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Wo das älteste Evangelium steckt

Johannes gilt für den Großteil der Exegeten als das jüngste Evangelium. Es gibt aber gute Gründe, Johannes viel früher zu datieren.

Albert Schweitzer veröffentlichte 1906 eine fulminante Darstellung der Leben-Jesu-Forschung, die er von ihren Anfängen in der Aufklärung bis auf seine Zeit nachzeichnete. Mit der der modernen Geschichtswissenschaft war auch das Interesse erwacht, die Evangelien in ihrer Qualität als historische Quellen kritisch ins Visier zu nehmen. Lässt sich aus den Evangelien ein zuverlässiges Lebensbild Jesu gewinnen? Das Resümee Albert Schweitzers aus der Forschungsarbeit von mehr als einem Jahrhundert, auf die er zurückblickte, war Resignation. Er selbst hat daraus die Konsequenzen gezogen, die akademische Theologie an den Nagel gehängt, Medizin studiert und als Urwalddoktor in die Tat umgesetzt, was sich von der Lehre Jesu noch erkennen ließ.

Bis ins 19. Jahrhundert war die Christenheit überzeugt, dass zumindest zwei unserer vier Evangelien von Augenzeugen geschrieben sind, gehören doch die Evangelisten Matthäus und Johannes zu den zwölf Aposteln. Die Evangelien von Markus und Lukas betrachtete man dagegen als Aufzeichnungen aus Predigten des Petrus und des Paulus. Im Laufe des 19. Jahrhunderts setzte sich die Einsicht durch, dass der Verfasser des Matthäusevangeliums so wie Lukas bereits von Markus abgeschrieben hat und daher kein Apostel und Augenzeuge gewesen sein kann. Markus wiederum hat Jesus nicht gekannt. Was Schweitzer so verdross, war, dass schon Markus Theologie und nicht Geschichte schrieb. Rudolf Bultmann konnte 1921 zeigen, dass er Anekdoten und Jesusworte nur ziemlich willkürlich aneinandergereiht hat.

Zweifel an Johannes

Bliebe das Johannesevangelium. Aber auf dessen historischem Wert wurde schon längst nichts mehr gegeben. Die umfangreichen Reden, in denen Jesus hier über seine göttliche Herkunft und Sendung spricht, haben mit seinen Gleichnissen und Aussprüchen in den synoptischen Evangelien nichts gemeinsam. Sie sind Ausdruck späterer Reflexionen über Jesus. Da man die Gleichsetzung Jesu mit dem Logos der griechischen Philosophie als die reifste Entwicklung der neutestamentlichen Theologie betrachtete, setzte man das Johannesevangelium hoch ins zweite Jahrhundert an. Rudolf Bultmann meinte außerdem drei Schichten der Bearbeitung zu unterscheiden: Eine Quellenschicht von außerchristlichen Offenbarungsreden und von Wunderzeichen, die Schicht des anonymen "Evangelisten" und die späte "Kirchliche Redaktion", der er vor allem die Abschiedsreden Jesu und das letzte Kapitel des Evangeliums zuordnete.

Doch 1963 ließ ein Buch von Charles Harold Dodd aufhorchen: "Historical Traditions in the Gospel of John". Gerade die topographischen und historischen Angaben des Johannesevangeliums, die man für Elemente theologischer Symbolik gehalten hatte, erwiesen sich als richtig. So wurde der Shiloam-Teich, an dem Jesus den Blindgeborenen geheilt hat, und dessen Name das Johannesevangelium mit Jesus als dem Gesandten Gottes in Verbindung bringt, tatsächlich ausgegraben. Man kann ihn heute ebenso in Jerusalem besichtigen wie die Bethesdateiche, wo Jesus einen Lahmen geheilt hat, mit ihren fünf Säulenhallen bei der St. Anna Kirche. Auch das Datum der Kreuzigung am Vortag des Osterfestes hat gegenüber der Datierung am Osterfest selbst in den drei übrigen Evangelien alle historische Wahrscheinlichkeit für sich. Der anglikanische Bischof J. A. T. Robinson ging noch einen Schritt weiter. In seinem postum 1985 veröffentlichten gelehrten Buch "The Priority of John" kommt Robinson zu dem Schluss, der Verfasser sei tatsächlich der Apostel Johannes gewesen. Mit Priorität meint Robinson nicht, dass das Johannesevangelium als erstes entstanden sei, sondern dass es, weil von einem Augenzeugen verfasst, den historischen Ereignissen am nächsten stehe.

In den neunziger Jahren wandte sich fast die gesamte deutsche Forschung von der Literarkritik Rudolf Bultmanns stillschweigend ab. Man beschäftigt sich seither eben lieber mit dem überlieferten Text unter Voraussetzung seiner Einheitlichkeit. Aufmerksamkeit erregte nur Hans-Joachim Schulz, eigentlich ein Ökumeniker, mit seinem Versuch, aus der altkirchlichen Überlieferung die Abfassung des Johannesevangeliums durch den Apostel zu verteidigen. Sein 1993 erschienenes Buch "Die apostolische Herkunft der Evangelien"und wurde trotz Ablehnung der Fachwelt dreimal aufgelegt. Schließlich griff der Heidelberger Neutestamentler Klaus Berger in 1997 seinem Buch "Im Anfang war Johannes" Robinsons These von der sachlichen Priorität auf und verband mit ihr eine Frühdatierung des gesamten Evangeliums etwa gleichzeitig mit Markus. Fachkollegen werfen dem provokanten Titel unbewiesene Behauptungen und mangelnde Methodik vor. Dem Erfolg hat dies keinen Abbruch getan. Der Trend ist klar: Die Kritik ist ausgereizt. Gefragt ist neue Sicherheit.

Doch alle Argumentationswege, mit denen die heile Welt der vorkritischen Tradition gerettet werden soll, blenden evidente Ergebnisse der bisherigen Forschung aus, so in erster Linie die literarischen Brüche und Inkonsistenzen. Da gibt es zumindest die nachträgliche Einfügung der Abschiedsreden und die Anfügung des Schlusskapitels, andererseits die Vorgabe des berühmten "Prologs". Ohne die Annahme von drei Schichten der Entstehung kommt man daher nicht aus. Eine evidente Gegebenheit ist der fiktive Charakter der Reden. Fiktion ist auch der rätselhafte Lieblingsjünger Jesu, der beim Abschiedsmahl an seiner Seite ruht, mit der Mutter Jesu unter dem Kreuz steht und Petrus den Vortritt ins leere Grab überlässt. Im Schlusskapitel tritt er nochmals auf. Er gehört zur jüngsten Bearbeitung des Evangeliums, und nichts spricht für seine Identität mit dem Donnersohn Johannes. Eine weitere Evidenz betrifft die wörtlichen Übereinstimmungen zwischen dem "Johannesevangeliums" und allen drei synoptischen Evangelien an zahlreichen und vielfach ganz unterschiedlichen Stellen.

Johannes als Vorlage?

Erstaunlicherweise zeichnet sich nun aber gerade auf Grund dieser kritischen Forschungsergebnisse ein tatsächlich ganz früher Ursprung ab. Neuere englische und amerikanische Untersuchungen legen überzeugend dar, dass nicht "Johannes" bei Lukas Anleihen gemacht hat, sondern Lukas bei "Johannes". Und der Schreiber dieser Zeilen meint nachgewiesen zu haben, dass auch das Markusevangelium nicht von "Johannes" benützt wurde, sondern schon Markus sich das Johannesevangelium zur Vorlage genommen hat, und zwar noch vor dessen späteren Ergänzungen. Was Markus von dort übernommen hat, das waren vor vielen Einzelheiten die Idee einer biografischen Schrift über Jesus und der äußere Handlungsrahmen, nicht aber die kühne Theologie, die fiktiven Reden, die Wunderzeichen und die verwirrenden Wege Jesu zwischen Galiläa und Jerusalem. Markus lässt Jesus erst zum Schluss nach Jerusalem wandern. Die Reden und Erzählungen ersetzt er meist durch eigenes Traditionsmaterial. Aber etwa die Brotvermehrung übernimmt er und verdoppelt sie, um die umstrittene Trennung von Judenchristen und Heidenchristen in seiner eigenen Zeit schon bei Jesus selber festzumachen.

Im Johannesevangelium steckt somit das älteste Evangelium überhaupt und die mit Widerspruch und Vorbehalt benützte Grundlage für alle anderen. Damit rückt die Verkündigung über Jesus als den Mensch gewordenen Gott vom Ende der theologischen Entwicklung des Neuen Testamens an ihren Anfang. Noch früher muss man das Bekenntnis zu Jesus als dem Schöpfungs- und Offenbarungswort Gottes im Prolog ansetzen. Mit einer Verortung bei den Jesusanhängern in der hellenistischen "Synagoge der Libertiner, Cyrenäer und Alexandriner und der Leute aus Kilikien und (Westklein-)Asien" in Jerusalem wird man nicht weit fehlgehen. Als die ursprünglichen Autoritäten des Evangeliums erweisen sich die Griechenapostel Andreas, der erstberufene, und Philippus. Petrus wird als dreifacher Verleugner vorgeführt , von Reuetränen ist da nicht die Rede, und den grandiosen Abschluss bildet eine einzige Erscheinung des Auferstandenen vor der Frau und Jüngerin Maria von Magdala: Grund genug für eine Gegenschrift des Petrusmannes Markus und für viele widerstreitende Ergänzungen. Von manch vertrautem Bild wird man sich lösen müssen. Doch die Jesusworte "Ich bin das Licht der Welt" oder "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" gewinnen an Gültigkeit, auch wenn sie so nie gesprochen worden sind.

Der Autor ist Professor für Kirchengeschichte und Patrologie an der Univ. Salzburg und Vorstandsmitglied der Stiftung Pro Oriente.

Buchtipp

Vom Autor des obigen Beitrags (Griechischkenntnisse werden vorausgesetzt): MODELL UND VORLAGE DER SYNOPTIKER. - Das vorredaktionelle Johannesevangelium. -

Von Peter Leander Hofrichter. 2., neu bearb. Aufl., Georg Olms Verlag, Hildesheim 2002. 250 Seiten, geb., e 26,50

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