Mein Lieblingssatz von Albert Drach.

Zum Schönen, das der Beruf des Schriftstellers zu bieten hat, gehören persönliche Begegnungen mit anderen Schriftstellern, deren Arbeit man bewundert und die man, hätte einen nicht ein gemeinsamer Auftritt, wie die Betriebsamkeit des Betriebs ihn in Glücksfällen möglich macht, zusammengeführt, niemals anzusprechen gewagt hätte.

1991 gehörte ich einer Gruppe von zehn Schriftstellerinnen und Schriftstellern an, die nach Frankreich eingeladen worden waren, um dort eine Auswahl zeitgenössischer österreichischer Literatur zu präsentieren. Ich war, wie sich denken lässt, stolz, da dabei zu sein, und glücklich, bei einem gemeinsamen Mittagessen im Garten des Pariser Literaturhauses, an einem sonnigen, warmen Tag, neben Albert Drach sitzen zu dürfen, der, wenn er nicht gerade damit beschäftigt war, seine Gattin (obwohl er wissen musste, dass diese längst seine Wünsche bezüglich der Zusammenstellung der Speisen bekanntgegeben hatte und die Einhaltung ihrer Anweisungen genauestens überwachte) mit der bei jedem aufgetragenen Gericht wiederholten Frage: "Ist das Fisch?" zur Verzweiflung zu bringen, sehr viel erzählte: Von seiner Wertschätzung der Frauen, seiner Geringschätzung fast aller deutschsprachiger Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts, aber auch von seinem Leben, seiner Flucht vor den Nazis, seinem Verstecktsein in den Wäldern Südfrankreichs, von Pilzen und was er ihnen verdankte und vieles mehr.

Drach als Scheherezade

Das Auftragen der Gerichte hörte irgendwann auf, nicht aber Drachs Erzählen, und nach und nach bildete sich um ihn eine Gruppe von Zuhörerinnen und Zuhörern - ich erinnere mich, von den anwesenden Kollegen, an H. C. Artmann, Josef Winkler, Anselm Glück - , und wir saßen da stundenlang aufmerksam und staunend, wie zu groß geratene Kindergartenkinder, denen Scheherezade persönlich die Märchenstunde abhielt. Einer nur, ebenfalls einer der eingeladenen Schriftsteller, nur wenig älter als ich, schien nicht zu begreifen oder begreifen zu wollen, dass er etwas Außergewöhnlichem beiwohnte, und meinte, durch Bemerkungen und abschätzige Blicke uns anderen signalisieren zu müssen, dass es sich bei diesem Erzähler doch wohl um einen etwas wunderlichen älteren Herrn handle, über dessen Denken und Schreiben er selbst, ein moderner Dichter, in seiner Arbeit längst hinausgegangen sei. Es war eines der zufriedenstellendsten Erlebnisse in meinem Schriftstellerleben, wie ihm da H. C. Artmann, Drach gegenüber ein Kindergartenkind wie wir, diesem Kollegen gegenüber aber eine unantastbare Autorität, in gebotener Kürze mitteilte, er möge entweder den Mund halten und zuhören oder aber den Tisch verlassen, welches letztere der Kollege dann auch ohne zu zögern, allerdings auch nicht ohne rot zu werden, tat.

Nun habe ich weit ausgeholt, und soll hier doch nur meinen Albert Drach-Lieblingssatz bekanntgeben. Ich hoffe, Sie sind nicht ungeduldig geworden. Ich habe es nur getan, damit man mir nicht nachsagt, ich hätte diesen Satz gewählt, um mich vor der Arbeit zu drücken. Denn mein Albert Drach-Lieblingsatz ist sehr kurz, und man muss ihn nicht interpretieren, seine Botschaft ist klar. Möglich, dass Albert Drach ihn auch irgendwo niedergeschrieben hat, so gebräuchlich ist er ja, ich aber verdanke ihm ebenfalls mündlicher Überlieferung, verbinde ihn mit einer Veranstaltung in der Alten Schmiede am 23. Juni 1988. Da wurde von dem Schauspieler Rudolf Wessely aus Drachs zweiundzwanzig Jahre nach seinem ersten Erscheinen wieder aufgelegtem, zwischenzeitlich vergessenem und nun von der Kritik wieder gefeiertem Roman "Unsentimentale Reise" vorgelesen. Ein deutsches Fernsehteam war zugegen und filmte Wesselys Lesung.

"Die Moderne bin ich"

Als danach Drach, der damals im 86. Lebensjahr stand, sich erhob, um sich bei Vorleser und Veranstalter zu bedanken, wurden die Kameras abgeschaltet, und viel ist so der Nachwelt verloren gegangen. Denn aus seinen Dankesworten wurde, wie so oft bei ihm, eine große Rede, eine Tirade voll Witz und schönem Größenwahn, die in dem denkwürdigen Satz gipfelte: "Die Moderne bin ich."

Aber dieser Satz ist natürlich nicht mein Drach-Lieblingssatz - kein Schriftsteller würde akzeptieren, dass die Moderne immer die anderen seien - , mein Drach-Lieblingssatz fiel erst gegen Ende dieser Rede und war an etwaige im Publikum befindliche jüngere Menschen gerichtet, die Schriftsteller waren oder werden wollten und durch ihre Arbeit zu Anerkennung und Erfolg zu gelangen hofften, also an Menschen wie mich, und er war ein Ratschlag und, wie ich heute denke, der wichtigste Ratschlag für alle, die Literatur schreiben wollen, einer, den man unbedingt beherzigen sollte, und er lautet: "Haben Sie Geduld."

Der Autor ist freier Schriftsteller und für seine Dramolette bekannt.

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