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„Wir hungern nach Intensität“

Immer mehr Menschen machen sich auf die Suche nach einer spirituellen Dimension im (Glaubens)leben. Spiritualität – Ein Begriff voller Vielseitigkeit.

Spiritualität kann vieles heißen. Der Begriff wird zur Abgrenzung vom traditionell Religiösen genauso verwendet wie als Sehnsuchtsvokabel, also als Platzhalter für die Suche nach Intensität im Leben, meint Regina Polak im Gespräch mit der FURCHE anlässlich des Symposiums „ZukunftsBilder“. „Wir können weder ordentlich leben noch ordentlich leiden. Unsere Kultur hungert nach Intensität“, erklärt die Wiener Pastoraltheologin. Ihr Verständnis des Begriffes ist eher schlicht: „Wenn ein Mensch die Herausforderungen, die ihm im Alltag gestellt werden, lebt und darin seiner Berufung gerecht wird, indem er das in Liebe tut, ist er spirituell. Und ich maße mir an zu behaupten, dass das vor Gott auch reicht.“ Polak sieht Spiritualität keinesfalls auf einzelne Momente reduziert. „Spiritualität ist eine Verwandlung des ganzen Lebens. Das betrifft Körper, Geist und Seele, zwischenmenschliche Beziehungen und immer auch Politisches.“ Auch in karitativem Engagement sieht Regina Polak eine spirituelle Tiefendimension. „Ich kann mir bewusst machen, dass mir in diesem anderen, dem ich helfe, Gottes Antlitz begegnet.“

Hohe Ansprüche

Dass Spiritualität heute immer mehr zum Thema wird, erklärt sich die Wiener Pastoraltheologin und Mitautorin der Europäischen Wertestudie damit, dass die Gesellschaft nicht nur wirtschaftlich und ökologisch in der Krise ist. „Das zeigt vielen Menschen, dass ein rein irdisches Leben nicht alles sein kann. Man sucht nach Sinnmöglichkeiten.“

Diese Suche sei vor allem ein Phänomen in der gebildeten Oberschicht, das sich auch auf die Rolle der Kirche in der Vergangenheit zurückführen lasse. Heutzutage würden an die Religionen „Qualitätsansprüche“ gestellt. Das Verhältnis zwischen Institution und Individuum habe sich verändert. „Menschen sind nicht mehr bereit, sich nur dann als gläubig zu bezeichnen, wenn sie den Vorgaben der Institution entsprechen. Man fragt jetzt: Warum soll ich gerade christlich und katholisch sein? Und geht das nicht auch ohne Kirche?“ Die Kirche habe hier aufgrund der sozio-religiösen Vormachtstellung, die sie so lange innehatte, Probleme in der Argumentationsfähigkeit. Polak sieht die Stärke der christlichen Tradition von Spiritualität darin, dass sie so plural ist. Und auch in ihrer Schlichtheit: Christliche Spiritualität sei antiekstatisch und sehr rational. „Es geht nicht um Turbovisionen oder ähnliches“, ist die Theologin überzeugt, Auch wenn immer mehr Menschen nach solchen Erfahrungen suchen, seien diese alleine kein Zeichen für Gottesliebe.

Nichts spüren

Im Gegenteil, spirituelle Prozesse könnten auch unangenehm sein, meint Polak und weist auf die christlichen Mystiker hin, die unter ihren Gotteserfahrungen auch gelitten und vor solchen Erlebnissen gewarnt hätten. „Außerdem gibt es Phasen, da spürt man absolut gar nichts“, ergänzt Polak. Um mit dieser, von Mystikern als Wüstenerfahrung bezeichneten Erfahrung zurecht zu kommen, brauche der Mensch aber Begleitung und Übung. Askese heiße auch „nichts anderes als sich einzuüben in eine Existenz und Bewusstseinsweise“. Regine Polak ist wichtig, dass das Lernen und Weiterentwickeln dieser spirituellen Dimension vorangetrieben wird, sieht aber die Gefahr, dass Religion zur „Gefühlsoase“ verkommen könnte. Es müsse differenziert werden. „Nur ein paar Kerzen aufzustellen und sich dabei wohlzufühlen, ist nicht spirituell. Glück und Leidenschaft dagegen sehr wohl. Und auch das Leid kann sehr spirituell sein.“

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