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Feuilleton

"Wollte Möglichkeit zur Erleichterung nehmen"

1945 1960 1980 2000 2020

Gerade gewann er den Auslands-Oscar, nachdem er 2015 beim Filmfestival Cannes mit dem Großen Preis der Jury prämiert worden war: László Nemes' Spielfilm "Son of Saul" ist eine radikal-singuläre Darstellung der Schoa.

1945 1960 1980 2000 2020

Gerade gewann er den Auslands-Oscar, nachdem er 2015 beim Filmfestival Cannes mit dem Großen Preis der Jury prämiert worden war: László Nemes' Spielfilm "Son of Saul" ist eine radikal-singuläre Darstellung der Schoa.

Die Furche: In Ihrem Film beobachtet man fast alles über die Schulter eines Mitglieds des Sonderkommandos hinweg. Warum haben Sie dieses formal-ästhetische Konzept gewählt?

László Nemes: Aus Sicht eines Einzelnen, ganz dicht am Protagonisten ist über den Holocaust in einem Film noch nie erzählt worden. Man flüchtet sich immer in Ensembles oder Narrative, die der Dynamik zwischen Protagonisten und Antagonisten folgen, der Einzelne geht dabei immer in einer tragischen Masse unter. Der Grund dafür liegt auch darin, dass das Kino normalerweise versucht, eine Distanz und eine Erleichterung zu liefern, zum Beispiel durch verschiedene Sichtweisen. Die Möglichkeit dieser Erleichterung wollte ich dem Zuschauer aber nehmen. Ich habe mich gefragt, wie es gelingen kann, den Zuschauer dichter ans Geschehen zu holen. Ich wollte seine Chancen, den Gefühlen, die er haben mag, zu entkommen, so weit wie möglich beschränken. Und: Holocaustfilme berichten normalerweise vom Überleben Einzelner. Doch ich wollte nicht die Ausnahme zeigen. Ich wollte zeigen, was die Regel war. Es gibt jedoch auch bei mir eine Ausnahme, meine Hauptfigur Saul, der sich etwas Unmögliches vornimmt: nämlich ein ermordetes Kind zu begraben.

Die Furche: Das ist die Haupthandlung des Films, dann gibt es aber noch einen Häftlingsaufstand als Zusatzstrang. Warum?

Nemes: Saul leistet auf seine eigene Weise Widerstand, vielleicht sogar unbewusst. Es ist ein menschlicher Widerstand, also etwas, das jeder tun kann. Diese einfache, fast primitive Rebellion, die doch beinahe wie ein Gebet ist, vor dem Hintergrund eines größeren Ereignisses zu erzählen, bei dem es um viel geht, drängt den Zuschauer noch mehr zu der Beantwortung der Frage, ob das, was die Hauptfigur zu erreichen versucht, sinnvoll ist. Es muss also der Zuschauer in diesem Kontext entscheiden, ob das, was die Hauptfigur erreichen möchte, irgendeinen Wert hat. Deshalb wollte ich den Widerstand des Sonderkommandos, dessen Rebellion, die es ja wirklich gegeben hat, vorkommen lassen. Ich wollte die individuelle Mission vor dem Hintergrund eines größeren Rahmens erzählen.

Die Furche: Was war für Sie das Wichtigste in der Recherche?

Nemes: Das Wichtigste waren die Texte, die Mitglieder des Sonderkommandos selbst geschrieben haben. An ihnen habe ich mich orientiert. Diese Menschen haben buchstäblich aus dem Krematorium heraus geschrieben, sie waren mittendrin, mitten in diesem Prozess. Und dann mussten wir natürlich alles über ihren Alltag wissen, jedes Detail. Über den Aufstand haben wir nur begrenztes Wissen, aber wir hatten einen historischen Berater.

Die Furche: Haben Ihre Urgroßeltern, Ihre Großeltern überlebt?

Nemes: Nein. Die Familienmitglieder, die sich nicht verstecken konnten, kamen nicht mehr zurück. Wahrscheinlich wollte ich deshalb einen Film über die Toten machen und nicht übers Überleben.

Die Furche: Wie antisemitisch erleben Sie Ungarn heute?

Nemes: Ungarn war, seit ich es kenne, schon immer sehr antisemitisch. Als Kind habe ich schon in den 80ern Antisemitismus erfahren. Damals haben die Leute aber noch geflüstert. Man musste genau hinhören, aber er war zu fühlen. Heute wird er in Ungarn viel offener gezeigt - es ist unglaublich, wie offen.

Die Furche: In Ihrem Film beobachtet man fast alles über die Schulter eines Mitglieds des Sonderkommandos hinweg. Warum haben Sie dieses formal-ästhetische Konzept gewählt?

László Nemes: Aus Sicht eines Einzelnen, ganz dicht am Protagonisten ist über den Holocaust in einem Film noch nie erzählt worden. Man flüchtet sich immer in Ensembles oder Narrative, die der Dynamik zwischen Protagonisten und Antagonisten folgen, der Einzelne geht dabei immer in einer tragischen Masse unter. Der Grund dafür liegt auch darin, dass das Kino normalerweise versucht, eine Distanz und eine Erleichterung zu liefern, zum Beispiel durch verschiedene Sichtweisen. Die Möglichkeit dieser Erleichterung wollte ich dem Zuschauer aber nehmen. Ich habe mich gefragt, wie es gelingen kann, den Zuschauer dichter ans Geschehen zu holen. Ich wollte seine Chancen, den Gefühlen, die er haben mag, zu entkommen, so weit wie möglich beschränken. Und: Holocaustfilme berichten normalerweise vom Überleben Einzelner. Doch ich wollte nicht die Ausnahme zeigen. Ich wollte zeigen, was die Regel war. Es gibt jedoch auch bei mir eine Ausnahme, meine Hauptfigur Saul, der sich etwas Unmögliches vornimmt: nämlich ein ermordetes Kind zu begraben.

Die Furche: Das ist die Haupthandlung des Films, dann gibt es aber noch einen Häftlingsaufstand als Zusatzstrang. Warum?

Nemes: Saul leistet auf seine eigene Weise Widerstand, vielleicht sogar unbewusst. Es ist ein menschlicher Widerstand, also etwas, das jeder tun kann. Diese einfache, fast primitive Rebellion, die doch beinahe wie ein Gebet ist, vor dem Hintergrund eines größeren Ereignisses zu erzählen, bei dem es um viel geht, drängt den Zuschauer noch mehr zu der Beantwortung der Frage, ob das, was die Hauptfigur zu erreichen versucht, sinnvoll ist. Es muss also der Zuschauer in diesem Kontext entscheiden, ob das, was die Hauptfigur erreichen möchte, irgendeinen Wert hat. Deshalb wollte ich den Widerstand des Sonderkommandos, dessen Rebellion, die es ja wirklich gegeben hat, vorkommen lassen. Ich wollte die individuelle Mission vor dem Hintergrund eines größeren Rahmens erzählen.

Die Furche: Was war für Sie das Wichtigste in der Recherche?

Nemes: Das Wichtigste waren die Texte, die Mitglieder des Sonderkommandos selbst geschrieben haben. An ihnen habe ich mich orientiert. Diese Menschen haben buchstäblich aus dem Krematorium heraus geschrieben, sie waren mittendrin, mitten in diesem Prozess. Und dann mussten wir natürlich alles über ihren Alltag wissen, jedes Detail. Über den Aufstand haben wir nur begrenztes Wissen, aber wir hatten einen historischen Berater.

Die Furche: Haben Ihre Urgroßeltern, Ihre Großeltern überlebt?

Nemes: Nein. Die Familienmitglieder, die sich nicht verstecken konnten, kamen nicht mehr zurück. Wahrscheinlich wollte ich deshalb einen Film über die Toten machen und nicht übers Überleben.

Die Furche: Wie antisemitisch erleben Sie Ungarn heute?

Nemes: Ungarn war, seit ich es kenne, schon immer sehr antisemitisch. Als Kind habe ich schon in den 80ern Antisemitismus erfahren. Damals haben die Leute aber noch geflüstert. Man musste genau hinhören, aber er war zu fühlen. Heute wird er in Ungarn viel offener gezeigt - es ist unglaublich, wie offen.