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Wo Bahr und Altenberg Hof hielten

1945 1960 1980 2000 2020

Fünfter Teil der Furche-Serie über Kaffeehäuser: "Die Literarischen" oder "Die Intellektuellen".

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Fünfter Teil der Furche-Serie über Kaffeehäuser: "Die Literarischen" oder "Die Intellektuellen".

Rund und gelbweiß wie der Vollmond leuchten die Lampen des "Hawelka" einladend in die Dorotheergasse hinaus. Mehr sieht man von außen durch die samtroten, beinahe fensterhohen Vorhänge nicht. Dafür ist es drinnen umso gemütlicher. Wohlige Wärme breitet sich aus, der Duft frisch gebackener Buchteln erfüllt den Raum, gemischt mit Zigarettenrauch und Kaffeearoma. Die Rohre, die hier die Wand entlang laufen, haben mit modernem High-tech wenig zu tun: sie gehören zum Ofen und sind, so wie die Decke, braun gestrichen. Ein abgewetzter Parkettboden, dichtes Gedränge, dezentes Sprachgewirr und die Omnipräsenz des Ehepaares Josefine und Leopold Hawelka machen die Atmosphäre im "Hawelka" so einzigartig. Ein Touristenehepaar sitzt unmittelbar vor der Schank und lächelt selig wie zu Weihnachten. Endlich ist man hier, in der Kaffeehausinstitution Wiens.

Umgeben vom geschmackvoll chaotischen Gemisch der Bilder, Plakate und Nippesfiguren, gebettet auf weiche, samtüberzogene rotbeige gestreifte Fauteuils, kommt hier eine ganz eigene Gemütlichkeit auf. Das liegt auch am Jugendstilmobiliar, vor allem aber an der Enge und dem Stil, mit dem die Hawelkas ihr Kaffeehaus führen. Speisekarte gibt es hier keine, wozu auch, wenn man reden, fragen und riechen kann. Kommunikation wird im "Hawelka" groß geschrieben. Spätestens ab 22 Uhr verläßt Frau Josefine Hawelka wieselartig bei jedem Neuankömmling, der wegen des ersten Eindruckes der Überfüllung im Windfang schon wieder umdrehen will, flink ihren Platz hinter der Schank und bugsiert Platzsuchende liebevoll-resolut - ungeachtet aller Taschen, Rucksäcke und Mäntel - zu vermeintlich freien Winkeln. "Kommen Sie , nur keine Hemmungen," rückt sie schnell einen Sessel von hier nach da, und erkundigt sich pro forma bei den glücklichen Besitzern eines Tisches, ob es eh nicht stört.

Natürlich nicht. Im "Hawelka" gehört das einfach dazu und führt oft zu interessanten Gesprächen. Wenn alle sitzen, wird weiter TheaMargarine in der kleinen Küche zu Buchteln verarbeitet. Kurz darauf verbreitet sich der wunderbare Geruch warmen Germteigs im Cafe. Ein Teller mit dem ofenfrischen Gebäck kommt familiär ungefragt auf den Tisch. Diese Methode wirkt bei der niederländischen Touristengruppe von acht Personen bombensicher. Selbst der zweite Teller findet noch unter wohligem Schmatzen regen Zuspruch. Zeitungsvertiefte, einsame Wiener stehen weniger drauf, doch der geschulte Ober weiß genau, wo seine Speise Anklang findet.

Weniger "Süße" können im "Hawelka" natürlich auch ein Käsebrot ordern, Toast gibt es keinen. Dafür kommt dieses Brot nach allen Regeln der Kunst liebevoll in Streifen vorgeschnitten, fällt die Schnitte in den Augen der Frau Hawelka zu klein aus, liegt noch etwas von der nächsten Scheibe dabei. Das "Hawelka" verkraftet mit der ihm eigenen Zeitlosigkeit nicht nur den "Nackerten", den der Austro-Popper Georg Danzer besang, sondern sogar Touristen, ohne deswegen an Atmosphäre zu verlieren. Wird hier zwar nicht viel geschrieben, so doch immerhin geredet und diskutiert.

Schreibende sind, wenn überhaupt, dann noch im "Cafe Museum" anzutreffen. 1899 von Adolf Loos entworfen, ist es noch heute beliebter Treffpunkt von Architekturstudenten oder Künstlern. Wem die Kunsthalle am Karlsplatz zu mondän und gläsern ist, weicht von der nahegelegenen Technischen Universtiät und der Kunstakademie ins "Museum" aus. Auch Loos-Touristen, vor allem Franzosen, verirren sich gerne her. Immer noch ist der L-förmige Raum mit dem rotschwarzen Mobiliar und den steinernen Tischchen auf Messingfüßen eine ideale Mischung aus Stil, Puritanismus und Großzügigkeit.

Vor kurzem wurde die Speisekarte des "Museum" einer Neugestaltung unterworfen. Seitdem gibt es ein neues, dunkelblau-weißes Kartendesign, mehrere Sorten Marmelade in weißen Porzellantigeln vor der Küche, Müesli, Corn Flakes, Joghurt und Milch fürs Frühstück - von 8 bis 24 Uhr. Außerdem immer noch Dinge, die es vorher schon gab: die Mehlspeisen, Torten und das legendäre Appetitbrot. Baguettes und griechischer Salat haben Einzug gehalten, trotzdem sind die Ober noch diesselben, selbst das erweiterte Speisenangebot im "Museum" ist noch sehr wienerisch und kaffeehausspezifisch.

Das eigene Spielerzimmer ist zweifellos für einige Anreiz genug, sich im "Museum" zu treffen. Mit Sicherheit herrscht hier die höchste Dichte an schreibenden Menschen, die das Kaffeehaus noch als Wohnzimmerersatz betrachten und sich ihre Lektüre in Buchform oft mitnehmen. Zeitungen gibt es hier ohnehin, nur das "Profil" oder der "Falter" entpuppen sich beim Nachfragen aufgrund des großen Andrangs manchmal als Privatbesitz. Daß Elfriede Jelinek, nicht schreibend, sondern plaudernd, manchmal hier sitzt, verstärkt nur die intellektuelle Atmosphäre, die hier herrscht. Lauscht man den Gesprächen der Umsitzenden, so drehen sie sich meist um Kunst, Design oder Privates.

Ganz anders geht es im "Cafe Central" zu. Peter Altenberg, der als Pappmachefigur hier sitzt, ist der einzige Literat, der sich heute noch dort findet. Er hatte ja immerhin das "Central" als Wohnadresse angegeben und selbst Oskar Kokoschka mit Öl und Leinwand zur Porträtsitzung dorthin bestellt. "Die Literatenkultur gibt's heute in dieser Form nicht mehr," sieht Public-Relations-Managerin Petra Engl-Wurzer andere Kaffeehauszeiten angebrochen. "Wir wollen den Menschen in dieser hektischen Zeit einfach Zeit schenken," bringt sie das Konzept, nach dem das "Central" im Palais Ferstel wiederbelebt wurde, auf den Punkt.

Erst durch die gleichnamige Diskussionsrunde im Fernsehen, gelangte das alte Literatencafe, dessen Räume nach dem Zweiten Weltkrieg anderweitig genutzt wurden, wieder ins Bewußtsein der Wiener. "Dabei hat es das Kaffeehaus noch gar nicht gegeben, als sie die ersten Sendungen drehten," erzählt Karl Taus, der für das Personal im Palais Ferstel verantwortlich ist. "Die haben ihre Sendungen bei der Feststiege gedreht, am ersten Oktober 1986 haben wir dann eröffnet."

Seitdem ist das "Central" wieder eine Institution. Geführt von der Imperial Hotels Austria AG, wird im "Central" nichts dem Zufall überlassen. "Wir haben einige hundert Hotels in über 60 Ländern, aber das "Ferstel" ist unser einziges Konferenzzentrum," sagt Petra Engl-Wurzer stolz. Vom Ringstraßenarchitekten Heinrich von Ferstel erbaut, zählt das Palais zu Wiens schönsten Gebäuden. Die Restaurierung hat immerhin 180 Millionen Schilling verschlungen. Finanziert von der CA, ist sie unter der Federführung des Stararchitekten Gustav Peichl gelungen.

"Das hat furchtbar ausgesehen und war verschieden genutzt. Ex-Bundeskanzler Vranitzky erzählt immer ganz stolz, daß er hier Basketball gespielt hat," erinnert sich Engl-Wurzer an die Zeit, in der das Palais Ferstel im Dornröschenschlaf gelegen ist. Heute ist das anders: Messen, Konzerte und eine exklusive Geschäftspassage bringen das alte Leben wieder ins Haus. "Die Literatenkultur gibt's nicht mehr in dieser Form," vertritt Engl-Wurzer im "Central" ein modernen Bedürfnissen angepaßtes Marketingkonzept. Das bedeutet vor allem hohe Qualität der Küche, ein reiches Zeitungsangebot und stilvolle Inneneinrichtung. Immerhin 64 Personen sind im Ferstel beschäftigt, allein zwanzig davon werken in der Küche.

Im Schnitt kann sich das "Central" über eine Frequenz von etwa 300 Personen pro Tag freuen. Über 30 Kaffeesorten, eine Peter-Altenberg-Torte aus drei Sorten Mousse-au-chocolat und weit über 100 Zeitungen bilden mit dem obligaten Glas Wasser und einem Milka-Naps die Säulen des Erfolgs für die Neuerweckung des "Central". Die richtige Umgebung für arme Leute ist das "Central" aber nicht mehr: den Herrensalat um 115 oder ein belegtes Brot um 65 Schilling muß man sich erst leisten können.

Ein weiterer Phönix aus der Asche findet sich in unmittelbarer Umgebung. Auch das "Cafe Griensteidl" ist erst im Jahr 1990 wiedereröffnet worden. Bis zum Jahr 1897 Stammsitz der Literatenschaft um Herrmann Bahr, Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus oder Felix Salten, führte der Abriß des Palais Dietrichstein zum Umzug ins "Central". Danach wurde zwar mit dem Palais Herberstein ein neues Gebäude, aber damit noch lange kein neues Kaffeehaus errichtet. Erst vor acht Jahren besann man sich der kulturellen Wurzeln, mit Hilfe des in Kaffeehausdingen sehr engagierten Helmut Zilk wurde das Griensteidl wiedergeboren. Auch hier gibt es eine eigene Tortenkreation aus Nüssen, Schokolade und Orangen mit Lebkuchengeschmack.

"Wir können zufrieden sein," zeigt sich Geschäftsführerin Gabriele Haslauer optimistisch. "An guten Tagen haben wir bis zu 500 Gäste." Vor allem Schlechtwetter lockt in die schützende Wärme des Cafes. Ein traditioneller Windfang am Eingang, schwarze, hölzerne Sitznischen, Spiegel, kleine Blumen an jedem Tisch, ganztägig warmes Essen bis 24 Uhr und Zeitungen geben dem "Griensteidl" trotz des für ein Kaffeehaus jungen Alters genug Atmosphäre, um nicht nur von Touristen interessant gefunden zu werden. Nur die dreisprachige Karte kommt Einheimischen etwas befremdlich vor. Doch Gabriele Haslauer resümiert: "Von jung bis alt kommt zu uns alles!"

Diese Serie erscheint seit der Nummer 40/1998 vierzehntägig in der Furche. Es sind insgesamt zwölf Beiträge vorgesehen.

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