktuell. In Wirklichkeit haben sich nur die Namen dafür geändert. Denken Sie an das Grunderziehungsziel Tüchtigkeit, Lebenstüchtigkeit. Das Wort ist uns verlorengegangen, ist uns abhanden gekommen und an dessen Stelle sind Namen wie Kompetenz oder Grundqualifikation getreten, die in meinen Augen schlechtere Namen sind für das alte Ideal "Lebenstüchtigkeit" oder Disziplin, Selbstdisziplin, ein zentraler Begriff seit der Antike, unerläßlich als Erziehungsideal. Das ist vor allem durch die neue Linke und andere permissive Strömungen verketzert worden. Tatsächlich findet es sich aber unter anderen Namen wie Selbstkontrolle, Arbeit an sich selbst auch heute wieder. Es gibt keine Vorschläge für moderne Erziehungsziele, wo es in der Sache nicht wieder auftaucht.

Warum? Weil zur menschlichen Natur gewisse Leistungen gehören, die dann in Form von Leistungsfähigkeiten, sprich Tugenden, formuliert werden müssen. Und da der Mensch ein Triebwesen ist mit potentiell ungezügelten Antrieben, ist er auf Zucht, Selbstzucht, auf Disziplin angewiesen. Heute haben junge Menschen dazu gar keine Beziehung mehr, aber die Sache kann man ihnen sehr wohl klar machen. Man darf nicht den Verlust von alten Ausdrücken für moralische Grundhaltungen verwechseln mit dem Verlust des Verständnisses für diese Grundhaltungen.

dieFurche: "Emanzipatorische Pädagogik" ist heute ein Sammelname für pädagogische Ansichten, in denen dazu aufgefordert wird, die "Emanzipation" zur leitenden Idee aller Erziehung zu machen - das heißt doch auf deutsch "die Befreiung"?

Brezinka: Emanzipation als höchstes Ideal zu propagieren, geht nur auf Kosten des Gegenteils, der Bindung. Jede Übertreibung eines in sich vernünftigen Ideals ohne das Gegenideal mit zu berücksichtigen, führt zu verheerenden Irrtümern. Bei der emanzipatorischen Pädagogik war es ebenso, daß die begrenzte Berechtigung von Kritik an Autoritäten, an Traditionen völlig isoliert zum höchsten Gut gemacht worden ist, und die Unentbehrlichkeit von seelischen Bindungen an geistige Güter, die nicht in Frage gestellt werden, zusammengehen müssen. Wenn ich mich von allen Idealen, weil sie überliefert worden sind, durch Eltern, Lehrer, Institutionen, emanzipiere, dann bleibt das leere Individuum übrig, das hilflos ausgesetzt ist den nächsten Verführern.

dieFurche: Geht nicht mit dem Traditionsverlust die Über-Individualisierung Hand in Hand?

Brezinka: Natürlich, denn ich muß mir ja eine Identität, eine sichere Orientierung im normativen Bereich aufbauen. Wenn ich den überlieferten Orientierungsgütern entfremdet bin, dann bleibt mir gar nichts anderes übrig, als aus den zufällig angeschwemmten Elementen mir irgend etwas zusammenzubasteln. Daher dieser modische Ausdruck: Bastel-Identität. Und das ist natürlich völlig utopisch. Das kann ja nicht halten. Denn die grundlegenden Glaubensüberzeugungen oder Orientierungsgewißheiten, die müssen früh eingeübt werden. Seit Platon, Aristoteles ist es Gemeingut der Erziehungstheorie und der Moralphilosophie, daß Tugenden eine übereinstimmende Orientierung der nächsten Mitmenschen voraussetzen, im gewissen Sinne eine weltanschauliche, moralisch geschlossene Umgebung. Wo die nicht mehr da ist, können Tugenden nicht einwurzeln.

dieFurche: Sind wir noch erziehbar?

Brezinka: Natürlich sind wir erziehbar. Sicher fällt der Familie die Hauptverantwortung und die Hauptlast zu. Familienerziehung ist auch heute noch aussichtsreich und lohnend, wenn wir uns aus sicheren Wertüberzeugungen liebevoll, klug und geduldig um diese scheinbaren Kleinigkeiten kümmern. Von den Familien aus lassen sich auch in einer wertunsicheren Gesellschaft viele wertsichere Lebensräume schaffen, erhalten und ausbauen, in denen das Erziehen wieder leichter werden wird, als es derzeit ist.

Das Gespräch führte Gerhard Ruis.

Zur Person Praktiker und Theoretiker einer modernen Erziehung Wolfgang Brezinka ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Erziehungstheoretiker der Gegenwart. Seine Hauptwerke zur Erziehungswissenschaft, zur praktischen Pädagogik und Philosophie der Erziehung gehören mittlerweile zu den Standardwerken seines Fachs. Geboren 1928 in Berlin, 1951 Promotion zum Dr. phil. in Innsbruck, 1954 Habilitation in Innsbruck, 1960 Professor für Pädagogik und Vorstand des Instituts für Erziehungswissenschaft. 1967 - bis zur Emeritierung 1996 - ordentlicher Professor der Erziehungswissenschaften an der Uni Konstanz. Im Laufe seines Wirkens war er stets heftigen Angriffen ausgesetzt ("pädagogischer Herkules"), Vorwurf der "Wissenschaftsgläubigkeit", "weltanschauliche Unverbindlichkeit" und "humanitärer Atheismus". Brezinkas Bemühen war stets gegen die Zersplitterung und Pseudo-Spezialisierung des Fachs Erziehungswissenschaft gerichtet, ein unkritisches Studium der Pädagogik könne sich seiner Meinung nach heute nur als "verdummend" auswirken.

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