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Wo der Geldfluss fliesst

Es klingt banal, ist aber nicht unwichtig: Eine Buchmesse ist ein Marktplatz. Auf diesem Marktplatz wird getan, was auf allen Marktplätzen getan wird: gehandelt, und zwar in diesem Fall vor allem mit Lizenzen, Übersetzungs- und Nebenrechten. Dazu benötigt man die Teilnahme internationaler Verlage, und diese erreichte man in Frankfurt auch durch die „Länderthemen“, die seit 1988 die Buchmesse begleiten. Zwölf Jahre zuvor wurden die „Leitthemen“ kreiert, um, wie der ehemalige Direktor Peter Weidhaas in seiner „Geschichte der Frankfurter Buchmesse“ erzählt, das „Imageproblem“ der Buchmesse aus der Welt zu schaffen. Das Image war vor allem durch den Vorwurf angekratzt, Marktoffensiven wie die großen Bestsellerkampagnen aus den USA steuerten die Messe allzu sehr. 1976 begann man also mit dem ersten Schwerpunktthema „Lateinamerika“ – und schon damals lief nicht alles glatt. Gabriel García Márquez etwa blieb der Messe fern: sie nütze vor allem den Verlagshäusern und nicht der Verbreitung lateinamerikanischer Kultur.

Auf weitere Konfliktpotenziale verwies 1980 der südafrikanische Autor James Matthews: „Ich frage mich, was zum Teufel ich hier tue ... Soll ich bestochen werden? Dieses Land hat wie alle anderen europäischen Länder mein eigenes Land vergewaltigt. Sollen wir dafür entschädigt werden? Es ist das erste verdammte Mal, daß ich mein Land verlassen konnte. Zwanzig Jahre lang hat man mir keinen Paß gegeben, wieso habe ich jetzt einen Paß bekommen? Ist Ihr Land so mächtig, daß es uns vergewaltigen kann und uns einen Paß beschaffen kann?“

Marktplatz der Freiheit?

Das Ehrenland-Konzept der Frankfurter Buchmesse rückt Jahr für Jahr jeweils andere Kulturen in den medialen Vordergrund. Das verhilft Autoren zu internationaler Öffentlichkeit und Übersetzungen und den deutschsprachigen Lesern zu einem – im besten Fall vorurteilsfreien – Einblick in die meist völlig unbekannten Literaturlandschaften des Gastlandes. Einen solchen sucht der Essay in diesem BOOKLET zu vermitteln, denn von 14. bis 18. Oktober 2009 ist China „Gast“.

Aber mit dem Präsentieren eines Landes stellt sich unweigerlich die Frage: Wer repräsentiert? Je weniger Pluralismus zugelassen ist in den eingeladenen Ländern, desto mehr muss es zu Konflikten kommen, die, sollte die Buchmesse ein „Marktplatz der Freiheit“ (Direktor Jürgen Boos) sein wollen, öffentlich diskutiert werden müssen. Doch groß und verlockend ist der Marktplatz China. Wer sich zahlende Partner ins Boot holt, muss wissen, was er davon hat: weniger Freiheit. Denn wo der Geldfluss fließt, fließt immer auch Einfluss, selbst wenn es um schöngeistige oder gesellschaftskritische Waren wie Bücher geht. Das klingt banal, ist aber nicht unwichtig.

Das nächste BOOKLET erscheint am 5. November 2009 als Beilage in der FURCHE Nr. 45/09

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