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Feuilleton

Wir haben keinen Wert und keine Werte

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Elfriede Jelineks Wirtschaftskomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" und Robert Menasses "Faustspiel": Zwei exemplarische Versuche der literarischen Krisenrezeption.

Der aktuelle Crash wird wie jener von 1929 eine Reihe von Krisenerzählungen nach sich ziehen, die seine sozialen Folgekosten vermessen. Schwieriger ist es, literarisch die Mechanismen zu zeigen, die zum Kollaps der globalisierten Finanzmärkte geführt haben. Ein Kritiker schlug Goethes "Faust II" für den Krisenspielplan vor; das ist keine schlechte Wahl, was die Rücksichtslosigkeit der kapitalistischen Modernisierer gegen Umwelt und Betroffene wie Philemon und Baucis angeht oder den Anfang missbräuchlicher Geldwirtschaft im Zeichen der mephistophelischen "Zauberblätter": "Du zogst sie rein, dann ward's in dieser Nacht / Durch Tausendkünstler schnell vertausendfacht. / Damit die Wohltat allen gleich gedeihe, / So stempelten wir gleich die ganze Reihe."

Es ist also durchaus naheliegend, wenn Robert Menasse einen "Faust III" als Krisen-Drama vorlegt. In seiner Version "Doktor Hoechst - Ein Faustspiel", uraufgeführt am Staatstheater Darmstadt am 26. April 2009, betrifft der Teufelspakt das Wunder unendlichen Wachstums in einer endlichen Welt. Für den Konzernchef Hoechst kann das größte Glück nicht im "verweile doch, du bist so schön" liegen, das bedeutet nur Stillstand; für ihn ist ewiges Vermehren und Wachsen der Profite wie der Konzernstrukturen das Wunschziel. Mephistopheles in Gestalt des Biochemikers Gottlieb verspricht seinem alten Schulfreund beides: die Beschleunigung der Wirtschaftsprozesse und eine gentechnisch in der Phiole optimierte Menschengestalt.

Denk- und Sprachkapriolen

Zehn Tage zuvor war in Köln in der Regie von Nicolas Stemann Elfriede Jelineks Wirtschaftskomödie "Die Kontrakte des Kaufmanns" zu sehen. Nun kann man den Text zusammen mit "Rechnitz (Der Würgeengel)" und "Über Tiere" nachlesen. Das ergibt ein probates Umfeld: die entfesselte Brutalität der örtlichen NS-Prominenz, die Ende März 1945, unmittelbar vor dem finalen Zusammenbruch des Systems, 180 Zwangsarbeiter bestialisch und in Partylaune ermordet, auf der einen Seite, die entfesselte Verrohung von Sitten und Sprache, die durch Abhörprotokolle der Geschäftsverhandlungen zwischen Kunden der besten Gesellschaft und einer Wiener Agentur für osteuropäische Prostituierte aktenkundig wurde, auf der anderen. Gar manche dieser Kunden, die sich angelegentlich nach diversen Sonderleistungen und den Agios dafür erkundigten, waren wohl Akteure und Profiteure der Spekulationsblase, deren Folgen nun mit Steuergeldern eilig repariert werden sollen. Die Dienste solcher Agenturen gehörten wie die Haubenlokale und "die vielen Pferde" unter der Motorhaube gewissermaßen zum ganz normalen Business-Lifestyle.

Den Schlusspunkt ihrer Gesellschaftstrilogie setzt Jelinek mit dem Stück über den Crash dieser Hochkonjunktur der entfesselten Finanztransaktionen. Wie einige wenige, im Lärm der noch laufenden Spekulations-Party nicht beachtete Wirtschaftsfachleute hat auch eine hellhörige Beobachterin wie Jelinek die Vorzeichen der Krise zu lesen verstanden. Obwohl hier von konkreten heimischen Vorkommnissen gehandelt wird, mit den namhaften und namentlich bekannten Akteuren der Skandale um BAWAG und Meinl European Land, kann bei Jelineks charakteristischer Textflächen-Struktur und dem Verwirrspiel mit changierenden Erzählstimmen nicht von Personalisierung die Rede sein. Wie besessen verknotet sie Realitäts- und Wortpartikel, und daraus purzeln die Denk- und Sprachkapriolen mit solcher Rasanz, dass der Leser fast zwangsweise in jede der aufgestellten Wort- und Denkfallen plumpst, selbst wenn sie vorauszusehen waren und in leichten Variationen wie tänzelnd immer wieder und wieder kommen. Doch am aktuellen Crash geraten die Kalauerbögen und Wortgeflechte mit programmierten Bedeutungsabstürzen an den Rand ihrer Kapazität, denn die globalisierte Finanzwelt produziert ihre Zynismen und Ungeheuerlichkeiten selbst mit halsbrecherischer Geschwindigkeit. Die Infamie der Pyramidenspiele à la Bernard Madoff lässt sich satirisch kaum überbieten.

Verzocktes moralisches Kapital

In Jelineks Stück geht es um dieses "Hart zwischen Nichts und Nichts", und das meint nur an der Handlungsoberfläche die betrügerischen oder auch üblichen bis halblegalen Machenschaften, mit denen die Erfinder immer neuer "Finanzprodukte" und all die findigen Köpfe der Hedgefonds-"Industrie" Milliarden verzockt haben; das viel schlimmere "Nichts" brodelt aus Jelineks unruhigen Sprachbodensätzen: Es ist das gesellschaftliche Kapital an moralischen Grundwerten, das hier großzügig mitverschleudert wurde - was den vielleicht langfristigeren Schaden bedeutet. "Freiheit, Gerechtigkeit, Ehre, Pflicht, Vergebung, Hoffnung, das sagt das Vorwort zu unserem nagelneuen Geschäftsbericht, der alles schlägt, der alles sticht", schreibt Jelinek und fügt im Nachspann an: "Danke, Meinl-Bank, für die Wahrheit und für das Vorwort zum Geschäftsbericht 2006."

Betrogene "Einbißchenanleger"

Der Hauptteil des Textes ist denn auch mit "Das Eigentliche" übertitelt und zeigt das Spiel mit ineinander verzahnten Ketten aus Töchter- und Derivatunternehmen, die verschleiernde Übertragung und Doppelung eingeführter Firmennamen für ausgelagerte Risikoaktivitäten mit beschränkter Haftung - aufgehängt am Schicksal des Mohrenkopfes, einst Aushängeschild eines "ordentlichen Kaufmanns", freilich auch Zeichen kolonialer Ausbeutung. "Unser Wert ist nichts, unser Wert ist nicht unser, wir haben unseren Wert abgegeben und gegen nichts eingelöst, wir haben nichts erlöst, wir haben keine Erlösung, wir haben keinen Wert, und wir haben keine Werte, unsere Werte sind nichts wert, und unser Wert ist erst recht keiner" - singt der Chor der betrogenen "Einbißchenanleger", die auf den Mohrenkopf vertraut haben. Doch die Bank ist "rein zufällig namensgleich" - "Namen sind schließlich Knall und Fall"; sie "verwendet nur natürliche Kosmetik für ihre Bilanzen, Naturkosmetik, und sie kennt ihr Nichts sehr wohl, wir kennen aber das Nichts nicht, das uns nichten wird, wir haben also ins Nichts von nichts investiert".

Dass die Realität der Finanzkrise mit sprachlichen Mitteln kaum satirisch zu überholen ist, thematisiert das Stück selbst: "Der Arzt kommt solange zur Bank, wie sie offen hat, äh, und als erstes privatisiert er, wer?, egal, der Staat?, keine Ahnung, er privatisiert Ihre Gewinne und sozialisiert, nein, demokratisiert Ihre Verluste. Sowas Banales habe ich ja noch nie gesagt, und ich habe schon viel Banales gesagt, wie Sie wissen, zum Glück hat es ein andrer gesagt, bevor es mir Einfältiger einfallen konnte!"

Unübertroffen bleibt Jelinek in ihren immanenten Analysen. Den Schlussakkord bildet ein Bericht aus dem Leben der "genichteten" Opfer: Es ist der Amoklauf eines Paterfamilias, der aus Scham über die verlorenen Familienersparnisse seine Lieben ermordet: "Die Kernfamilie ist tot. Es ist ein Pech." Ein Ansteigen solcher Meldungen im Chronikteil ist als eine der unauffälligeren, weil nicht eindeutig zuordenbaren Krisenfolgen zu erwarten.

Die Kontrakte des Kaufmanns.

Rechnitz (Der Würgeengel). Über Tiere. Drei Theaterstücke von Elfriede Jelinek. rororo 2009, 352 S., e 12,-