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"Wir haben die Kunst"

Am 20. Juli eröffnen die Salzburger Festspiele. Intendant Markus Hinterhäuser erzählt über Aufgaben und Motti, programmatische Schwerpunkte - und lädt ein, auch einmal auf die andere Seite der Salzach zu schauen.

Die Furche: Sie gehen in ihre dritte Saison als Intendant der Salzburger Festspiele. Davor waren Sie drei Jahre in dieser Funktion bei den Wiener Festwochen. Was haben Sie aus ihren Wiener Erfahrungen für Salzburg mitgenommen?

Markus hinterhäuser: Die Salzburger Festspiele sind ein produzierendes Festspiel, die Wiener Festwochen ein Festival, das mit jeder Berechtigung vor allem Produktionen aus aller Welt sammelt, sie in eine Ordnung bringt und in Wien zeigt. Ich habe in meinen Jahren bei den Wiener Festwochen einiges selbst produziert, der Großteil der Arbeiten aber kam von außen. Die Wiener Festwochen sind das Festival einer Kulturmetropole für eine Kulturmetropole. Bei den Festspielen stellt sich die Situation vollkommen anders dar: Salzburg ist deutlich stärker nach außen gerichtet, hier wird ein Publikum weltweit angesprochen. Meine Zeit in Wien war alles andere als "nur" ein Zwischenschritt für Salzburg, es war für mich eine sehr bereichernde und für meine jetzige Arbeit auch wesentliche Zeit. Simon Stone, Romeo Castellucci, Lydia Steier und William Kentridge haben bei den Wiener Festwochen große, wichtige Arbeiten gezeigt und sind jetzt entscheidende Künstler für meine Salzburger Programmierung.

Die Furche: Festspiele allerorts, da wird es immer schwieriger, ein eigenes Profil zu kreieren. Vielleicht will das Publikum das gar nicht?

hinterhäuser: Die berühmtesten Zusammenkünfte -egal, ob sie Festspiele, Festwochen oder sonstwie heißen -finden nicht in Metropolen statt. Es sind Zusammenkünfte an kleineren, intimeren Orten, in denen sich die Dialektik zwischen überschaubarem Ambiente und partieller Öffnung zur Welt auch in der Kontaktaufnahme mit dem Publikum in einer völlig anderen Weise darstellt. Die Sehnsucht des Publikums nach solchen Konstellationen ist groß. Salzburg könnte mit einer sehr eigenen programmatischen Charakteristik, die es geradezu notwendig erscheinen lässt, dorthin zu fahren, tatsächlich idealtypisch sein, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Die Furche: Wie stehen Sie zum Thema Festspielmotto?

hinterhäuser: In den Jahren 2007 und 2010 -damals war Jürgen Flimm Intendant -haben wir in Salzburg mit Motti gearbeitet. Ich tue das nicht mehr. Wenn ich auf ein Motto verzichte, heißt das aber nicht, dass ich nicht einem präzisen Plan folge, wie ein Festspielsommer aussehen könnte. Bei dieser Vielzahl an Veranstaltungen muss ich irgendwo anfangen, muss ich eine Form, ein Navigationssystem finden. Kunst ist ohne Form undenkbar, und auch die immer wieder und mit jedem Recht eingeforderte "Salzburger Dramaturgie" braucht formale Geschlossenheit. Ich würde den Begriff "Salzburger Dramaturgie" lieber durch "Erzählung" ersetzen, durch ein Konstrukt, das ein Mehr an Großzügigkeit, Weite und Poesie eröffnet.

Die Furche: Mozart und Richard Strauss sind die musikalischen Säulenheiligen der Salzburger Festspiele. Sie eröffnen damit, einer neuen "Zauberflöte" und "Salome", den sommerlichen Opernreigen. Mit einer unblutigen "Salome", hört man. Wird es auch eine "Zauberflöte" abseits üblicher Klischees geben?

hinterhäuser: Die wird es geben. Eine "Zauberflöte" in Salzburg zu erarbeiten und die üblichen oder auch erwartbaren Klischees zu bedienen, wäre mir als Unternehmung zu bescheiden. Das Wunder der "Zauberflöte" ist dieser unfassbar tiefe Einblick in das Menschsein, in das, was der Mensch zu bewältigen hat, die Zusammenschau verschiedener Welten, des kindlich Fantastischen und des tief Philosophischen. Und diesem Wunderwerk Mozarts kann man, wenn überhaupt, nur in der künstlerisch aufrichtigsten Weise gerecht werden.

Die Furche: Nach welchen Kriterien haben Sie die übrigen szenischen Opernproduktionen ausgesucht: Tschaikowskys "Pique Dame", Monteverdis "L'incoronazione di Poppea", Henzes "Die Bassariden"? hinterhäuser: Ich möchte, dass man das als Fortführung des Programms sieht, mit dem wir im Vorjahr begonnen haben. Damals haben wir uns mit Phänomenologien der Macht auseinandergesetzt, im "Titus", im "Lear". Einer Macht, die allerdings mit einem System zu tun hat. In den Werken, die wir heuer zeigen, geht es um Machtkonstellationen, die nicht systemgebunden sind. Wo die Macht viel schwieriger zu zähmen ist, weil sie sich ganz woanders speist, unsystematisch speist. Sie bricht heraus, man hat es mit obsessiven Parametern zu tun. Dass die "Zauberflöte" am Beginn steht, ist eine bewusste Entscheidung. Sie könnte als eine Art Mikroskop wirken, in dem das Wunder Mozart deutlich wird, dieser Ausgleich aller antagonistischen Kräfte, dieses Licht und Dunkle der Nacht, die Ratio und der Wahnsinn.

Die Furche: Mit den "Bassariden" erinnern Sie an eine einstige Uraufführung bei den Festspielen. Von Gottfried von Einem, der von Salzburg mit "Dantons Tod" seine Weltkarriere begonnen hat und heuer 100 Jahre geworden wäre, gibt es seine Kafka-Oper "Der Prozess" - allerdings nur konzertant.

hinterhäuser: Ich bin überzeugt, dass man der Erinnerung an Gottfried von Einem anlässlich seines 100. Geburtstages mit einer starken Aufführung seiner Oper "Der Prozess" durchaus gerecht wird. Es ist bestimmt kein Zeichen von Geringschätzung, wenn man dieses Werk konzertant aufführt. Wir werden Einem auch bei der Eröffnung gedenken, Kent Nagano wird die Ballade für Orchester op. 23 dirigieren.

Die Furche: Das große Event hat sich längst so in den Mittelpunkt gedrängt, dass Intimes wie Kammermusik, Liederabende oder Lesungen weniger Interesse finden. Trotzdem werden Sie in ihren Programmen nicht müde, auch diese Genres zu bedienen, erst recht die zeitgenössische Schiene.

hinterhäuser: Das sogenannte Kleine ist nicht klein. Im Gegenteil: Es sind ganz große Dinge, die hier hör-und erlebbar sind. Zu meinem Bedauern gibt es immer weniger Veranstalter, die sich für Kammermusik oder Liederabende, für dieses sehr intime Zusammensein von Interpreten und Publikum, interessieren. Hier bedarf es natürlich auch einer deutlich größeren kommunikativen Zuneigung. Gerade Festspiele haben eine Verpflichtung, diese musikalischen Formen, dieses tiefe Eintauchen in die Musik, intensiv und intelligent zu programmieren. Es kann ja auch sehr interessant und erfrischend sein, an die andere Seite der Salzach, in das Mozarteum, zu gehen. Man ist plötzlich wie in einer anderen Stadt. Im Übrigen bin ich ein wenig müde, über zeitgenössische Musik bei den Salzburger Festspielen zu sprechen. Ich habe so viel zeitgenössische Musik hier gemacht, für mich ist das etwas ganz Selbstverständliches und hat mit der Erfüllung einer tat ächlichen oder vermeintlichen Quote nichts zu tun. Salzburg war immer auch ein Festspiel der Moderne.

Die Furche: Zum dritten Mal in der Geschichte der Festspiele steht ein Beethoven-Symphonien-Zyklus auf dem Programm. Nach Harnoncourt und dem Chamber Orchestra of Europe und Paavo Järvi mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen hat man diesmal den zweifellos spektakulärsten Dirigenten der Gegenwart, Teodor Currentzis, mit seiner MusicAeterna dafür eingeladen. Die Wiener Philharmoniker hatten Sie nie im Visier?

hinterhäuser: Wir spielen diese Symphonien vor dem Beethoven-Jahr 2020. Ich finde die Sicht von Currentzis außerordentlich und freue mich, dass wir das hier gemeinsam machen können. Das ist keine Kriegserklärung an andere Orchester, die auch wunderbar Beethoven spielen. Aber jetzt gibt es diese Möglichkeit mit diesem Dirigenten und diesem Orchester - und die wollen wir im Sommer wahrnehmen.

Die Furche: Sie lieben Zitate. Welches fällt ihnen zu Ihrem diesjährigen Festspielprogramm ein?

hinterhäuser: Eines von Nietzsche: "Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen."

Salzburger Festspiele 20. Juli bis 30. August www.salzburgerfestspiele.at

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