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Wird der Mensch zum Rohstoff?

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Die Biotechnologie macht enorme Fortschritte. Die Möglichkeiten, menschliches "Material" für Zwecke des Menschen nutzbar zu machen, werden zahlreicher. Was bleibt von der Menschenwürde?

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Die Biotechnologie macht enorme Fortschritte. Die Möglichkeiten, menschliches "Material" für Zwecke des Menschen nutzbar zu machen, werden zahlreicher. Was bleibt von der Menschenwürde?

Vor kurzem gingen zwei Meldungen durch die Medien: Da war zunächst die Geschichte des Ehepaars Nash aus Colorado in den USA. Die Ärzte ihrer todkranken Tochter Molly (sie leidet an einem ererbten Mangel an Knochenmark) fassen neuen Mut. Man hatte dem Mädchen Zellen aus der Nabelschnur ihres vier Wochen alten Bruders übertragen, was ihre Überlebenschance enorm erhöht hat.

Wunderbar, ist man bei der Lektüre der Meldung geneigt zu sagen. Die Sache hat nur einen Schönheitsfehler: Der kleine Adam ist ein Retortenbaby, extra zur Rettung seiner Schwester in Auftrag gegeben, der einzig Überlebende von mehreren im Labor "erzeugten Embryos", wie "Der Standard" schreibt.

Der im Labor erzeugte Adam - und eine Menge Ausschuss. Wenn das nicht bezeichnend ist für die Neuschöpfung, die unsere Gesellschaft in Angriff nimmt!

Wie gängig das Denken in Kategorien von Menschenproduktion ist, zeigt eine weitere Meldung: Zwei Unternehmen, die australische "Stem Cell Sciences" und die US-amerikanische "Biotransplant" wollen sich beim Europäischen Patentamt die Rechte für ein Mischwesen aus Tier und Mensch sichern. Insbesondere Chimären aus Mensch und Schwein sind im Visier der Biotechniker. Wie es im Patentantrag laut Umweltschutzorganisation "Greenpeace" heißt, würde man sich aber nicht darauf beschränken wollen: "Der Embryo kann unterschiedlicher Herkunft sein: von Vögeln, Reptilien und Säugetieren inklusive des Menschen. Vorzugsweise ist der Embryo von Schwein, Rind, Maus oder Mensch." Der Embryo ein Ding.

Dass die EU-Patentrichtlinie Patente auf menschliche Lebewesen ausschließt, ist kein Hindernis. Dem halte man entgegen, schreibt "Die Presse", dass "Mensch-Tier-Mischwesen oder Embryonen, die für therapeutische Zwecke hergestellt würden, keine ,menschliche Lebewesen' seien."

Klonen verharmlost Damit sind wir mitten im Thema: Ist der Mensch nun ein Rohstoff wie Eisen, Weizen oder Holz, beliebig verwertbar, kombinierbar? Die Ausdrucksweise "herstellen" erinnert jedenfalls fatal an die Konstruktion eines Autos oder das Backen von Kuchen. Wo kommen wir hin, wenn selbst renommierte Medien das Zeugen von Menschen wie ein Produktionsverfahren bezeichnen? Sie sprechen damit dem Kind in seinen ersten Tagen das Menschensein ab.

Die künstlichen Befruchtung trug wesentlich zu dieser Sichtweise bei. Um sie zu perfektionieren wurden möglichst viele Kinder künstlich gezeugt, aber nur ein Teil von ihnen eingesetzt. Plötzlich verfügte die Wissenschaft über eine Unzahl von Kindern in den ersten Lebenstagen, die man nicht ihrer Bestimmung, nämlich ausgetragen zu werden, zuführte, die aber für Forschungszwecke von größtem Interesse waren.

Was lag näher, als nach Argumenten zu suchen, um ihre Verwendung zu ermöglichen? Also wurde der Begriff des Prä-Embryo für die ersten 14 Lebenstage geprägt. In dieser Entwicklungsphase sei das Zentralnervensystem noch nicht entwickelt und es könne noch zu einer Zwillingsbildung kommen, also keine Rede von empfindsamer Individualität. Da könne man nicht von einem menschlichen Wesen sprechen, eher von Zellhaufen, von totipotenten Zellen, die sich noch zu jeder Form von Zellgewebe entwickeln könne ...

Manche Forscher sind noch großzügiger: "Die Grenze für den Naturwissenschaftler ist ein vorhandenes Nervensystem. Ab der siebenten oder achten Woche hat ein menschlicher Embryo ein ausgebildetes Nervensystem. In diesem Moment kommt es für keinen Wissenschaftler mehr in Frage, etwas zu machen - unabhängig von der Weltanschauung und Religion," stellt der Wiener Gynäkologe Professor Johannes Huber etwa fest. Und der Umstand, dass Ärzte sich bei Abtreibungen sich nicht einmal an diese Grenze halten, zeigt, wie vollkommen willkürlich alle diese Grenzziehungen letztlich sind.

Im Grunde genommen geht es immer um Interessen, die jemand durchsetzen will. Für sie zieht man Argumentationshilfen heran.

Das wurde auch beim Gutachten über die Zulassung des therapeutischen Klonens deutlich, das eine in England eingesetzte Expertengruppe heuer im August abgab. Sie schloss sich stillschweigend der Argumentation an, bis zum 14. Tag sei das Experimentieren unbedenklich und das therapeutische Klonen daher zulässig.

Schon die Zusammensetzung der Expertengruppe sollte zu denken geben: Zwölf Medizinern und Biologen stand ein Ethiker und ein Jurist zur Seite. Dabei steht außer Zweifel, dass bei dieser rein ethischen Frage Mediziner und Biologen keinerlei besondere Kompetenz mitbringen, wohl aber viel Interesse am Forschungsobjekt.

Das Grundproblem der heutigen bioethischen Debatte ist das Vorherrschen der interessengeleiteten Argumentation. Sie verwendet unscharfe Begriffen, die den angestrebten Nutzen hervorheben und bisher Undenkbares attraktiv erscheinen lassen. Das Klonen ist ein typisches Beispiel für diese Vorgangsweise. Was das Europa-Parlament noch vor kurzem als "unethisch, moralisch abstoßend", als "schwere Verletzung grundlegender Menschenrechte" bezeichnet hatte, nämlich das Klonen von Menschen, konnten die britischen Experten jetzt empfehlen. Mit der Zustimmung des Parlaments ist zu rechnen.

Um das Klonen von Menschen salonfähig zu machen, spricht man vom therapeutischen, also von einem "guten", weil im Dienste der Heilung stehenden, Klonen von Stammzellen. An den Pranger stellt man gleichzeitig das reproduktive Klonen, das nunmehr zum Inbegriff des Verabscheuungswürdigen wird.

Damit entsteht der falsche Eindruck, das Klonen von Menschen sei nach wie vor im Out. Und der Normalverbraucher übersieht, dass sich beide Verfahren nur in der Intention der Forscher, nicht aber technisch unterscheiden. Denn wer das therapeutische Klonen beherrscht, wird nach Belieben auch reproduktiv Klonen können. Und so eröffnet sich die Möglichkeit weiter in Richtung "Herstellung des Menschen" voranzuschreiten, und diese "Herstellung" weiter zu perfektionieren.

Wo man nicht über die Substanz, an der manipuliert wird, nachdenkt, sondern dem Nützlichkeitskalkül Tür und Tor öffnet, kann man auch der schrankenlosen Ausbeutung von Mensch und Natur nicht Einhalt gebieten. In einer Gesellschaft, deren Entwicklung von der unbegrenzten Freiheit der Forschung und des Profitstrebens vorangetrieben wird, muss sich früher oder später alles der uneingeschränkten Nutzbarmachung unterwerfen.

Manipulierte Begriffe Was sollte sie daran hindern? Zwar machen wir seit Jahrzehnten die Erfahrung, dass alles menschliche Eingreifen Nebenwirkungen produziert, die sich vielfach langfristig als nachteilig erweisen. Die Umweltdebatte liefert diesbezüglich genug Anschauungsmaterial. Doch alle absehbaren Nachteile reichen offensichtlich nicht für eine Kurskorrektur.

Irgendwie ist das verständlich: Bevorstehende Katastrophen an die Wand zu malen, das hat den Schönheitsfehler, dass auch da mit der Nützlichkeit argumentiert wird. Wer Sozial- und Umweltkosten betont, landet letztlich auch wieder nur bei einer Kosten-Nutzen-Abwägung. Und über solches Abwägen lässt sich wunderbar endlos streiten.

Nützlichkeit als Maß Die Fortschritte der Biotechnologie und der Humangenetik stellen uns aber vor eine fundamentale Frage: Wer ist der Mensch eigentlich? Ist er ein Geschöpf Gottes, und als dessen Abbild einmalig und unantastbar in seiner Würde? Oder ist er ein Zufallsprodukt, dessen Existenz in letzter Konsequenz sinn- und ziellos und daher beliebig veränderbar ist? Um diese Fragen wird man sich nicht herumdrücken können. Sie zu beantworten ist weitaus wichtiger, als Budgets zu sanieren.

Die Wissenschaft ist da überfordert und keineswegs zuständig. Sie kann messen, wiegen und zählen, kann Zusammenhänge erkennen und Gesetzmäßigkeiten nutzbar machen. Aber sie weiß nichts vom Wesen der Substanzen, an denen sie hantiert. Sie weiß nicht, was Energie ist, auch wenn sie diese zu nutzen vermag. Sie weiß nicht, was Materie ist, auch wenn sie Wesentliches an deren Aufbau durchschaut. Und sie weiß nicht, wer der Mensch ist, auch wenn sie Wichtiges über das Funktionieren seines Körpers und seiner Psyche erkennt.

Soll der Mensch nicht zum Material verkommen, muss ein Tabu (wieder) errichtet werden: In jeder Phase seiner Existenz hat er unantastbar zu sein, jeder einzelne. Alles, was an einem Menschen geschieht, hat zu dessen persönlichem Wohle zu geschehen. Das gilt ebenso für den Prä-Embryo, wie für den Embryo, den Fötus, das neugeborene Kind, den Teenager oder den altersschwachen und leidenden Menschen.

Papst Johannes Paul II. formulierte es im August in einer Ansprache vor Transplantationsmedizinern folgendermaßen: "Methoden, die der Würde und dem Wert der Person nicht Rechnung tragen, sind stets zu vermeiden. Ich denke insbesondere an Versuche, Menschen zu klonen, um Organe für Transplantationen zu erlangen: Solche Techniken sind moralisch unannehmbar, soweit sie die Manipulation und Zerstörung menschlicher Embryonen umfassen - auch dann, wenn ihr angestrebtes Ziel in sich gut ist."

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