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Feuilleton

WORTE, PARADIES UND WIRKLICHKEIT

1945 1960 1980 2000 2020
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Die Wirklichkeit ist eine Erzählerin, meint Alexander Kluge, sie bringt Dinge zusammen und mischt sie wie ein Alchimist - der Autor müsse daher mehr beobachten und sammeln, denn erfinden. Kluge versteht Wirklichkeit dabei - im Fahrwasser der Kritischen Theorie - einerseits als etwas beinhart Objektives, andererseits aber auch als etwas grob Erfundenes. Menschen seien fähig, eine Wirklichkeit, die es nicht gut mit ihnen meint, zu leugnen -nicht nur, indem sie revoltieren, sondern auch, indem sie alles, was sie in Wirklichkeit wahrnehmen, ein bisschen abfälschen. "Antirealismus des Gefühls" nennt Kluge dieses Phänomen und das Subjektive erweise sich dabei als genauso hart und massiv wie alles Objektive zusammen.

Wer bisher vergeblich einen Zugang zu Kluges Kürzesterzählungen suchte, die sich weniger durch kunstvolle Sprache, als vielmehr dadurch auszeichnen, was er die vertikale Struktur der Erzählung nennt (statt Linearität Mehrdimensionalität und Gleichzeitigkeit, die wir ständig auch in der Realität erfahren), dem ist vielleicht mit der nun auf zwei DVDs erhältlichen Poetikvorlesung geholfen, die Kluge 2012 in Frankfurt gehalten hat ("Theorie der Erzählung", Suhrkamp 2013). Dass man Kluge dabei seine Texte sprechen sieht, macht zudem deutlicher, was sie sind: Erzählungen.

In der Sprache die Welt suchen

Es gibt schon so viele schöne Bücher über das Erzählen, dass es verwundert, dass immer wieder welche dazukommen können, die man auch noch gerne liest. Dieter Fortes "Das Labyrinth der Welt" gehört für mich dazu, es trägt den schlichten Untertitel "Ein Buch" und widersetzt sich jeder Gattungszuordnung. Wen die Funktion der Geschichten und Mythen, die Zusammenhänge von Wort und Bild interessieren, der wird sich mit Genuss in diese auch sprachlich anregende Prosa fallen lassen. Ob es dabei auch um die Stadt Basel geht, die der Buchumschlag hervorhebt, ist nicht so wichtig. Sie steht für viele Städte.

Es beginnt - wie könnte es anders sein - mit dem (verlorenen) Paradies und endet mit der Stimme eines Menschen. Dazwischen findet sich erzählte Kulturgeschichte, in die (ungekennzeichnet) viel Literatur eingewoben wird, feine Mosaike auf der Suche nach dem Menschen und warum er erzählt, nie aufhört, "in der Sprache die Welt zu suchen": "Die Worte erschaffen die Worte, die die Welt darstellen, sie besitzen die Macht, das Labyrinth der Welt, die disparaten und diskontinuierlichen Teile dieses unendlichen Puzzles, in dem alles gleichwertig und gleich bedeutungslos scheint, zusammenzufügen und in der Sprache zu gestalten, der Welt den Sinn zu geben, dessen sie bedarf, um nicht nur Chaos zu sein."