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"Wir haben den Bastard umgelegt"

Am 29. Mai 1953 um 11.30 Uhr - hundert Jahre nach der Entdeckung des Mount Everest und dreißig Jahre nach dem ersten Besteigungsversuch - standen Edmund Hillary und Tenzing Norgay auf dem höchsten Punkt der Erde. Nach einem geschichtlichen Rückblick führt in diesem Furche-Dossier ein Gespräch mit Tenzing-Enkel Tashi in die heutige Zeit. Kurt Luger beschreibt österreichische Entwicklungshilfeprojekte in Nepal, und ein Bericht über die gerade erfolgreich abgeschlossene erste Alpen-Transversale auf Skiern zeigt, dass auch in den Alpen noch richtige Abenteuer möglich sind. Redaktion: Wolfgang Machreich

Das Matratzenlager in der Hörnli-Hütte am Fuß des Matterhorns ist bis auf den letzten Platz belegt. Dutzende Bergsteiger schlafen, dösen, schnarchen unter dem Dach der Hütte - wie die Sardinen in der Büchse, Kopf neben Kopf, Fußende neben Fußende. Stimmt nicht ganz, zwei in der langen Reihe haben ihren Kopf dort, wo bei den anderen die Füße liegen. Ihr "sleep well" verrät die Herkunft. Zwei Engländer scheren aus, in der Hütte und am Berg. Anders als die andern sein, Unmögliches denken, bisher nicht Dagewesenes versuchen - das Erfolgsgeheimnis britischer Bergsteiger.

1865 hat es der Engländer Edward Whymper mit der Erstbesteigung des Matterhorns vorexerziert. Jahrzehnte später, die Alpenberge sind bestiegen und das Interesse der alpinen Elite hat sich dem Himalaya zugewandt, versucht es ihm sein Landsmann George Leigh Mallory am höchsten Berg der Erde nachzumachen: "Ich beabsichtige, so wenig wie möglich zu tragen, schnell zu gehen und den Gipfel zu überrumpeln", lautet Mallorys Plan und er nimmt sich vor: "Ich möchte mich dabei nicht überrumpeln lassen." Gemeinsam mit Andrew Irvine verlässt Mallory am Morgen des 8. Juni 1924 das letzte Lager - "perfektes Wetter für den Job" kritzelt er vor dem Weggehen noch auf einen Zettel, den er im Zelt zurücklässt - und klettert dem Gipfel entgegen und in die Geschichte.

In die Geschichte geklettert

75 Jahre später, am 1. Mai 1999 wird ein Suchtrupp die Leiche Mallorys in der Nordwand des Mount Everest entdecken: tiefgefroren, mit marmorweißer Haut und zerschmettertem Bein, bäuchlings, das Kletterseil noch immer um den Leib geschlungen. Mallorys Name im Hemdkragen und seine Initialen am Taschentuch bezeugen zwar die Identität des Mannes, doch der Beweis für eine gelungene Besteigung, auf den nicht nur Alpin-Historiker hoffen, findet sich nicht: Die Bergsteigergeschichte muss vorerst nicht umgeschrieben werden. "Mehr noch", meint Reinhold Messner, "der Verdacht, dass die englischen Gentlemen den Dachfirst der Erde bereits 1924 gestürmt haben könnten, ist mit diesem Fund erschüttert, nicht erhärtet worden. Und nur wenn in der Kodak-Kamera der Pioniere, die vorerst nicht gefunden werden konnte, Bilder vom höchsten Punkt der Erde enthalten sein sollten, wäre der Beweis für das offensichtlich Unmögliche erbracht."

Mallorys Scheitern löste in seiner Heimat große Trauer bis ins Königshaus aus, konnte die Briten aber nicht von ihrem Ziel, der Eroberung des "dritten Pols" abbringen: "Ist der Wunsch unbescheiden", schreibt von diesem Verlangen getrieben ein englischer Zeitgenosse, "dass nach den vielen und schweren Opfern, die wir auf dem Altar des Everest niedergelegt haben, es einem Manne unserer Rasse vergönnt sein möge, den siegreichen Fuß auf diesen heiß umkämpften höchsten Punkt der Erde zu setzen, auf den Gipfel des unnahbaren Mount Everest."

Von Madras bis zum Everest

Unzugänglich zeigte sich der Everest schon bei seiner Bestimmung als höchster Berg der Erde. 1802 startete William Lambton an der Südspitze Indiens mit der Vermessung und Kartierung des Subkontinents, dem sogenannten "Great Arc" (Großer Bogen). Im Jubiläumsbildband "Everest. Die Geschichte seiner Erkundung" wird Lambtons und seiner Nachfolger Arbeit detailliert beschrieben und mit Fotomaterial dokumentiert. "Der Great Arc war ein langsames und beschwerliches Unterfangen", gibt EverestHistoriker John Keay in dem aufregend schönen wie interessanten Buch zu Bedenken. "Man benötigte 40 Jahre, um den Himalaya zu erreichen. Die Vermessung brachte die kompliziertesten mathematischen Gleichungen hervor, die man bis zur Erfindung des Computers kannte, und sie kostete mehr Menschenleben und Geld als alle damaligen Kriege in Indien."

Colonel George Everest, der den Ruf des übellaunigsten Sahibs ganz Indiens genoss, setzte nach Lambtons Tod "eine der außergewöhnlichsten Arbeiten in der Geschichten der Wissenschaften" fort. Der Mann Everest bekam den Berg Everest nie zu Gesicht. Als er 1843 in Pension ging, waren der 2.550 Kilometer lange Great Arc aber vollendet und die Messungen im Vorhimalaya angekommen.

Peak XV ist der allerhöchste

Everests Nachfolger, Andrew Scott Waugh, tastete sich weiter in den Himalaya vor. 1847 und 1849 sichtete er einen Gipfel, der konkurrenzlos höher als alle zuvor gemessenen Spitzen war. Noch zögerte er, ließ alle Berechnungen wiederholen, bis er sich 1856 an die Öffentlichkeit wagte: "Peak XV" im nepalesischen Teil des Himalaya ist mit 8.840 Meter "sehr wahrscheinlich" der höchste Berg der Erde. Waugh behielt Recht, die Höhe wurde zwar noch mehrere Male korrigiert: 8.850 Meter lautet der aktuelle Wert - aber Peak XV blieb der "dritte Pol". Auch Waughs Namensgebung setzte sich durch: "Zu Ehren des ruhmreichen Meisters präziser geografischer Forschung soll dieser erhabene Gipfel fortan Mont Everest heißen." Das höchste alpine Ziel war somit bestimmt, die Jagd um den Everest eröffnet.

"Wir haben den Bastard umgelegt", verkündete Edmund Hillary - noch ganz im Jagdfieber - bei seiner Rückkehr nach der geglückten Everest-Besteigung am 29. Mai 1953. Wenige Stunden zuvor hatten er und sein Begleiter Tenzing Norgay aber noch den Gipfel nach Spuren abgesucht, die Mallory und Irvine vor 29 Jahren zurückgelassen haben könnten. Hillary und Tenzing fanden nichts. Sie wurden weltberühmt, Mallory und sein Begleiter blieben ein Mythos.

Ganz England feierte die Besteigung, die just am Tag der Krönung von Elizabeth II. bekannt wurde, als nationalen Erfolg. Das Gipfelteam habe "das hellste Juwel des Mutes und der Ausdauer der Krone britischer Anstrengung eingefügt", jubelten die Zeitungen und offenbarten damit den weltumspannenden Anspruch des britischen Empire: Hillary ist nämlich Neuseeländer und der in Nepal geborene Tenzing hatte die indische Staatsbürgerschaft angenommen.

Tenzing hat nach den Gründen für den Erfolg am Everest befragt, einmal halb Scherz, halb Ernst die Versorgung mit Zitronenlimonade genannt. Und zweifellos, die Bestellung des Berufssoldaten John Hunt zum Expeditionsleiter machte sich bezahlt. Hunt ließ eine Reihe von nahe beieinander liegenden Lagern bauen, perfektionierte die Verpflegung und schickte seine beiden besten Teams mit verschiedenen Sauerstoffsystemen ins Rennen. Tom Bourdillon und Charles Evans erreichten beim ersten Gipfelversuch schon die Höhe von 8.753 Metern - höher als je ein Mensch zuvor -, mussten aber am Südgipfel schweren Herzens umdrehen.

Expeditionsleiter Hunt, heißt es im bereits genannten Everest-Bildband, hätte Hillary vor dem entscheidenden Aufstieg beschworen, dass die beiden "die Pflicht haben, den Berg zu besteigen. Viele Tausende setzen ihre Hoffnung und ihr Vertrauen auf uns, und wir dürfen sie nicht enttäuschen". Die beiden enttäuschten nicht und Tenzing brachte das Gipfelglück einmal folgendermaßen auf den Punkt: "Tuji chey, Chomolungma: Ich bin dankbar." Der Rest ist, wie man so sagt Geschichte. Über 1.600 Mal von mehr als 1.200 Personen wurde der Everest seither bestiegen. 175 Menschen sind am Berg umgekommen. An Spitzentagen werden heute bis zu 88 Bergsteiger am Gipfel gezählt. Wie die Sardinen in der Büchse: Kopf an Kopf, Bein an Bein. Aber es finden sich auch immer noch Individualisten, die einen neuen, anderen, unmöglich gedachten Weg versuchen - und es sind nicht nur Briten.

BUCHTIPP: Everest -

Die Geschichte seiner Erkundung

Von Stephen Venables, mit Beiträgen von Dalai Lama Tenzin Gyatso, Edmund Hillary, Reinhold Messner u.a.,Frederking & Thaler Verlag, München 2003, 252 Seiten, 391 Fotos, geb., e 51,40

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