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Wiens vergiftetes Theaterblut

Theaterluft, Giftkapseln und rostige Pistolen, aus denen auf Wiens Theater-Hassliebe geschossen wird: René Freunds erster Krimi.

In keiner Stadt wird Theater so geliebt und so gehasst wie in Wien. Die Stadt ist ein Garant für Skandale und Rollenbesetzungen werden heftiger diskutiert als Regierungsumbildungen. Auch das Wiener Theaterblut ist rot. Und nirgends so von Eitelkeit und Moden vergiftet wie in Wien.

Gestorben wird in René Freunds erstem Krimi eher am Rande, denn ohne Tote wäre es kein Krimi. Was würde sonst die Handlung in Gang halten bis zum nächsten Sterben. Die Hauptrolle spielen also das Theater und Wien, wenn auch Maximilian Diabelli an der Rampe steht und seine Geschichte im Rückblick erzählt. Damals, vor 14 Jahren, glaubte er sich in einem Kriminalfilm zu befinden, der auf sein Leben überzugreifen drohte und sehr schlecht hätte ausgehen können. Doch wie beginnt ein Theaterroman? Mit einer großen Pose und einer liebenswerten Vernichtung.

"Ich hasse das Theater. Es ist eine Welt aus Pappe, Leim und Lack, aus falschen Tönen und trüben Gefühlen. Theater ist die zur Religion erhobene Falschheit. Je wahrhaftiger sich das Theater gibt, um so verlogener ist es. Noch mehr als das Theater hasse ich die Theatermenschen. Nichts an ihnen ist echt. Ihre Gesten haben sie aus diversen Inszenierungen zusammengeklaubt. Ihre Witze tragen Uniform", so fulminant beginnt der Roman. Max Diabelli weiß, wovon er spricht. Nicht nur, dass er aus einer alten Schauspielerfamilie stammt, nicht nur, dass er selbst in der Dramaturgie arbeitet, er wurde auch nach dem Unfalltod seiner Eltern von Tante Erna im bildungsbürgerlichen Kanon erzogen.

Theater, Konzerte, Ausstellungen gliederten das Jahr stärker als die Jahreszeiten. Erna arbeitete unverdrossen daran, "mich zu einem kultivierten Menschen heranzuziehen", dabei bekommt er in Konzerten regelmäßig allergische Nießanfälle. Doch Kultur hat auch positive Seiten, immerhin ermöglicht es ein Opernbesuch dem schüchternen Maximilian, wenigstens auf dem Weg zur Oper mit seiner Freundin allein zu sein.

Zwischen Faust, Wedekinds "Frühlings Erwachen" und Schnitzlers "Reigen" schieben sich bei René Freund zwei tote Schauspieler. Dass Freund diese Stücke wählte, hat etwas von Prophetie - sie werden derzeit in Wien "gegeben". Die handelnden Personen sind wiederzuerkennen. René Freund hat aber keinen Schlüsselroman geschrieben, sondern ein unterhaltsames Stück Literatur. Die Kritik an allerlei Zeiterscheinungen kommt mit spitzer Klinge und trifft umso schmerzhafter, als der Stoß von mehreren Personen geführt wird.

Da wird der Verlust des Sprechens beklagt: Brüllen ist die neue Form der Verständigung, das allgegenwärtige Gerede von den "Projekten" wird ordentlich auf die Schaufel genommen: "Man begegnet niemandem, der kein Projekt hätte. Und das Schlimmste - alle erzählen auch von ihren Projekten. Ob das nun ein Kulturcafé nur für Frauen und Ausländer oder Pantomime für Dressurpferde oder ein vergleichender Film über Franz Josef Eins von Österreich und Franz Josef Strauß von Bayern ist, niemand verschont einen mit seinem Wahnsinn! Es gibt Leute, die leben davon, Projekte zu haben."

René Freunds Theater ist das Theater schlechthin, er beobachtet genau und zeichnet Typen wie die Dramaturgin, die Regisseure, die den Begabtenschal tragen, um ihr Talent recht deutlich zur Schau zu stellen, und die Beschäftigten, die gratis und freiwillig Überstunden machen: "Theater ist keine Arbeit, sondern eine Krankheit."

Mit dem Prinzipal Leopold Waller wird ein Mann porträtiert, der auf der Bühne wie im Leben Auftritte liebt, dessen Frau aber im Hintergrund die Fäden in der Hand hat, während er die Moden von seinem Haus verbannen will: ",Einstimmen! Einstimmen. Wenn ich das schon höre! Method Acting und dieser ganze Scheiß' jammerte er, ,du hast dich in alles reingedacht und du weißt, dass die Lieblingsspeise deines Großvaters, der nie auftritt, Sauerkraut war, aber was hast du davon?'" Trotzdem sitzt auch bei Waller Gretchen nackt am Spinnrad. Ärgerlich, dass die Dramaturgie das Stück "Fußball - ein Bußfall" abgelehnt hat und es jetzt postwendend zum deutschsprachigen Theaterereignis der Saison wurde. "Dass das Publikum in Scharen die achtstündige Vorstellung verließ und dass sich am Ende mehr Leute auf der Bühne als im Publikumsraum befanden, spielte dabei keine Rolle".

Wer mit René Freund durch dieses Theater streift, wird sich in jedem Theater zurechtfinden. Gänge und Türen mögen anders angelegt sein, der Geruch ist derselbe und das genügt. Denn Theaterluft ist nur ein anderes Wort für Geist.

Und die Geschichte? Maximilian hat seine Probleme mit dem weiblichen Geschlecht, wer hätte die nicht bei dieser Erziehung und angesichts der Tatsache, dass jedesmal, wenn er Aktfotos einer Schauspielerin macht, oder insgeheim in einer Peep Show, am nächsten Tag die Polizei an seine Tür klopft. Das Finale ist dramatisch, aber doch eher Regionalliga, wenn wir Ringtheaterbrand und Haslingers "Opernball" als Champions League gelten lassen. Beim Schluss drücken wir aber ein Auge zu, der Krimi ist Nebensache, die Lösung zu vergessen, zu viel Theater halt mit Giftkapseln und verrosteten Pistolen. Die Liebe zum Theater ist dagegen nicht umzubringen, auch bei Max Diabelli nicht: "Ich hasse das Theater nicht mehr. Ich photographiere es." Vor dem nächsten Theaterbesuch ist auf alle Fälle dieser Roman zu empfehlen.

Wiener Theaterblut Roman von René Freund Picus Verlag, Wien 2001 223 Seiten, geb., öS 263,-/e 19,11

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