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Feuilleton

Wie eine Überdosis Emotion

1945 1960 1980 2000 2020

Der Kanadier Xavier Dolan ist gerade 25 Jahre alt und gilt in jeder Hinsicht als Wunderkind des Kinos. Seine neue Arbeit "Mommy" unterstreicht diesen Status nachhaltig.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Kanadier Xavier Dolan ist gerade 25 Jahre alt und gilt in jeder Hinsicht als Wunderkind des Kinos. Seine neue Arbeit "Mommy" unterstreicht diesen Status nachhaltig.

Auf den ersten Blick mag dieser schrille junge Mann wie ein eitler Hipster wirken, weil er sich gar so gerne aufstylt, dabei ein softes Männerbild abgibt und in Interviews schon mal ein wenig Präpotenz raushängen lässt. Doch Xavier Dolan ist kein Blender, sondern eines der interessantesten Talente des jungen Weltkinos. Der Frankokanadier aus Montreal ist gerade einmal 25 Jahre alt, hat aber schon fünf Spielfilme gedreht. Mit seinem neuesten Film "Mommy" bricht er nicht nur erzählerische Konventionen, sondern auch optische: Der Film ist im 1:1-Bildformat gedreht, ein Format, das es so gar nicht gibt. Das enge, quadratische Bild soll hier den Figuren den Raum nehmen, den sie zu ihrer Entfaltung benötigen.

Stattdessen sperrt sie Dolan ein: Der an ADHS leidende 15-jährige Steve (Antoine-Olivier Pilon) wird aus dem Internat zurück in die Obhut seiner durchaus als durchgeknallt zu bezeichnenden Mutter (grandios: Anne Dorval) gegeben; die will es dem Jüngling nicht leicht machen, und schon beim Einzug ins gemeinsame Zuhause fliegen die Fetzen. Zu einer stotternden Nachbarin (Suzanne Clément) entsteht ein wechselseitiges Verhältnis, das allen nützt: Steve wird ein Stück zugänglicher, die Nachbarin bringt bald auch ganze Sätze ohne Stottern heraus.

Dolan hat sein Mutter-Sohn-Drama mit viel Verve zugespitzt auf eine hysterischknallige Szenenfolge voller Eklats: Zwischen seinen beiden Hauptfiguren herrscht quasi Dauerkrieg. Die beeindruckenden Bilder, die Dolan für dieses Beziehungsdrama findet, verunmöglichen fast jede Beschreibung: Sie sind deshalb so kraftvoll, weil sie die Essenz von Emotionen wiedergeben.

Schnell, frech, furios

Dolans Kino ist roh und wild und ungestüm, aber es ist zugleich auch zärtlich und gefühlvoll, fantasiereich und verträumt. Es gibt derzeit keinen Filmemacher, der die Klaviatur der Gemütszustände so schnell spielen kann wie Dolan.

Ihn kümmern keine Konventionen, denn die zwischenmenschlichen Barrieren im Umgang miteinander löst er in "Mommy" vollständig auf. Alles muss schnell, frech und furios passieren, immer am Limit, untermalt mit der kitschigsten vorstellbaren Musik.

Xavier Dolan hat ein hohes Tempo im Erzählen, ebenso wie in der Zeitspanne, in der er neue Filme dreht. Dolan erinnert nicht nur deshalb an Fassbinder. Dolan vergleicht das Filmemachen mit einer Droge: "Man will immer mehr davon. Ich weiß nicht, wieviel Lebenszeit ich haben werde, also will ich jetzt und hier kreativ sein".

Die Szenen zwischen Steve und seiner Mutter sind jedenfalls von solcher Energie und Intensität, dass sie keine Entsprechung im zeitgenössischen Kino finden. Man kann, aber man muss diesen Film nicht mögen, um ihm zu attestieren, dass Dolan spätestens jetzt, nach fünf Filmen, zu den wertvollsten Entdeckungen des Weltkinos gehört. Bezeichnend ist, dass sich Dolan den Preis der Jury in Cannes in diesem Jahr ausgerechnet mit Altmeister Jean-Luc Godard teilen musste (vgl. Rezension links). Godard, einst selbst ein Revoluzzer des Kinos, wird von Dolan aber nur wenig geschätzt, weil er sein Kino als zu theoretisch einstuft. Vielleicht hat Dolan mit dieser Einschätzung sogar recht: Immerhin sind seine Filme allesamt hysterische Ausdrücke von schmerzlichen oder freudigen Erfahrungen, sozusagen eine Überdosis Emotion.

Mommy

CDN 2014. Regie: Xavier Dolan.

Mit Anne Dorval, Antoine-Olivier Pilon, Suzanne Clément. Filmladen. 139 Min.

Auf den ersten Blick mag dieser schrille junge Mann wie ein eitler Hipster wirken, weil er sich gar so gerne aufstylt, dabei ein softes Männerbild abgibt und in Interviews schon mal ein wenig Präpotenz raushängen lässt. Doch Xavier Dolan ist kein Blender, sondern eines der interessantesten Talente des jungen Weltkinos. Der Frankokanadier aus Montreal ist gerade einmal 25 Jahre alt, hat aber schon fünf Spielfilme gedreht. Mit seinem neuesten Film "Mommy" bricht er nicht nur erzählerische Konventionen, sondern auch optische: Der Film ist im 1:1-Bildformat gedreht, ein Format, das es so gar nicht gibt. Das enge, quadratische Bild soll hier den Figuren den Raum nehmen, den sie zu ihrer Entfaltung benötigen.

Stattdessen sperrt sie Dolan ein: Der an ADHS leidende 15-jährige Steve (Antoine-Olivier Pilon) wird aus dem Internat zurück in die Obhut seiner durchaus als durchgeknallt zu bezeichnenden Mutter (grandios: Anne Dorval) gegeben; die will es dem Jüngling nicht leicht machen, und schon beim Einzug ins gemeinsame Zuhause fliegen die Fetzen. Zu einer stotternden Nachbarin (Suzanne Clément) entsteht ein wechselseitiges Verhältnis, das allen nützt: Steve wird ein Stück zugänglicher, die Nachbarin bringt bald auch ganze Sätze ohne Stottern heraus.

Dolan hat sein Mutter-Sohn-Drama mit viel Verve zugespitzt auf eine hysterischknallige Szenenfolge voller Eklats: Zwischen seinen beiden Hauptfiguren herrscht quasi Dauerkrieg. Die beeindruckenden Bilder, die Dolan für dieses Beziehungsdrama findet, verunmöglichen fast jede Beschreibung: Sie sind deshalb so kraftvoll, weil sie die Essenz von Emotionen wiedergeben.

Schnell, frech, furios

Dolans Kino ist roh und wild und ungestüm, aber es ist zugleich auch zärtlich und gefühlvoll, fantasiereich und verträumt. Es gibt derzeit keinen Filmemacher, der die Klaviatur der Gemütszustände so schnell spielen kann wie Dolan.

Ihn kümmern keine Konventionen, denn die zwischenmenschlichen Barrieren im Umgang miteinander löst er in "Mommy" vollständig auf. Alles muss schnell, frech und furios passieren, immer am Limit, untermalt mit der kitschigsten vorstellbaren Musik.

Xavier Dolan hat ein hohes Tempo im Erzählen, ebenso wie in der Zeitspanne, in der er neue Filme dreht. Dolan erinnert nicht nur deshalb an Fassbinder. Dolan vergleicht das Filmemachen mit einer Droge: "Man will immer mehr davon. Ich weiß nicht, wieviel Lebenszeit ich haben werde, also will ich jetzt und hier kreativ sein".

Die Szenen zwischen Steve und seiner Mutter sind jedenfalls von solcher Energie und Intensität, dass sie keine Entsprechung im zeitgenössischen Kino finden. Man kann, aber man muss diesen Film nicht mögen, um ihm zu attestieren, dass Dolan spätestens jetzt, nach fünf Filmen, zu den wertvollsten Entdeckungen des Weltkinos gehört. Bezeichnend ist, dass sich Dolan den Preis der Jury in Cannes in diesem Jahr ausgerechnet mit Altmeister Jean-Luc Godard teilen musste (vgl. Rezension links). Godard, einst selbst ein Revoluzzer des Kinos, wird von Dolan aber nur wenig geschätzt, weil er sein Kino als zu theoretisch einstuft. Vielleicht hat Dolan mit dieser Einschätzung sogar recht: Immerhin sind seine Filme allesamt hysterische Ausdrücke von schmerzlichen oder freudigen Erfahrungen, sozusagen eine Überdosis Emotion.

Mommy

CDN 2014. Regie: Xavier Dolan.

Mit Anne Dorval, Antoine-Olivier Pilon, Suzanne Clément. Filmladen. 139 Min.