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Widerstand gegen "Widerstand"

1945 1960 1980 2000 2020

Österreichs Intellektuellenszene ist gespalten in die "Coolen" und die "Aufgeregten". Im "Standard" wird gestritten.

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Österreichs Intellektuellenszene ist gespalten in die "Coolen" und die "Aufgeregten". Im "Standard" wird gestritten.

Mir ist im letzten Jahr fast mein gesamtes soziales Umfeld weggebrochen, der Riss geht bis in meine eigene Familie." Für den Philosophen Rudolf Burger, einen der profiliertesten Denker dieses Landes, endete das erste Jahr der schwarz-blaue Regierung mit sozialer Ächtung. Das Verbrechen des ehemaligen Rektors der Universität für Angewandte Kunst: "Ich habe die Hysterie nicht mitgemacht, die das halbe Land und fast alle europäischen Staatskanzleien erfasst hat, ja ich habe diese Hysterie als solche öffentlich bezeichnet und kritisiert." Er empörte sich über "Faschismus-Geschrei", "antifaschistischen Karneval" und die "monströsen Verzerrungen der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Österreich, die seit Jahren von der österreichischen Kulturszene betrieben wurden".

Burgers persönliches Resümee ist der vorläufige Höhepunkt eines Debatte genannten Streites, der seit Ende des Vorjahres im "Standard" tobt und der Zeugnis von massivem Realitätsverlust und erschütternden Diffamierungsmechanismen ablegt. Zugleich führt er schmerzhaft vor Augen, dass eine intellektuelle Debatte, die diesen Namen verdient, in Österreich offenbar nicht möglich ist.

Opferlegende Österreichs Intellektuellen- und Kulturszene ist zutiefst gespalten: in die Mehrheit der "Aufgeregten" auf der einen Seite, die in der ÖVP-FPÖ-Regierung eine "Koalition mit dem Rassismus" sehen, die Regierung für "illegitim" halten und sich in der Pose der "Widerstandskämpfer" gefallen und in die Minderheit der "Coolen", die keine Wiederauferstehung des Nationalsozialismus erkennen können, die FPÖ-Regierungsbeteiligung als legitim, weil legal, halten und den Begriff "Widerstand" als Bezeichnung für die Opposition gegen Schwarz-Blau für unangebracht halten. Zu zweiteren gehören die als "Wendephilosophen" Diffamierten Rudolf Burger und Konrad Paul Liessmann sowie die Schriftsteller Peter Menasse und Karl Markus Gauß. Wohlgemerkt: keiner der "Coolen" ist ein Freund der Regierung; Burger betont, dass ihm diese "in ihren ideologischen Elementen unsympathisch" sei, Gauß sieht gar "durch das Gewand des Rechtsstaates unverkennbar die Umrisse des Totalitarismus schimmern". Aber beide sind nicht grundsätzlich gegen diese Regierung, sie stoßen sich nicht schon an der bloßen Existenz der Koalition. Das macht sie in den Augen jener, die als "Antifaschisten" "Widerstand" glauben leisten zu müssen, zu Parias.

Am 30. Dezember trat Gauß die Diskussion los, indem er eine Kehrtwendung um 180 Grad in der Bewertung der Rolle Österreichs während der Nazi-Herrschaft konstatierte: Die alte Opferlegende sei umgedreht worden in eine Täterlegende, "wo allzu lange nur Opfer zu sehen waren, sind jetzt einzig Täter zu entdecken". Vehement kritisiert Gauß jene "Konformisten", "die sich ihr Bild von einem geschlossen nazistischen Land nicht mit der Wirklichkeit verpatzen lassen wollen". Österreich war 1938 kein durch und durch nazistisches Land, betont Gauß und erinnert an jene, die sich dem Nationalsozialismus widersetzten und an die Exilanten, die an ihren Zufluchtsorten österreichische Kulturvereine gründeten und sich auf die demokratischen Traditionen Österreichs besannen.

Das genügte Elfriede Jelinek, die sich offenbar in ihrem Glauben an Österreich als Hort der Faschismus verletzt fühlte, um Gauß in die Nähe des Journalisten und Haider-Beraters Andreas Mölzer und des FPÖ-nahen Historikers Lothar Höbelt zu rücken. Mit einer Aufzählung von österreichischen Versäumnissen gegenüber den Verfolgten und Vertriebenen, die Gauß niemals bestritten hat, glaubt sie auf weitere Argumente verzichten zu können.

Ungeheure Vorwürfe Die von Gauß ins Spiel gebrachten, im Exil Kulturvereine gründenden Österreicher missbrauchte wiederum der Schriftsteller Doron Rabinovici für eine ungeheuerliche Unterstellung: "Wer aber heute ihren Patriotismus hervorhebt, um zu leugnen, dass Österreich Teil jener Volksgemeinschaft war, in deren Namen und zu deren Kollektivnutzen geraubt und gemordet wurde ..." Flugs wird Gauß zum Leugner gemacht, jener Gauß, der sein halbes berufliches Leben den Biographien und Werken der ermordeten, vertriebenen, totgeschwiegenen Österreicher gewidmet hat. Niemand male das Bild eines geschlossen nazistischen Österreich an die Wand, behauptet Rabinovici, nur um sich dann zu der Formulierung zu versteigen, "dass viele der Antinazis (...) damals keineswegs frei von antisemitischen Ressentiments waren, geschweige denn demokratisch gesinnt". Kein geschlossen nazistisches, aber ein geschlossen rassistisches Land also ... Diese Rhetorik ist es, die Rudolf Burger früher schon als "Sekundärausbeutung der Opfer" brandmarkte.

Ob es möglich ist, das realitätsferne "Antifaschisten"-Weltbild auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen? Fritz Molden, jemand, auf den die Bezeichnungen Antifaschist und Widerstandskämpfer tatsächlich zutreffen, hat das versucht. Rabinovicis Vorwurf widerlegt er schlicht und einfach mit Zahlen: Demnach seien 40 Prozent der "Top-Widerständler" "Mischlinge" oder "jüdisch versippt" gewesen; schwer vorstellbar, dass es sich bei diesen um Antisemiten handelte.

Täterlegende Zeitzeuge Molden widerspricht auch dem Mythos von Österreich als lupenreinem Naziland: "Es tut mir furchtbar leid, aber die Österreicher - mit Ausnahme der Nazis (...) - waren Opfer Hitlers", erklärte er im "Standard". Zur Erinnerung ein paar historische Fakten: Am 12. März 1938 marschierte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein, Tausende Menschen, darunter die Regierungsmitglieder, wurden inhaftiert, der Name "Österreich" getilgt. Unbestritten ist aber auch, dass viele Österreicher den "Anschluss" bejubelten, dass in großem Provinzstädten schon am Tag vor dem Einmarsch lokale Nazis die Macht ergriffen hatten und dass viele der nunmehrigen "Ostmärker" an den Verbrechen des Dritten Reiches zum Teil federführend mitwirkten.

Leute wie Molden haben im Widerstand gegen die Nazis Kopf und Kragen riskiert. "Dürfte ich mich, selbst wenn ich es wollte, einfach zu diesen Männern dazustellen, einfach indem ich mich auch zum Antifaschisten ernenne?", fragt der Schriftsteller und Regisseur Walter Wippersberg und schlägt vor, den Begriff "Antifaschismus" in der aktuellen Diskussion nicht mehr zu verwenden. Selbstverständlich sei er gegen den Faschismus eingestellt, selbstverständlich sei er gegen die Regierungsbeteiligung der FPÖ, "aber es verschleiert mehr, als dass es etwas erhellte, wenn wir das Etikett Faschismus auf all das kleben, was wir heute an antidemokratischen Tendenzen konstatieren müssen, und den Widerstand dagegen mit dem Etikett Antifaschismus versehen".

Eine von Wippersberg im "Standard" formulierte Frage sollte sich so mancher "Aufgeregte" einmal stellen - vielleicht kommt er dann zur Besinnung: "Ist das Gegenteil von Antifaschismus nur der Faschismus selbst oder einfach alles, was meiner Art zu denken widerspricht?"

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