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Wo das Wilde lockt

Zum 100. Todestag von Jules Verne am 24. März.

Wenn ich mich heute frage, was die Eindrücke des jugendlichen Lesers, der ich einmal war, mit meiner heutigen Einstellung zu den Romanen von Jules Verne verbindet, so stelle ich fest, dass sich in meiner Erinnerung an diese Bücher zunächst eine Assoziationskette aufbaut, die etwas mit düsteren Geheimnissen und schleichender Gefahr zu tun hat. Eine anfänglich fest gefügte, vernunftorientierte Alltagswelt erweist sich nach und nach als brüchig. Anzeichen mehren sich, dass jederzeit das Chaos hereinbrechen, schwere Opfer fordern, vielleicht gar nicht mehr definitiv gebändigt werden kann. Offenbar lese ich Jules Verne ähnlich wie ich Tolkien lese, oder Lovecraft, oder Stephen King.

Prophet der Technik

Gewiss gibt es Bezüge der Verneschen Serie der Außergewöhnlichen Reisen zur Fantasy und zur Horrorliteratur, haben doch alle genannten Autoren gemeinsame Vorfahren im Bereich der "schwarzen" Romantik. Erzähler wie Edgar Allan Poe, E. T. A. Hoffmann, Victor Hugo usw. hatten für Jules Verne und viele nach ihm Vorbildwirkung. Dennoch frage ich mich selbstkritisch, ob ich die dunkle Seite des Schriftstellers nicht überbewerte, gilt er doch als der mit schöpferischer Phantasie überreich gesegnete Prophet des technischen Fortschritts und als weltfreudiger Erzähler bunter Abenteuerreisen rund um den Globus. Wahrscheinlich wird es vor allem der positive Jules Verne sein, der in den Würdigungen zum 100. Todestag als "Vater der Science Fiction" die Hauptrolle spielen wird. Wen kümmert es schon, dass der Autor von 20.000 Meilen unter dem Meer und anderen Bestsellern nicht der erste war, der im 19. Jahrhundert an Mondflüge, Unterseeboote und Helikopter gedacht hat. Schließlich war er es, der all die zukunftsträchtigen Träume, die im neuzeitlichen Europa Wissenschafter, Dichter und sonstige Entdecker geträumt haben, in die fiktionale Wirklichkeit seiner Romane übertrug, sie dadurch gleichsam zum Leben erweckte. Für seine Figuren ist alles neu und aufregend, was im 21. Jahrhundert nur allzu gewohnt und gewöhnlich erscheint. Der Kampf gegen Naturgewalten und schurkische Intrigen sorgt für Spannung, aber keine Sorge, alles geht gut aus, und nach der Reise um die Erde in 80 Tagen gibt es eine Hochzeit.

Verweigerte Karriere

Angesteckt von der Neugier und Unternehmungslust, die aus diesen Büchern spricht, lässt sich auch der Leser von heute noch auf die bezaubernd altmodischen Reisegeschichten des großen Fabulierers ein, zumal die Buchindustrie weiterhin für neue Ausgaben in allen "wichtigen" Sprachen sorgt.

Was die Persönlichkeit und Karriere des Jules Verne anlangt, so haben sie anscheinend wenig Dämonisches an sich. Der junge Mann aus bürgerlichem Haus (geboren 1828 in Nantes) weigerte sich mit Erfolg, gemäß dem Wunsch seiner Familie einen "seriösen" Beruf zu ergreifen. Die Jurisprudenz mit der Literatur vertauschend hat er es mit der Lyrik probiert, mit eleganten Komödien und pompösen Geschichtsdramen, bis ihm das zeitgenössische Presse- und Verlagswesen durch sein Feuilletonsystem eine Publikationsmöglichkeit von Romanen in Fortsetzungen und damit die Chance seines Lebens bot. Abenteuerliche und lehrreiche Geschichten für Jugend und Familie, dies war das Erfolgsrezept, das der Verleger Pierre-Jules Hetzel seinem Magazin d'éducation et de récréation zugrunde legte. Verne hatte 1862 seinen ersten Erfolgsroman, Fünf Wochen im Ballon, publiziert, stieg kurz darauf bei Hetzel ein und war von da an ein gemachter Mann. Dass im Hinblick auf das jugendliche Zielpublikum die Befolgung bestimmter Richtlinien hinsichtlich des Stils und der Moral ein Muss war, versteht sich von selbst. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Flaubert, Zola, Maupassant, Baudelaire, hat Verne nur "jugendfreie" Bücher produziert. Allerdings musste er hinnehmen, dass ihn die Literaturkritik als Autor von Bildungslektüre für die reifere Jugend abqualifizierte, was in einer Zeit, in der das Prinzip der zweckfreien Kunst höchstes Prestige genoss, einem Verdammungsurteil gleichkam.

Widersprüche des Lebens ...

Aber auch wenn erst die Kritik des 20. Jahrhunderts die literarischen Qualitäten seiner Werke erkannt und gewürdigt hat, den Welterfolg konnte Verne noch zu Lebzeiten genießen. Seine Einkünfte reichten, damit er seine Kindheitsträume von großen Reisen durch den Ankauf eines Motorschiffs mit Mannschaft verwirklichen konnte. In reifen Jahren widmete sich der illustre Bürger von Amiens politischadministrativen Aufgaben als Stadtrat - sozusagen als Zeichen des späten Gehorsams gegenüber den Eltern.

Dennoch bestätigt die neuere Forschung, dass es in dieser Erfolgsstory Widersprüche und in diesem Ruvre Schattenseiten gibt. In seiner sorgfältig dokumentierten und umsichtig argumentierenden Jules Verne-Biografie zitiert Volker Dehs ein Fragment, das der Schriftsteller im Alter von 17 oder 18 Jahren verfasste und in dem von der Hilflosigkeit des Menschen angesichts der von ihm selbst verursachten Katastrophen die Rede ist. Er, der vermeinte, durch seine Erfindungen die Welt zu beherrschen, "verbleibt zitternd und bestürzt angesichts einer übergeordneten Macht, vor der er nur das Haupt senken kann". Angesichts dieses Textes fallen einem die zunächst unerklärlichen Ereignisse ein, welche alle Expeditionen in Vernes Romanen in wachsende Unruhe versetzen, besonders aber die phantastischen Maschinen, die wie gefährliche Monstren wirken können, allen voran das Seeungeheuer, dessen Dämonie auch dann noch wirksam bleibt, wenn es sich als der Nautilus, die grandiose Schöpfung des Kapitäns Nemo entpuppt.

... und der Epoche

In dieser Ästhetik des Unheimlich-Fremden spiegelt sich wahrscheinlich mehr als das ängstliche Staunen der Zeugen einer Epoche rasanter Neuerungen auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. Fragt man nach den weltanschaulichen Grundlagen, auf denen Verne sein Romanwerk aufgebaut hat, stößt man zunächst auf die politisch-ideologischen Gegensätze, welche Frankreich unter dem Zweiten Kaiserreich und der Dritten Republik kennzeichnen. Da ist einerseits das Erbe von Aufklärung und Revolution, der Glaube an die Republik, die Wissenschaft und den Fortschritt, andererseits die Treue zur Tradition, zu Thron und Altar, verbunden mit der Angst vor den Massen und ihrer Gewaltbereitschaft in revolutionären Zeiten.

Politisch ambivalent

In der Realität sind die Grenzen zwischen beiden Lagern nicht immer scharf gezogen. So wie viele seiner schreibenden Zeitgenossen sucht auch Verne seinen Platz zwischen den Extremen. In seinen Romanen ist liberaler Szientismus mit einem tiefen Misstrauen gegenüber einer "entfesselten" Wissenschaft, die es wagt, die von Gott gesetzte Ordnung in Frage zu stellen, keineswegs unvereinbar. So wie ihn seine ausgezeichneten Kontakte mit monarchistischen Kreisen nicht daran hinderten, bei Wahlen auf einer republikanischen Liste zu kandidieren, so stattet Verne jene Romanhelden, die ihm besonders nahe stehen, mit einer inneren Unabhängigkeit aus, die es ihnen erspart, sich ein für alle Mal für den Glauben oder die Wissenschaft, für die Freiheit oder die Ordnung zu entscheiden. In der Zeit des Dreyfusprozesses bekannte sich Verne öffentlich zu den Gegnern des unschuldig verurteilten jüdischen Hauptmanns. Es gibt aber auch Indizien, denen zu Folge sich Verne in seinem letzten Lebensjahrzehnt von solchen reaktionärantisemitischen Positionen entfernt hat. Der Schriftsteller erweist sich als schwer fassbar, will man ihn hinsichtlich seiner politisch-weltanschaulichen Haltung festnageln.

Dennoch spricht vieles dafür, dass Verne bestimmten Prinzipien

sein Leben lang treu blieb - aber diese sind jenseits der tagespolitischen Auseinandersetzungen zu suchen. Im Zentrum seines Schaffens zeichnet sich das Idealbild einer harmonisch ausgewogenen, auf Rationalität gegründeten und weltmännischen Zivilisation ab.

Verbrecher und Rebellen

Die exzentrischen Wissenschafter, großen Verbrecher und unversöhnlichen Rebellen in seinen Büchern dienen diesem Ideal, oft ohne sich dessen bewusst zu sein. Ihre Initiativen sind es, die den Fortschritt vorantreiben, ebenso wie sie der Romanhandlung die nötige Spannung liefern. Aber neben ihnen stehen vernünftige, sozusagen "normale" Begleiter, welche den Ausbruch der genialen Abenteurer in geordnete Bahnen zurücklenken, wobei ihnen der stets leicht ironische und distanzierte Erzähler zur Seite steht und den Leser in seinem Sinne lenkt.

Diese Vision einer Zivilisation der maßhaltenden und humanen Rationalität überstrahlt in Vernes Büchern alle Gegensätze, so unversöhnlich sich diese auch zeigen mögen. Dass es sich um ein spezifisch französisches Ideal handelt, zeigt sich nicht zuletzt in Vernes Darstellung von internationalen Konflikten. Etliche seiner Helden kämpfen als Angehörige unterdrückter Völker gegen eine Hegemonialmacht und haben damit die Sympathie des Erzählers auf ihrer Seite. Hingegen sieht der Autor Frankreichs Rolle im kolonisierten Afrika ausschließlich unter dem Blickwinkel der Förderung von Bildung und Fortschritt und des Kampfes gegen Sklaverei und Primitivität.

Faszination des Fremden

Andererseits verdankt die von Frankreichs Kulturerbe geprägte Zivilisation ihren von Roman zu Roman gefeierten Triumph dem zähen Widerstand der urtümlich-wilden und gerade deshalb faszinierenden Natur, den Fremden und den Barbaren. Der politische Konformist und Nationalist Jules Verne gab seiner Welt durch die Abgründe, in die sich seine Figuren vorwagen, Tiefe und Farbe, ähnlich wie andere, weniger wohlbestallte Dichter seiner Zeit die Droge brauchten. Wenn seine Romanhandlungen an jene Grenzen der Ordnung geraten, wo das Wilde, Ungeformte lockt, erreicht er eine sprachliche Intensität, die ihn zum Nachbarn der Symbolisten und Dekadenten stempelt. Ohne den Kapitän Nemo, so vermerkte Frankreichs Starkritiker Roland Barthes, wäre der Nautilus das trunkene Schiff in Arthur Rimbauds grandiosem Gedicht vom Ausbruch ins Anarchische. So weit ließ es der Großbürger Jules Verne freilich nicht kommen. Aber die Grenzen, die er setzt, haben Schlupflöcher.

Der Autor ist em. Professor für Romanistik an der Universität Wien.

Jules Verne

Von Volker Dehs. Artemis & Winkler

Verlag, Düsseldorf 2005. 546 S.,

geb., mit Abb., e 30,80

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