Wir wollen keine Staatsmedizin

Die Kosten für Österreichs Spitäler steigen weiterhin an, Reformen sind nötig. Ärzte widersetzen sich der Ökonomisierung und branchenfremden Investoren.

Das Gesundheitssystem garantiert qualitative medizinische Versorgung für die Bevölkerung, gilt aber als kompliziert strukturiert und teuer. Der Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Hans Jörg Schelling, präsentierte einen "Masterplan Gesundheit". Walter Dorner, Präsident der Ärztekammer, bekräftigt die Kritik daran.

Die Furche: Sie haben den Masterplan gleich mit Kritik quittiert ...

Walter Dorner: Ich habe mir das Papier zuerst angesehen und mich zu Wort gemeldet, nachdem Schelling etwas anmaßend ankündigt hatte, 2011 zu einem Gesundheitsdialog einzuladen. Das steht nicht ihm zu, sondern dem Bundesminister für Gesundheit. Wenn Minister Stöger zu einer nationalen Gesundheitskonferenz lädt, werde ich daran teilnehmen. Ich bin derselben Meinung wie er, dass Österreich ein bundeseinheitliches Krankenanstaltengesetz (KAG) benötigt. Erst dann kann man über einen Masterplan sprechen.

Die Furche: Eine gemeinsame Spitalsplanung für ganz Österreich trotz Zuständigkeit der Länder?

Dorner: Gewisse Dinge muss man bundesweit regeln. Es kann sich nicht jedes Land wie ein Freistaat verhalten. Der Strukturplan Gesundheit soll nicht nur von theoretischer und bürokratischer Seite aus betrachtet, sondern endlich mit Leben erfüllt werden. Die Grenzen und Mauern zwischen Ländern und Spitälern wurden mit der leistungsorientierten Krankenanstalten-Finanzierung (LKF) aufgezogen. Damit hat man das gesamte System regionalisiert: Jedes Spital muss darauf achten, hoch dotierte Punkteleistungen zu erbringen, um am Jahresende dafür Geld zu erhalten. Das führt vom Wichtigsten weg: den Menschen zu betreuen.

Die Furche: Aber der Masterplan setzt ja auch bei Spitälern an.

Dorner: Was dieses Papier enthält, ist ein ökonomisches Modell der Finanzierung. Sonst sagt der Masterplan nichts. Das ist meine Kritik, das habe ich Schelling vorgeworfen. Nicht mehr. Er will das alles auf das Ökonomische herunterbrechen. Das lehnen wir ab. Jeder Mensch, jeder Patient, ist anders, ist individuell, hat andere Bedürfnisse und Notwendigkeiten. Darauf nimmt der Masterplan überhaupt keine Rücksicht. Der andere Punkt meiner Kritik ist, dass dieser Masterplan einfach zu viele quasi verstaatlichte Bereiche vorsieht. Etwa die community nurses, wo - wie beispielsweise in Schweden - eine Person an einer Schlüsselstelle bestimmt, wer zur Ärztin oder zum Arzt darf und wer nicht.

Die Furche: Dieses System besteht auch in England.

Dorner: Und ähnlich in Holland. Ein Erfolgsmodell ist es nirgends. Diese Art der Entscheidung durch einen Funktionär im System lehnen wir ab. Das ist einer von vielen Punkten in diesem Papier, die weit von dem entfernt sind, was ein freier Beruf noch ertragen kann.

Die Furche: Als da noch wären?

Dorner: Wir wollen den freien Zugang für alle Hilfsbedürftigen zu allen Systemen der medizinischen und ärztlichen Versorgung. Wir wollen in Österreich keine Versorgungszentren wie in Deutschland, die von Krankenhaus- oder von Kapitalgesellschaften betrieben werden. Diese werden nicht vom Patientenwohl getrieben, sondern von der Dividende. Es kommt dadurch zu einem Trend weg vom niedergelassenen Arzt, und es konterkariert unsere Ärztegesellschaften: Gruppenpraxen und Ärztegesellschaften in Österreich haben nur Ärztinnen und Ärzte als Eigentümer und Betreiber. Das soll so bleiben. Dafür haben wir gekämpft. Wir wollen keine branchenfremden Investoren in den Praxen.

Die Furche: Ist das die Stopptafel für den Masterplan von Schelling?

Dorner: So ist es. Denn mit einigen Punkten in diesem Papier wird versucht, das alles zu umgehen.

Die Furche: Aber einiges an strukturellen Änderungen scheint ja erforderlich zu sein.

Dorner: Darum wurde der Kassenstrukturfonds vereinbart. Doch die Regierung verweigert die Mittel, um damit die Strukturen außerhalb der Krankenhäuser zu verbessern. Es ist abschreckend, welche Massen sich täglich etwa in Wien in das AKH oder in das SMZ Ost ergießen. Anderswo ist es ähnlich und daher verständlich, dass die Länder sagen, sie könnten das nicht mehr tragen und bräuchten andere Versorgungsstrukturen. Aber dann muss man den Ärztinnen und Ärzten schon die Chance geben, das zu verbessern. Etwa in Form von Gruppenpraxen. Nicht von zwei, sondern von fünf Medizinern, deren Ordination dann den ganzen Tag geöffnet ist. Das muss man anlaufen lassen, es wird funktionieren.

Die Furche: Bleibt noch das Problem der Honorierung ärztlicher Leistung, denn die Ansprüche der Patienten sind gestiegen.

Dorner: Die Honorarstruktur geht nicht mehr konform mit den Anforderungen, die heute an den Arzt gestellt werden. Zu den medizinischen kommen die kommunikativen und die beratenden. Patienten wollen nicht mehr warten, wünschen aber, dass Ärzte Zeit für sie haben und Hausbesuche machen. Viele Faktoren der Beschleunigung, etwa mobiles Telefonieren, rauben uns Ruhe und treiben uns hinein in Technik und Ökonomie. Das spüren die Ärzte.

Die Furche: ... die in den Praxen auch den Nachwuchs ausbilden sollen. Wer bezahlt das?

Dorner: In Europa werden die Lehrpraxen öffentlich finanziert. In Österreich ist das anders, es steht ein zu niedriger Betrag zur Verfügung, nötig wäre das Zehnfache. Die Ausbildung während des Turnus in einem Spital trägt ja auch die öffentliche Hand. Turnus-Ärzte könnten, meine ich, im Spital gemeldet bleiben, teilweise aber in einer Praxis arbeiten. Die Kosten ließen sich teilen. Aber auf diese Vorschläge geht niemand ein. Turnusärzte im Spital sind als kostengünstige Systemerhalter tätig. Insgesamt meine ich daher, muss die Attraktivität des Gesundheitssystems für Ärzte steigen. Das sind hoch spezialisierte Menschen, die in einem persönlichen Verhältnis für den Menschen da sind. Das ist ihre humanitäre Verpflichtung. Medizinische Leistung ist ein Beitrag zum Wohlstand des Einzelnen, zu Wachstum und zu Produktivität. Das ist belegt.

* Das Gespräch führte Claus Reitan

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