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Wie Erde, Menschen, Tiere und Pflanzen musizieren

Der kalifornische Klangkünstler und Bioakustiker Bernie Krause reist seit vier Jahrzehnten durch die Welt und nimmt mit feinstem Aufnahme-Equipment die Klanglandschaften der Natur auf. In seinem inspirierenden Buch "Das große Orchester der Tiere“ ist von drei Grundebenen der Klangwelt die Rede: die Geophonie, das sind von der Erde selbst erzeugte Geräusche, die Anthropophonie, das ist die Klangwelt des Menschen, und die Biophonie, das sind die von Pflanzen und Tieren erzeugten Klänge. Innerhalb dieser Klangwelten und besonders an ihren Grenzbereichen finden sich Bernie Krauses Klanglandschaften, seine Themen reichen bis zu einer Theorie des Ursprungs der Musik aus der Natur. Was im Buch in neun Kapiteln und einem Präludium beschrieben wird, kann auf Krauses Webseite http:// www.wildsanctuary.com/ nachgehört werden.

Das macht Spaß, wie überhaupt der sinnliche Zugang eine Grunderfahrung im bioakustischen Spiel ist. Das "Präludium“ ist eine ganz frühe Urwald-Aufnahme, im dazugehörigen Zitat wird tiefenökologische Faszination hörbar: "Hier stimmt sich das große Orchester der Tiere ab und offenbart die akustische Harmonie der Wildnis. Es ist der Ausdruck tiefster Zusammengehörigkeit der natürlichen Klänge und Rhythmen des Planeten, die Basslinie dessen, was wir heute in der noch verbliebenen Wildnis hören, und wahrscheinlich ist ein jedes Musikstück, an dem wir uns erfreuen, und ein jedes Wort, das wir sprechen, irgendwann aus dieser kollektiven Stimme hervorgegangen. Es gab eine Zeit, da war dies die einzige Quelle akustischer Inspiration. “

Ungestörte Biophonie wird seltener

Ein schön klingender Wald, in den die steppenbewohnenden Menschen durch den zauberhaften Klang gelockt wurden, das mag romantisch erscheinen. Aber in naturwissenschaftlicher Perspektive ist es nachvollziehbar, wenn man das Informationssystem Naturgeräusche als öko-akustische Lektüre begreift. Umso mehr beklagt Krause die anthropophonen Störungen der Moderne. Heutzutage brauche er immer länger, um eine halbwegs ungestörte Biophonie zu finden.

Krause geht in seiner Ökologie des Klangs von einer speziellen Weiterentwicklung der Bioakustik aus. Angefangen hat auch er mit dem fachtypischen Sammeln von Einzeltierstimmen im Auftrag von Museen und Forschungsprojekten, aber bald interessierte ihn das gesamte Klangspektrum in einem Habitat wesentlich mehr. Es sind solche Klangräume, die er als Biophonie oder eben als "Orchester der Tiere“ mit klaren Strukturen auffasst.

Im Buch wird dieses orchestrale Muster in Spektrogrammen visualisiert. Das ist auch interessant, wo es um praktische Nutzungen dieses Verfahrens geht. Der Bioakustiker Krause kann über den Weg des Hörens zeigen, dass die Biophonie etwa nach einer intensiven Waldabholzung wesentlich schwächer ist als zuvor, auch wenn es für das leicht zu täuschende Auge nicht so dramatisch aussehen mag.

Das große Orchester der Tiere

Vom Ursprung der Musik in der Natur. Von Bernie Krause. Antje Kunstmann 2013. 272 S., gebunden, E 22,95

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