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Wer rüttelt die Wiener Oper wach?

Die Hälfte der Spielzeit ist überschritten und die Wiener Staatsoper hat wieder einmal bewiesen, dass sie mit ihren vorzüglichen Musikern für solide Qualität sorgen kann. Publikum bleibt nicht aus. Es besteht zwar zu einem großen Teil aus Touristen, die der allzeit lächelnde Direktor nicht mit Plastiksackerl-Touristen verwechselt wissen will, die mitunter schon in den Pausen das Weite suchen. Die Neuinszenierungen waren bisher mit Ausnahme von "Josephs Legende" alles andere als aufregend. Von neuen Sichtweisen, spannenden Beziehungsgeflechten, ja von Leidenschaft war kaum etwas zu spüren.

Mozart wird wie zuletzt bei "Idomeneo" ziemlich beiläufig interpretiert; bei Mussorgskis "Chowanschtschina" erinnert man sich an eine nahezu konzertante Aufführung mit einer sündteuren, sinnlosen Liftanlage und beim neuen "Rigoletto" an den indisponierten Simon Keenlyside, den man auf offener Bühne entwürdigend "im Regen" stehen ließ und für den es keinen adäquaten Ersatz gab. Im Repertoire gibt es zwar noch erste Sänger -selten genug auch erste Dirigenten -meist jedoch verstaubte Inszenierungen. Ob man neuen Generationen Oper so näherbringen kann, darf bezweifelt werden. Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst ist nicht zuletzt wegen eines fehlenden Konzeptes zurückgetreten.

Oper wird im Haus am Ring gespielt, weil sie dort immer schon gespielt wurde. Das scheint zu genügen und ist doch völlig ungenügend. Musiktheater muss etwas mit unserer Zeit, unseren Gefühlen zu tun haben. Es muss unter die Haut gehen, es muss begeistern, Diskussionen auslösen und darf uns nicht kalt lassen. Verbindlichkeit, Ruhe und das Zufriedenstellen aller kann kein Konzept sein. Längst ist eine Dornenhecke um das schöne Haus gewachsen. Dornröschen Staatsoper wartet auf eine Prinzessin oder einen Prinzen, die es wach küsst oder noch besser wach rüttelt.

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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