Digital In Arbeit

Wohin führt die Netzkritik?

Auf den 32. Solothurner Literaturtagen lasen Schweizer und internationale Autoren. Die Zuhörer wurden aber auch mit brisanten Fragen nach der Literaturkritik im Internet konfrontiert.

„Ich träume von einem neuen Zeitalter der Wißbegierde“, schrieb vor Jahrzehnten Michel Foucault. „Man hat die technischen Mittel dazu; das Begehren ist da; die zu wissenden Dinge sind unendlich“.

Auf den ersten Blick liest sich die Erfolgsgeschichte des Internet auch in Sachen Literaturkritik wie eine Verwirklichung des Foucaultschen Traums: „Man müßte … die Hin- und Her-Wege und Möglichkeiten vermehren.“ Denn in diesem unbegrenzten Raum des Web ist die Einbahnstraßenregelung aufgehoben, finden sich nicht mehr ausschließlich professionelle Literaturkritiken auf neuen Webseiten oder in den Archiven der Printmedien. Das Web wurde zum Tummelplatz für Literaturzeitungen, Informations- und Serviceportale, Communitys, Blogs, Chats und Foren. Nun sind auch die Leserinnen und Leser am Wort und, was früher nur in lokal und personell beschränkten Leserunden möglich war, ein solcher Austausch zwischen Lesern kann nun weltweit stattfinden. Das Gespräch über Literatur wird öffentlich und über Bücher wird heute mehr gesprochen denn je. Jeder kann zum „Literaturkritiker“ werden, Verrisse publizieren, Buchempfehlungen veröffentlichen, vor allem Online-Buchhandlungen laden eigennützig dazu ein. Und was früher in Archiven nur Auserwählten zugänglich war, ist nun auf Webseiten wie etwa jener des Innsbrucker Zeitschriftenarchivs (iza.uibk.ac.at) für alle erreichbar. Auch noch Jahre nach Erscheinen eines Buches lassen sich für jeden interessierten Leser Besprechungen finden.

Internet zwischen den Lesungen

Diese rasante Entwicklung hat aber auch andere Folgen, die vielleicht vielen Leserinnen und Lesern, die mit Lust und Freude das Internet nutzen, gar nicht bewusst sind. Die 32. Solothurner Literaturtage, die von 14. bis 16. Mai in Solothurn, Schweiz, stattfanden, luden daher alle ein, die in diesen drei Tagen das Landhaus betraten, um den Autorenlesungen zuzuhören, auch diverse NetzKritik-Projekte zu besuchen und Reaktionen, Erfahrungen und Hinweise zu notieren und in einen Briefkasten zu werfen.

In einer Podiumsdiskussion wurden drei Webseiten beispielhaft vorgestellt: die aus der Universität Marburg hervorgegangene Webseite literaturkritik.de, die allerdings ihrer ursprünglichen Zielsetzung, studentischen Nachwuchs schreiben zu lassen, kaum mehr nachkommt: Nur zehn Prozent der Texte stammen laut Thomas Anz aus den Federn zukünftiger Literaturkritiker, 90 Prozent wird von Literaturwissenschaftern geschrieben, unentgeltlich. readme.cc versteht sich laut Beat Mazenauer weniger als kritisches Forum, sondern lässt durch Leserinnen und Leser einen literarischen Kanon erstellen, der aus jenen Büchern besteht, die einen Fürsprecher, eine Fürsprecherin haben. Das dritte Projekt, perlentaucher.de, will laut Anja Seeliger die Diskussionen in Feuilletons auffindbar machen. Angeführt werden freilich nur ausgewählte Medien. Der Perlentaucher betreibt also Selektion der Selektion.

Die Qualität der vorgestellten Webseiten steht außer Diskussion, den brisanten Fragen, die Moderatorin Christa Baumberger stellte, wichen die Diskutanten aber aus. Wo verläuft die Grenze zwischen Buchkritik und Buchpromotion – ist sie im Internet noch sichtbar? Wie werden die diversen Webseiten finanziert? Was bedeuten Webseiten, die kostenlos Rezensionen bereitstellen, für die Printmedien? Sind sie nicht nur, wie es immer heißt, eine Ergänzung des Feuilletons, dessen Schrumpfen ständig beklagt wird, sondern beschleunigen sie das Schrumpfen der Literaturseiten in den Zeitungen womöglich sogar? Auf solche Fragen wollten sich die Podiumsgäste offensichtlich lieber nicht einlassen.

Gefragt nach den auch qualitativ äußerst unterschiedlichen Quellen, meinte Anz, jeder finde im Internet auf seinem Niveau das, was er lesen möchte: „Bei Amazon ist’s eh klar.“ Aber gerade bei Amazon ist’s gar nicht klar: Denn da finden sich Empfehlungen von Lesern neben Promotionstexten der Verlage, und längst haben Verlage ihre eigenen Besprecher. Es ist unklar, wer da bespricht in welchem Interesse. Nicht alle sind engagierte Leserinnen und Leser.

Beat Mazenauer bewies in dieser Frage den kritischsten Blick: Von einer Zeitung wisse man, wofür sie stehe, im Internet verschwimme das. Die User sollten sich angewöhnen, ins Impressum zu schauen: Oft stehen große Verlagskonzerne hinter sogenannten Leserforen.

Wenn Thomas Anz etwa zu Recht feststellte, dass die Verlage wissen müssten, was ihnen Literaturkritik wert sei, und sich dies auch in Anzeigen ausdrücken sollte, so erwähnte er dabei aber nicht, dass gerade die Internetforen die Anzeigen aus dem Printbereich gelockt haben. Wenn dort aber die Anzeigen ausbleiben, brauchen sich weder Verlage noch Leser wundern, dass Literaturseiten schrumpfen und Literaturbeilagen verschwinden.

Besonders heikel ist der Umstand, dass auch viele Foren, die Literaturkritiken von Fachleuten veröffentlichen, diesen nichts zahlen. Es schreibt, wer es sich leisten will und kann. Auf den Einwand, dass jeder Grafiker für Webseitenentwürfe seinen Lohn bekomme, dass aber Inhalte möglichst nichts kosten sollen, gibt es nur ein resignatives stummes Kopfnicken am Podium. Dabei sei von diesen Entwicklungen, wie Anja Seeliger zuvor schon angemerkt hatte, der gesamte Journalismus betroffen. Würden – diese Entwicklung weitergedacht – Medien in Zukunft ihren Autoren nichts mehr zahlen, weil es ohnehin allerlei Inhalte im Internet gratis gibt, wäre das Ende des Journalismus erreicht. Wie wird es weitergehen? Der Ball liegt dabei auch bei den Leserinnen und Lesern, denen seriös recherchierte Texte von Fachleuten etwas wert sein sollten, Texte, die sich vom Allerlei unterscheiden, weil ihre Autoren zu unterscheiden wissen.

Volle Säle in Solothurn

Die Solothurner Literaturtage selbst zeigten, dass Leserinnen und Lesern Inhalte schätzen und sich diese auch etwas kosten lassen. Während es in Österreich leider längst üblich ist, Literaturlesungen gratis anzubieten – wohingegen man für Kino, Theater, Oper, Konzerte, Ausstellungen etc. selbstverständlich in die Geldtasche greift – sah man in Solothurn trotz Eintrittspreise an allen drei Tagen die Säle des Landeshauses gefüllt.

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