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Westerweiterung

Was bedeutet die EU-Erweiterung für die Kultur? Ist eine Globalisierung des Denkens ein Schutz vor nationalem Provinzialismus oder nur eine immer stärkere Uniformierung der Kultur? Kommen "kleine" Sprachen unter die Räder? Drei Schriftsteller aus den Beitrittsländern zeigen in ihren Antworten: Die EU-Erweiterung ist nicht nur ein politisches und wirtschaftliches Faktum, sondern eines Kulturereignis ersten Ranges . Redaktion: Cornelius Hell Die schönen Künste von Warschau bis Tirana vermitteln spezifische Erfahrungen an ihre neuen westlichen Partner.

Aufgrund meiner langjährigen Tätigkeit als Leiter eines Kulturinstituts wurde ich Zeuge eines merkwürdigen Prozesses, der alle Züge der europäischen Integration in sich birgt und trotzdem die Eigenart aufweist, nicht ganz in die üblichen Vorstellungen über die Einigung des Kontinents hineinzupassen. Ich denke an die Erweiterung der kulturellen Beziehungen der ehemaligen Länder des "real existierenden Sozialismus" auf die westlichen Partner.

Um nur einige Beispiele aus meinem unmittelbaren Bereich zu nennen: Es handelt sich dabei um Phänomene, die vor nur 15 Jahren in dieser Form noch kaum vorstellbar gewesen wären: Die Präsenz der Slowakei sowie von Rumänien und Bulgarien als Themenschwerpunkte auf der Leipziger Buchmesse sowie die Frankfurter Schwerpunktthemen Ungarn und Polen im Herbst 1999 bzw. im Jahre 2000 gehören zu dieser Reihe. Hinter solchen Großprojekten stecken jahrzehntelange Anstrengungen der betreffenden Länder, ihre geistige Autonomie und Identität zu bewahren, zu praktizieren und gegenüber der mit mehr Glück gesegneten Hälfte des Kontinents zu demonstrieren.

Geistige Autonomie

Worin besteht der Unterschied zwischen diesen ostmitteleuropäischen Bestrebungen und jenem Geflecht politischer, wirtschaftlicher und militärischer Maßnahmen, die auf das vereinte Europa abzielen und als deren organischer Bestandteil auch die kulturelle Annäherung zu betrachten wäre? Ich sehe hier drei spezifische Gesichtspunkte:

Erstens sind diese Prozesse nicht in dem Maße und in der Weise steuerbar wie zum Beispiel die Schaffung eines einheitlichen Finanzsystems, die Angleichung der Gesetze verschiedener Staaten oder die Entsendung multinationaler Friedestruppen in Krisengebiete. Kultur entsteht spontan, individuell und erzeugt immer wieder Unvorhersehbares. Für Politiker kann sie prestigefördernd, gleichzeitig jedoch auch höchst unbequem werden.

Zweitens ist die ostmitteleuropäische Kultur nicht so einseitig auf die westlichen Partner angewiesen, wie es die Industrie oder die Landwirtschaft der ehemaligen Comecon-Mitgliedstaaten sind oder zu sein glauben. Die Begabung eines Imre Kertész, einer Herta Müller oder eines Josef Skvorecky braucht keine Joint-Ventures zu ihrer Entfaltung. Diese Literatur liefert auch keine Rohstoffe für die Weiterverarbeitung, sondern Fertigprodukte von hoher Qualität, und sie ist alles andere als zahlungsunfähig. Ihr Kurs auf der europäischen Kulturbörse ist stabil und zeigt eine steigende Tendenz - denken wir nur an den Nobelpreis von Kertész im Oktober 2002. Alles in allem: die schönen Künste von Warschau bis Tirana haben einiges zu bieten; sie vermitteln historische und ästhetische Erfahrungen, die jenseits der Leitha in den letzten Jahrzehnten zur Mangelware geworden sind. Sie tragen dieses Gut über die nunmehr offen gewordenen Grenzen nach Wien, Berlin und Paris. Diese Expansion von Lesungen, Konzerten und Ausstellungen ist der bescheidene östliche Versuch einer Westerweiterung. Anders als in der Politik und Wirtschaft soll bei dieser Westerweiterung keine Warteliste aufgestellt und sollen die potenziellen westlichen Empfänger nicht nach Kategorien von Bevorzugung oder Benachteiligung behandelt werden.

Das dritte wichtige Merkmal des kulturellen Intergrationsprozesses sehe ich, wiederum in Abweichung von anderen Bereichen, darin, dass hier auf keinen Fall eine Vereinheitlichung der Formen und Inhalte angestrebt werden darf. Mag sein, dass die Ähnlichkeit von Tomaten in den Niederlanden und in Italien, der Telefonkarten vom Ural bis Portugal oder des Hotelservices in allen Erdteilen eine zivilisatorische Errungenschaft ist, die Konsum und damit möglicherweise Lebensqualität fördert. Kultur hat jedoch mit dieser Einheitsvielfalt nichts zu tun. Ihr eigentliches Lebenselement war immer die Unterschiedlichkeit von Formen, Sprachen, Nationen und Traditionen. Dies ist vor allem deswegen wichtig zu betonen, weil in der Zeit zwischen der Wende von 1989 und heute ein weltweiter kultureller Paradigmenwechsel stattgefunden hat. Ich denke an die Auswirkungen der neuen Medien, die das gesamte Umfeld der althergebrachten Kultur in Ost und West radikal verändern.

Kultur lebt vom Unterschied

Parallel dazu läuft der sparpolitisch bedingte Abbau der kulturellen Einrichtungen. Es werden Kinos, Theater, Galerien und Buchhandlungen dichtgemacht, während das virtuelle Imperium im öffentlichen und privaten Bereich sowie in den Köpfen mit jedem Tag an Terrain gewinnt.

Damit möchte ich nicht den wohlbekannten internetfeindlichen Kulturpessimismus verbreiten. Kein Dichter, kein Maler oder Komponist darf seine Tätigkeit in einem Konkurrenzverhältnis zu den besagten Medien definieren - dies wäre ein Selbstmordversuch. Die traditionelle Kultur muss für sich bestehen bleiben, ihren Platz unter der Sonne eines vereinigten Europas selbst finden, erkämpfen und behalten. Dies wäre, wenn man so will, die gemeinsame ost-westliche Kulturagenda 2004.

Der Autor leitete mehrere Jahre das Haus Ungarn in Berlin und veröffentlichte zuletzt das Buch "Ungarn in der Nußschale. Geschichte meines Landes". (C.H.Beck Verlag 2004)

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