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"Wir suchen den Dialog mit Militärs"

Die Furche erreicht Harn Yawnghwe an der Grenze zu Burma - den genauen Standort will der Direktor des Euro-Burma-Büros im Telefoninterview aus Sicherheitsgründen nicht angeben. Was der Vertreter von Burmas Exilregierung im diplomatischen Reisegepäck hat, darüber gibt Harn aber gerne Auskunft: ein Dialogangebot an das burmesische Militärregime.

Die Furche: Herr Direktor, mit welcher Aufgabe sind Sie an die burmesische Grenze gereist?

Harn Yawnghwe: Ich bin hier, um für die Exilregierung die Ereignisse in Burma aus der Nähe zu beobachten und die verschiedenen oppositionellen Gruppen zu koordinieren, damit wir unsere Initiativen aufeinander abstimmen.

Die Furche: Welche Initiativen?

Yawnghwe: Wir versuchen, einen Weg zu finden, um mit den Militärmachthabern in einen Dialog zu kommen, damit diese nicht weiterhin nur in der Gewalt eine Lösung für den Konflikt sehen.

Die Furche: Nachdem das Militär unerwartet lange mit der Niederschlagung der Demonstrationen zugewartet hat, keimte bei vielen die Hoffnung, die Junta würde dieses Mal keine Gewalt anwenden.

Yawnghwe: Dieser Gedanke ist mir nie gekommen, denn Gewalt ist die normale Reaktion der Militärs, die denken nur in dieser Kategorie. Aber es ist der falsche Weg, denn im Unterschied zur Revolution 1988, wo alles zufällig und überraschend und emotional gesteuert war, sind heute die Menschen viel mehr entschlossen. Die brutale Niederschlagung der Demonstrationen ist erwartet worden, aber das wird die Leute nicht abhalten, sie werden nicht mehr so leicht aufgeben. Wir gehen in eine lange Periode von Aufruhr und Aufstand in Burma, bis das Militär eine bessere Lösung für die Menschen akzeptiert.

Die Furche: Bessere Lösung heißt demokratische Verhältnisse - wie gut sind die burmesische Exilregierung und die Opposition in Burma auf eine Machtübernahme vorbereitet?

Yawnghwe: Mehr vorbereitet als in der Vergangenheit. Doch ich denke derzeit nicht an einen völligen und sofortigen Machtwechsel. Die Opposition sucht nach einem richtigen Dialog mit dem Militär, in dem wir einen langfristigen Machtübergabeprozess anbieten. Die wirtschaftliche Situation ist verheerend, die politischen Institutionen fehlen oder sind schwach ausgebildet. Ein völliger und sofortiger Machtwechsel würde viele Schwierigkeiten verursachen. Außerdem sind die Erwartungen der Menschen in Burma sehr hoch, und es ist unrealistisch, dass wir in ein paar Monaten die Probleme lösen, die in den letzten 40 Jahren aufgestaut wurden.

Die Furche: Sie reden von Opposition, Auslöser und Träger des Protestes sind aber vorwiegend Mönche, welche Rolle spielt in diesem Aufstand überhaupt die politische Opposition?

Yawnghwe: Die Mehrzahl der Oppositionellen im Land ist verhaftet - aber die politischen Führer einzusperren, löst das Problem nicht. Der Protest wurde nicht von den politischen Führern ausgelöst, sondern vom Volk …

Die Furche: … und den Mönchen.

Yawnghwe: Die Demonstrationen der Mönche waren ein Katalysator, aber es sind nicht nur die Mönche allein, das wäre eine zu oberflächliche Sicht. Das Leben ist für die Menschen in Burma unerträglich geworden, eine riesige Frustration hat sich aufgebaut. Ab dem Zeitpunkt, als die Mönche auf die Straße gingen, fühlten sich die Menschen berechtigt, gegen die Missstände demonstrieren zu dürfen. Die Mönche geben ihnen die Überzeugung, dass sie mit ihrem Protest auf der richtigen Seite stehen. Die Mönche sind sie nach wie vor eine moralische Autorität - deswegen sind sie eine der größten Gefahren für das Regime.

Die Furche: So wie die unter Hausarrest stehende Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi.

Yawnghwe: Ihre Respektbezeugung gegenüber den Mönchen, die vor ihr Haus marschierten, war ein wichtiges Zeichen. Denn ihre Partei ist in einer schwierigen Situation: Wenn sie sich offiziell auf die Seite der Demonstranten stellt, könnte das Militärregime der Partei die Registrierung entziehen, sie müssen deswegen bei ihrem Vorgehen sehr aufpassen.

Die Furche: Bei unserem letzten Gespräch in Wien vor knapp zwei Jahren haben Sie die Rolle und Bedeutung von Aung San Suu Kyi mit der von Nelson Mandela verglichen.

Yawnghwe: Dieser Vergleich stimmt heute noch mehr als damals: Wenn sich das Militär für Verhandlungen entscheidet und einem teilweisen Machtverzicht zustimmt, brauchen wir jemanden, der das ganze Land hinter sich versammeln kann, und Aungs Autorität ist für den Zusammenhalt Burmas unersetzlich.

Die Furche: An dem auch Nachbar China großes Interesse hat …

Yawnghwe: Ich denke, China ist sehr besorgt über die Situation in Burma. Ein instabiles Burma ist ganz und gar nicht in Chinas Interesse.

Die Furche: Weil Peking Burma als Rohstofflieferanten braucht.

Yawnghwe: China bezieht viele Rohstoffe aus Burma, aber das ist nur ein kurzfristiger Vorteil, doch China denkt langfristig. China braucht zur wirtschaftlichen Entwicklung seines Westens einen Meereszugang, und die Häfen in Burma sind dafür ideal. Deswegen wird China jede Regierung in Burma unterstützen, die ihm die nötige Infrastruktur - Straßen, Eisenbahnen, Häfen - zur Verfügung stellt, aber dieses Regime schafft das nicht und wird deswegen immer mehr zu einem Problem für China.

Die Furche: Könnte das zur paradoxen Situation führen, dass das kommunistische Peking demokratische Kräfte in Burma unterstützt?

Yawnghwe: Absolut möglich, ein demokratisches Burma kann China viel nützlicher sein.

Die Furche: Noch zählt aber China im UN-Sicherheitsrat zu den Veto-Mächten?

Yawnghwe: Was wir im Sicherheitsrat brauchen, ist ein Konsens darüber, dass die Situation in Burma eine große Gefahr für die Stabilität der ganzen Region und deswegen eine Angelegenheit von internationalem Interesse ist - nur besorgte Statements abzugeben, ist nicht genug.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

Prinz, Premier-Berater und Vertrauter von Aung San Suu Kyi

Im Jahr der Unabhängigkeit Burmas von der britischen Kolonialmacht, 1948, kam Harn Yawnghwe zur Welt - als jüngster Sohn von Sao Shew Taik, dem letzten König (Saopha) des Shan-Fürstentums Yawnghwe und ersten Präsidenten der Republik Burma. 1963, mit der Machtergreifung der Militärs, musste Harn fliehen, nachdem sein Bruder getötet und sein Vater ins Gefängnis gesteckt worden war, wo dieser bald verstarb. 1969 gewährte Kanada Harn Asyl. Seither besetzte er höchste Funktionen in der burmesischen Exilpolitik. Von 1991 bis 2002 war Harn Berater von Sein Win, dem Ministerpräsidenten der Exilregierung Burmas. Heute ist er Direktor des Euro-Burma Büros in Brüssel. In der Vergangenheit vertrat Harn Yawnghwe bei offiziellen Anlässen auch immer wieder die eingesperrte burmesische Demokratie-Ikone und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi. Bei seiner derzeitigen Mission an der burmesischen Grenze, so stellte Harn im Gespräch mit der Furche klar, repräsentiere der Prinz aber nicht die Nobelpreisträgerin, sehr wohl aber die Exilregierung und Aungs Partei, die "Nationale Liga für Demokratie". Seine Bitte an die freie Welt ist die gleiche, wie sie Aung San Suu Kyi immer wieder formuliert: "Nützen Sie Ihre Freiheit, um für die Freiheit der Menschen in Burma einzutreten!" Weitere Info unter: www.austrianburmacenter.at

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