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Wohnstätte Musik

Zum 100. Todestag des Komponisten Edvard Grieg.

Spricht in unseren Breiten jemand von 2007 als einem Grieg-Jahr? Immerhin ist doch am 4. September 1907 ein norwegischer Komponist mit 64 Jahren gestorben, dem ein unverwechselbares musikalisches Idiom zu eigen ist und dessen Werk nichts von seinem Zauber eingebüßt hat: freilich eher bei Radiohörern als bei Konzertbesuchern, mehr für die Liebhaber als für (selbsternannte), Kenner', deutlicher beim naiv aufnehmenden Publikum als im Kreis gestrenger Kritiker. Ein Vergleich macht uns sicher: Kaum ein namhafter Dirigent verzichtet im Studio auf eine Aufnahme der beiden beliebten Peer Gynt-Suiten. Fast jeder renommierte Pianist hat Griegs Klavierkonzert wenigstens einmal für Tonträger eingespielt: jenes auch als Klangkulisse geschätzte Stück, das Konzertführer etwas zweideutig ein "unverwüstliches Schlachtross" nennen.

Popularität als Stigma?

Hinter dem Prestige der Bekanntheit gerät die Popularität fast zum Stigma, und in der Tat wird dem Werk oft mangelnde Verarbeitung der gut erfundenen Themen vorgeworfen. Die, Griegs-Erklärung' reicht dann selten über die beschworenen langen Schatten Chopins oder Schumanns hinaus. Und auf Konzertprogrammen sucht man den Namen des Komponisten heute meist vergeblich.

Schöpferische Musiker werden oft genug an ihren Beiträgen zu den bewährten Großformen gemessen. Wer seine einzige frühe Symphonie zur Schülerarbeit degradiert ("Darf nie aufgeführt werden!"), für den liegt die Latte offizieller Wertschätzung meist zu hoch. Und wer zum Genre der Oper nur ein Fragment aus drei Szenen zuwege bringt (Olaf Trygvason), hat beim Großfeuilleton eher schlechte Karten. Auch bedeutende Kammermusik, zahlreiche - oder zahllose - Lieder und zehn Hefte Lyrische Stücke für Klavier bewirken da wenig. Die weise Beschränkung auf die gemäßen Gattungen gilt als Defizit, der Meister der kleinen Form verkümmert unversehens zum Kleinmeister.

Einst und jetzt

Das war freilich nicht immer so. Die letzten Jahrzehnte seines Lebens war Grieg als Komponist, Dirigent und Pianist in eigener Sache erfolgreich unterwegs. Tourneen haben den Musiker immer häufiger und in dichter Folge in die Konzertsäle der europäischen Musikmetropolen geführt. Besonders in England war ein wahres, Griegfieber' ausgebrochen, an dem die eingängigen Werkfolgen ebenso Anteil hatten wie das charismatische Auftreten des zierlichen Mannes mit den verschmitzten Augen, der ergrauenden Löwenmähne und dem großen Schnauzbart.

Das Programmheft zu einem Wiener Konzert am 19. Dezember 1896 belegt den typischen Ablauf solcher Veranstaltungen. Zuerst dirigierte "der Componist" seine Konzertouverture Im Herbst, begleitete zwischendurch ausgewählte Lieder und krönte den Abend mit einer Streichersuite und dem bereits weltberühmten Klavierkonzert, um dessen Solopart die Virtuosen der Epoche wetteiferten. In Wien war kein Geringerer als Ferruccio Busoni an der Reihe.

Wer in unseren Tagen kleinere Orchesterstücke Griegs, etwa die beiden elegischen Melodien Herzwunden und Letzter Frühling im Konzert erleben will, hat dazu allenfalls bei Auftritten von Kurkapellen eine Chance.

Grieg gilt nach übereinstimmenden Aussagen als liebenswürdig aber unbeirrbar, als bescheiden und doch selbstbewusst, als verbindlich bei klaren Grenzen und Vorbehalten.

Umgang mit Zeitgefährten

Zwei Musikerkollegen ist er künstlerisch und menschlich besonders nahe gekommen - Peter Tschaikowsky und Johannes Brahms, die er gemeinsam am Neujahrstag 1888 in Leipzig kennen lernte. Die wechselseitige Sympathie bleibt für Jahre lebendig. Der Russe schreibt auf das Widmungsexemplar einer Partitur: "Ich liebe Grieg! Ich schätze Grieg!" Und dieser bekennt nach Tschaikowskys Tod bei der Lektüre einer Briefausgabe: "Es ergreift mich in meiner innersten Seele. Oft ist es mir dabei, als schaue ich in meine eigene. Da ist so viel, was ich von mir wiedererkenne."

Der oft herbe, schroffe Brahms aber, der Überheblichkeit mit grimmigem Sarkasmus zu bestrafen wusste, hat Grieg ohne Vorbehalte angenommen, ja in sein Herz geschlossen. Die Einladung nach Norwegen, bei der ihm der Nordländer in hellen Nächten die Eingebung zu einer fünften Symphonie prophezeit, kann der bereits von Krankheit Gezeichnete nicht mehr wahrnehmen.

Richard Wagner, dessen Ring des Nibelungen (1876) und Parsifal (1882) Grieg in Bayreuth erlebt, musste ihm als Mensch und Künstler fremd bleiben. Doch bringt er auch seiner Musik Respekt und Wohlwollen entgegen: "Trotz des vielen, was man aussetzen könnte … trotz der Stellung des Ganzen an der äußersten Grenze der Schönheit - trotz alledem ist dieses Musikdrama das Werk eines Riesen, dem die Geschichte der Künste vielleicht nur in Michelangelo einen Ebenbürtigen zur Seite zu stellen hat."

Der Umgang mit produktiven Zeitgenossen und die Konfrontation mit ihrem Schaffen lassen in Grieg oft Unbehagen entstehen. Er glaubt in solchen Krisen sein schöpferisches Talent dem ermüdenden Aufwand der Konzertreisen zu opfern. "Das öffentliche Auftreten ist mir das Entsetzlichste, was ich weiß", stöhnt er bisweilen, um gleich darauf hinzuzufügen: "Und doch: Meine Werke meinen Intentionen entsprechend in wundervoller Aufführung zu hören, dem kann ich nicht widerstehen."

Griegs musikalisches Talent war schon in frühen Kindertagen überdeutlich und die Mutter wurde ihm bald zur konsequenten, fast unbarmherzigen Klavierlehrerin. Mit 15 Jahren übersiedelt er im Jahr 1858 als Student an das berühmte Konservatorium in Leipzig und absolviert es - unterbrochen von einem längeren Genesungsurlaub in der Heimat - erfolgreich nach vier Jahren.

Doch der akademische Unterricht enttäuscht den Musikhungrigen. Er verlässt die Anstalt "ebenso dumm, wie ich hineingekommen bin". Denn die "eigene Individualität war immer noch ein verschlossenes Buch". An anderer Stelle wird er noch deutlicher: Ohne "die leiseste Ahnung von Form oder von der Technik der Streichinstrumente" wird ihm die Komposition eines Streichquartetts abverlangt. "Mir kam es vor, als wenn der Portier mir die Aufgabe gestellt hätte."

Spuren der Volksmusik

Wie hat aber Grieg seinen Personalstil endlich doch gefunden, jenen unverwechselbaren nordischen, Sound' aus Melodie, Harmonie und Rhythmus, der fast jedes seiner Werke schon beim ersten Hören auszeichnet und sogleich zuordnen lässt?

Die Biografien zitieren mehrere Bezugspersonen aus Griegs Umfeld, weniger eigentliche Lehrer (etwa den Dänen Niels Gade) als Praktiker wie Ole Bull, den norwegischen Paganini, oder persönliche Freunde, so den früh verstorbenen Rikard Nordraak. Sicher spielt der Kontakt zur Volksmusik gleichsam auf freier Wildbahn eine große Rolle. Grieg ist ein begeisterter Naturfreund, er macht Ausflüge und unternimmt ausgedehnte Touren: An ihrem Ende ist er auch künstlerisch, erfahren' und, bewandert'. Und musikalische Eindrücke wirken oft erst verspätet im fremden Milieu nach und entfalten schöpferische Blüten. Wer die Werke Ingeborg Bachmanns kennt, weiß von der Notwendigkeit der räumlichen Distanz und des fremden Blicks für kreative Prozesse.

Neue Wertschätzung

Wie sehr das heimatliche Ambiente Grieg künstlerisch geprägt hat, mag ein Beispiel demonstrieren. Der berühmte Beginn der ersten Peer Gynt-Suite (Morgenstimmung) erscheint vielen spontan als das Tongemälde einer Fjordenlandschaft. In der Dramaturgie des Theaterstücks gilt diese Musik freilich der marokkanischen Küste des vierten Akts.

Es gab Zeiten, da erklangen Grieg-Lieder bei jedem Hauskonzert. Und Klaviereleven lernten Erotik als eines der lyrischen Stücke kennen, ehe ihnen noch dieser Begriff und die entsprechende Befindlichkeit etwas besagten. Diese Zeiten sind sicher dahin - man mag die Tatsache und ihre Motive bedauern oder begrüßen. Auch dass die kongeniale Bühnenmusik zu Peer Gynt im Zeitalter des Regietheaters ihren ursprünglichen ästhetischen Ort eingebüßt hat, ist evident - aber vielleicht nicht unwiderruflich.

Neue Wertschätzung

Andere Werke des Komponisten aber erweisen immer wieder ihre Lebenskraft oder erobern sich durch den Einsatz überzeugender Interpreten neue Wertschätzung. Die Suite Aus Holbergs Zeit kündigt mit ihrer aparten Mischung aus historisierendem Flair und modernem Klang spätere Tendenzen bei Prokofjew oder Strawinsky an. Wenn die Lieder Griegs nunmehr auch wieder in die Konzertsäle Eingang finden, so haben Sängerinnen wie Anne Sofie von Otter daran wichtigen Anteil.

Die Lyrischen Stücke, eine Sammlung von 65 Kleinodien, entstanden zwischen 1865 und 1901, zeigen nicht nur melodischen Reiz, sondern enthalten auch Momente der Avantgarde. So verweist Glockengeläute (op.54,6) bereits auf den Impressionismus eines Claude Debussy voraus. Die beiden russischen Pianisten Emil Gilels und Svjatoslav Richter haben sich in ihren späten Jahren gerade für diese Miniaturen eingesetzt. Wer Richters Deutung von An den Frühling (op 43,6) kennt, dem wird das Schlagwort "Abenteuer Interpretation" zum akustischen Ereignis.

Die späten Lebensjahre haben Grieg viel Genugtuung und reichliche Anerkennung gebracht. Ausländische Akademien machen ihn zum Mitglied; die Universitäten Cambridge und Oxford verleihen ihm das Ehrendoktorat; der Vertrag mit dem Verlagshaus Peters sichert dem Komponisten ein beruhigend sicheres Einkommen.

Abschiede

Aber es fehlt auch nicht an Misstönen und schmerzlichen Zäsuren. Chauvinistische Kreise in Paris lassen es Grieg entgelten, dass er Jahre davor die Einladung zu einem Gastspiel abgelehnt hatte: Die Dreyfus-Affäre war dem Rechtsempfinden des Künstlers damals unerträglich gewesen. 1900 stirbt Max Abraham, der, Hausverleger' und wohlwollende Freund in Leipzig. Im Jahr darauf begeht Griegs Bruder John Selbstmord.

Im Herbst 1907 soll er nochmals auf Konzertreise nach England gehen. Der Komponist übt davor seine Lyrischen Stücke, obwohl ihm nicht mehr nach Reisen zumute ist: "Ich fühle mich mit einmal 2000 Jahre alt und wünsche nicht einmal zu komponieren. Nur Ruhe, Ruhe wünsche ich!" Ein berührendes Foto zeigt den Musiker mit seiner Ehefrau (und Cousine) Nina, die ihn um fast 30 Jahre überleben wird, vor dem langjährigen geliebten Wohnsitz in Troldhaugen. Er sitzt da im Mantel, den Hut auf den Knien, fast wie im Aufbruch. Seine letzte Komposition hat sich geistlichen Dingen zugewendet: Die Chorsätze im Psalmenton (op.74) behandeln jenseitige Themen - Mein Jesus macht mich frei, Jesus Christ ist aufgefahren, Im Himmelreich.

Letzte Komposition

Am 2. September 1907 bezieht Grieg ein Hotelzimmer in Bergen, denn am nächsten Tag soll es zu Schiff nach England gehen. Doch er muss das Krankenhaus aufsuchen, da eine seit Jugendtagen bestehende Lungenschwäche akute Beschwerden verursacht. Zwei Tage später stirbt Edvard Grieg an Herzlähmung.

Seine Selbsteinschätzung als Komponist hat der Musiker in späten Jahren so ausgedrückt: "Künstler wie Bach und Beethoven haben auf den Höhen Kirchen und Tempel errichtet. Ich wollte … Wohnstätten für die Menschen bauen, in denen sie sich heimisch und glücklich fühlen."

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