Wird Klonen nun doch salonfähig?

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Eine Expertengruppe in England empfahl kürzlich, das Klonen zu legalisieren. Vor uns ein neuer Dammbruch?

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Eine Expertengruppe in England empfahl kürzlich, das Klonen zu legalisieren. Vor uns ein neuer Dammbruch?

Klonen sei "unethisch, moralisch abstoßend", "eine schwere Verletzung grundlegender Menschenrechte, die unter keinen Umständen gerechtfertigt oder zugelassen werden kann, weder auf experimenteller Grundlage, noch ... zur Gewebetransplantation oder zu irgendeinem anderen Zwecke." So das Europa-Parlament nach dem gelungenen Experiment, das Schaf "Dolly" zu klonen. Auf Menschen würde das Verfahren ohnedies nie angewendet werden, beteuerten 1997 auch die Wissenschaftler.

Das liegt drei Jahre zurück, also eine Ewigkeit. Heute liest man es anders: Mitte August erstellte nämlich eine Expertengruppe einen Report an die britische Regierung. Darin wird vorgeschlagen, durch Klonen erzeugte Embryonen zur Gewinnung von "Stammzellen" zuzulassen. Im Herbst soll das englische Parlament entscheiden, ob "therapeutisches Klonen" legalisiert werden soll.

Selbstverständlich fordert der Report strengste Sicherheitsvorkehrungen. Selbstverständlich schließt er den nächsten Schritt, das reproduktive Klonen, strikt aus, selbstverständlich auch die Herstellung von Mensch-Tier-Hybriden. Wer die Entwicklung der Biotechnologie verfolgt, kennt das Spiel: Um den jeweils nächsten Schritt salonfähig zu machen, wird der jeweils übernächste kategorisch ausgeschlossen. Das beruhigt die Gemüter und nimmt Kritikern den Wind aus den Segeln.

Welche Technik soll da in England etabliert werden? Es geht um die Nutzung von "Stammzellen". Durch geeignete Verfahren lassen sich aus ihnen menschliche Gewebe gezielt züchten, etwa Nerven, Knochen oder Lungen ... Üblicherweise gewinnt man Stammzellen von einem wenige Tage alten menschlichen Embryo, also einem Kind in den ersten Lebenstagen.

Diese Zellen können noch alle möglichen Gewebe ausbilden. Auf sie lässt sich das fremde Erbgut übertragen, also eine Klonung durchführen. Mittels geeigneter Technik wird dann versucht, das gewünschte Gewebe mit der neuen Erbinformation zu erzeugen. Ist das Verfahren einmal ausgereift, würde es Transplantationen ohne größere Gefahr der Abstoßung des Organs ermöglichen, verfügen doch Ersatzorgan und Empfänger dann über dieselbe Erbinformation.

Wundertechnik Vom Einsatz dieser Technik erhofft man sich wahre Wunder, die Heilung derzeit kaum behandelbarer Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson. Die Tatsache, dass bei dieser Vorgangsweise, Menschen in den ersten Lebensphasen geopfert werden, verschwindet hinter der gewählten Terminologie: Man spricht von omni- oder pluripotenten Stammzellen aus Embryonalgewebe. Das klingt wissenschaftlich, wertfrei, harmlos.

Dieses Jonglieren mit Begriffen ist eine gern geübte Praxis. Auch die Bioethik-Konvention des Europarates unterscheidet zwischen "human being" und "embryo" und eröffnet damit dem Manipulieren an Embryonen Tür und Tor. Und im Klon-Zusatzprotokoll zur Bioethik-Konvention begnügt man sich damit, die Erzeugung eines Menschen, der mit einem anderen identisch ist, zu verbieten. Auf Embryonen wird das Verbot nicht ausgeweitet. So steht dem therapeutischen Klonen grundsätzlich nichts im Weg.

Wie bei "Dolly" Ethisch unbedenklich wären Bemühungen, Stammzellen auf andere Weise zu erzeugen, etwa durch Verwendung von Blut aus der Nabelschnur zum Zeitpunkt der Geburt und von Zellen spezieller Gewebe Erwachsener. So gelang es im Tierversuch, Gehirn- und Knochenmarkzellen von Mäusen zu Herz- und Lebergewebe umzuprogrammieren. Tatsächlich wird aber vor allem mit Embryonalzellen gearbeitet, mit jenem Verfahren, das die "Väter" des Klonschafs "Dolly" entwickelt haben.

Keine Frage: Klonen eröffnet faszinierende Möglichkeiten für die Medizin. Daher der Druck der Wissenschaft. So wird in einer von prominenten Wissenschaftlern (darunter Nobelpreisträger Francis Crick, Vater der Genforschung) unterschriebenen "Erklärung zur Verteidigung des Klonens" "die Fortführung einer verantwortlichen Entwicklung der Klonierungstechniken" gefordert. Weiters heißt es: "Soweit die Wissenschaft das sagen kann, ist Homo sapiens ein Vertreter des Tierreichs ... Das reiche menschliche Repertoire an Gedanken, Gefühlen, Sehnsüchten und Hoffnungen scheint sich aus elektrochemischen Hirnprozessen zu speisen und nicht aus einer immateriellen Seele ... Daher erhebt sich aus der gegenwärtigen Debatte um das Klonen sofort die Frage, ob die Fürsprecher von übernatürlichen oder spirituellen Weltbildern wirklich über sinnvolle Qualifikationen verfügen, um zu dieser Debatte beizutragen."

Dieses Zitat bringt das Problem, um das es beim Klonen geht, auf den Punkt: Wer ist das Wesen, an dem da hantiert wird - sowohl als Spender, wie als Empfänger von Organen? Die heute forcierte Praxis behandelt ihn als hochkomplexes Gebilde von Zellen, Geweben und Organen, dessen Funktionstüchtigkeit man optimiert und möglichst lange gewährleistet. Dass jeder eine einmalige, unschätzbar wertvolle Person ist, scheint vergessen.

200 Jahre alt könnten Menschen demnächst dank der Fortschritte werden! Wer kann bei solchen Perspektiven noch Einwände vorbringen? Selbst mit der Unsterblichkeit wird spekuliert, etwa wenn Bill Joy, Mitbegründer und Entwicklungschef von "Sun Microsoft" die Perspektiven der Computer-Entwicklung skizziert. "Die Robotik träumt ... davon, den Menschen schrittweise durch Robotertechnologie zu ersetzen, so dass wir gleichsam Unsterblichkeit erlangen, indem wir unser Bewusstsein abspeichern." Und Ray Kurzweil, Berater Präsident Bill Clintons, sagt voraus, durchschnittliche Computer könnten 2029 ein eigenes Bewusstsein besitzen und 2099 würde es keinen Unterschied mehr zwischen Mensch und Maschine geben.

Solange diese materialistische Sicht vom Menschen vorherrscht und die Entwicklung vorantreibt, werden Ethik-Kommissionen und gesetzliche Regelungen keine entscheidenden Kurskorrekturen erwirken, vor allem da die Biotechnologien als die Zukunftsmärkte schlechthin gelten Ohne eine geistige Wende in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft steht uns bald die Debatte über reproduktives Klonen ins Haus. Und seine Befürworter werden viel Nützliches ins Treffen zu führen haben.

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