Wunderbar vielfältig in alle Richtungen

Von 17. Juli bis 17. August steht Wien ganz im Zeichen des Tanzes. Zum 31. Mal wird die Stadt mit dem ImPulsTanz-Festival zu Europas Zentrum der internationalen Tanzszene mit Vorstellungen, Workshops für Alt und Jung sowie Research-Projekten.

Wenn Wien von blauen und rosa Fahrrädern erobert wird, dann ist das ImPulsTanz-Festival in vollem Gange. Die FURCHE sprach mit Karl Regensburger, Intendant des Festivals seit der Gründung, und Michael Stolhofer, Kurator von [8:tension] - der Veranstaltungsreihe für eine neue Choreographen-Generation.

Die Furche: [8:tension] ist größer geworden. Ist der Bedarf dafür da?

Michael Stolhofer: Ich glaube, der Bedarf wäre unendlich. Durch den Schwerpunkt mit sechs Statements aus Asien und Amerika ist diese Vergrößerung entstanden.

Die Furche: Was ist am Tanz aus Asien oder Amerika anders?

Stolhofer: Grundsätzlich ist diese Frage genauso schwierig wie die, wie der Tanz in Europa ist. Für Asien kann man sagen, dass es einen größeren Konnex zur Tradition gibt. Aber was zeitgenössisch ist, ist genauso vielfältig wie hier. In Amerika hat man grundsätzlich eine andere Struktur, die Dinge sind auch noch mehr vom Tänzerischen geprägt als in Europa. Aber es hat sich all das, was sich hier entwickelt hat, auch dort - in anderer Form - abgespielt. Vielleicht gibt es nach dem Festival eine Antwort, die sich aus den sechs Statements ergibt. Aber ich glaube, einen Trend kann man nirgends herauslesen, außer einen für die Zukunft von ImPulsTanz: Der Blick nach außen wird sich auch im nächsten und übernächsten Jahr fortsetzen. Vor allem mit Asien werden wir uns auseinandersetzen, auch mit der Frage, was den zeitgenössischen Tanz in Asien ausmacht.

Die Furche: Aber was gilt als zeitgenössisch? Bei ImPulsTanz gibt es mittlerweile die Classic-Reihe.

Stolhofer: Im traditionellen asiatischen Denken ist diese Unterscheidung fast nirgends zu finden. Alles was dort passiert, passiert im Moment und ist in dem Sinn zeitgenössisch. Die Idee zeitgenössisch und traditionell so strikt zu trennen, wie wir das versuchen, ist zumindest im bisherigen Denken in Asien überhaupt nicht gegeben.

Karl Regensburger: Das hat sich so Ende der 1980er-Jahre entwickelt. Da galt Ballett grundsätzlich als alt und alles andere als zeitgenössisch. Da haben wir versucht mit dem Nederlands Dans Theater, mit William Forsythe oder dem Ballett der Pariser Oper entgegen zu wirken. Auch um zu zeigen, dass das überhaupt nicht altmodisch ist.

Stolhofer: Alle Entwicklungen führten nicht dazu, dass man heute von klaren Trends reden kann. Wir haben einen wunderbaren Pluralismus in alle Richtungen.

Die Furche: Wie sehen Sie die Nachwuchsförderung in Österreich?

Stolhofer: Wir reden immer noch von einer Kunstform, die irgendwo am Rand steht. Die in ihrer Akzeptanz, in ihrer Finanzierung neben anderen eine ziemlich marginale Rolle spielt. Ich glaube, dass der Tanz sich in den 1990er-Jahren in Wien eine sehr gute Position erarbeitet hat. Aber im Moment ist die Gefahr relativ groß, dass das alles wieder den Bach runterschwimmt. Es ist wichtig, auch für die Institutionen, die das Jahr über tätig sind, sich den Kopf zu zerbrechen, was da los ist. Wenn man sich heute - und da haben wir es uns nicht leicht gemacht - überlegt, wer aus den in Österreich arbeitenden Künstlern für [8:tension] in Frage kommt, dann ist die Auswahl doch gegen Null gegangen.

Regensburger: Von den arrivierteren hingegen gibt es ein sehr reichhaltiges Programm, aber für [8:tension] haben wir nur den "amerikanischen Österreicher“ Michael O’Connor. Auf der jungen Schiene ist eine gewisse Stagnation zu bemerken, es drängt niemand nach. Ich glaube, teilweise sind es schwierigere Produktionsbedingungen, wobei ich immer wieder sagen muss, dass die Stadt großartig darin ist, Ressourcen nicht zu nützen. Es ist nicht so, dass keine Studios da wären. Die sind da, man darf sie nur nicht um 20.00 Uhr zusperren.

Woran es wirklich mangelt, ist, glaube ich, das Interesse von den geldgebenden Stellen. Ich kann mich noch erinnern, als ich in den 1980er-Jahren das erste Mal viel ins Ausland gekommen bin, habe ich gesehen, welchen Kontakt dort Subventionsgeber zu den Künstlern hatten. Das war ein wirklicher Austausch. Da waren die Künstler nicht die Feinde, die Geld wollten. Das wäre ja schon ein Riesenvorteil, wenn endlich einmal dieser Schritt gesetzt würde. Dieses Interesse an den Künstlern fehlt.

Die Furche: Wie schaut es finanziell für ImPulsTanz heuer aus?

Regensburger: Es ist der ewige Kampf, und wir leiden natürlich, aber durchaus mit positiven Gefühlen. Wir sind im Minus und müssen es verringern. Wir haben mit der Stadt Wien eine 3-Jahres-Vereinbarung bis Ende 2015 und mit dem Bundeskanzleramt Kultur und Kunst die Jahresvereinbarung. Spätestens ab 2016 muss ein deutlicher Schritt erfolgen, um das Festival weiter am Blühen zu halten. Die Lohnnebenkosten fahren in die Höhe, das ist fast nicht mehr zu finanzieren. Und wir haben eine EU-Prüfung zu unserem 5-Jahresprojekt. Da werden alle Partner überprüft, und wir müssen das zahlen. Wozu nehme ich noch eine Förderung in Anspruch, wenn ich nachher für eine Prüfung die Hälfte von der Förderung aufwenden soll? Nicht, dass wir etwas zu verbergen haben, aber das ist absurd.

Die Furche: Dafür ist der Workshopbereich am Blühen.

Regensburger: Wir haben versucht, im Performancesektor zu sparen, etwa - und das schmerzt - dass wir keine Eröffnung im Museumsquartier machen. Die war ein Zeichen für die Stadt. Wo wir aber nicht sparen wollten, war der Seminarbereich, der so groß wie noch nie ist. Da haben wir eher das Problem, dass wir zahlreiche Zusatzkurse machen könnten, aber der Platz fehlt.

Das Festival könnte doppelt so groß sein. Nicht, dass unser Wunsch dahin geht, aber es gibt verschiedene Produktionen, bei denen es nicht einmal in Frage kommt, darüber nachzudenken, sie einzuladen, und das ist schade. Die wären wichtig gewesen. Umgekehrt muss man auch realistisch bleiben. Die Zeiten sind schwierig und ich möchte auch nicht in eine völlige Abhängigkeit kommen. Wobei ich glaube, in Hinblick auf ImPulsTanz könnte man schon noch den einen oder anderen Schritt machen. Das ist dann durchaus im Rahmen mit anderen Festivals und deren Erfolgen. Da schneiden wir ganz gut ab. Es gäbe so viele Möglichkeiten, die immer noch nicht selbstverständlich sind in der Stadt. Es ist zu sehr ein Abgrenzen da.

Die Furche: Mittlerweile gibt es Workshops für über 55-Jährige.

Regensburger: In den 1980er-Jahren besuchten auch 30- bis 40-Jährige Kurse, die dann zwanzig Jahre später 50 bis 60 waren. Sie fühlten sich in den normalen Klassen nicht mehr so wohl. Da kam der Gedanke, eigene Klassen zu schaffen, damit diese Leute weitermachen und sich mit ihrer Bewegungsqualität einbringen können. Anfangs gab es noch Berührungsängste, aber wir spüren, dass mehr und mehr eine Neugier auch bei älteren Semestern da ist.

Die Furche: Wie setzt sich das Publikum zusammen?

Regensburger: Ich glaube, dass wir mittlerweile ein Stammpublikum entwickelt haben, dass es ein großes Interesse am Festival gibt und dass es auch immer wieder gelingt, Leute zu überzeugen, die große Gegner vom Tanz waren, weil harte Menschen tanzen nicht. Wir haben sogar Klaus Nüchtern überzeugt, an Armin Thurnher bin ich nach wie vor dran. Das Publikum ist vielfältig, aktiv, sehr interessiert, und geht quer durch alle Altersgruppen und Segmente.

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