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Zagreb

1945 1960 1980 2000 2020

Manche sagen, die kroatische Hauptstadt sei wie eine Taschenausgabe von Wien. Eine Stadt, die es verdient, erlebt zu werden.

1945 1960 1980 2000 2020

Manche sagen, die kroatische Hauptstadt sei wie eine Taschenausgabe von Wien. Eine Stadt, die es verdient, erlebt zu werden.

Zagreb ist eine Stadt mit Charme. Nur: wer weiß das schon? Wer hat die kroatische Hauptstadt bereits besucht? So, wie man London, Paris, Rom kennt?

Zagreb ist nicht groß, eine Million Einwohner (1910 waren es 80.000). Man könnte sagen, Zagreb sei wie eine Taschenausgabe von Wien. Alles ist da, die Adelshäuser von Barock bis Klassizismus, die 1913 in qualitätsvollem Jugendstil gebaute Uni, das Präsidentenpalais, die Ringstraßenhäuser der Neureichen aus der Gründerzeit. Nur kleiner. Und in überschaubarer Ordnung. Diese Stadt ist der Kreuzungspunkt Mitteleuropa/ Balkan mit intimer europäischer Atmosphäre (nur die Industrievororte sind so scheußlich wie überall). Zagreb wartet auch mit schöner Umgebung auf. Der Medvenica Nationalpark (bis 1.035 Meter) rahmt den Norden ein. "Ein halber Tag da hinauf mit der Seilbahn, die Ruhe, das Grün, die herrliche Luft - Sie sind ein neuer Mensch nach einer Stadtbesichtigung." Wie Recht sie hat, die Dame von der Rezeption!

Auf der Mihanovicevastraße gegenüber dem besuchenswerten großen Botanischen Garten mit 10.000 Pflanzenarten steht ein einst schönes Jugendstilhaus. Es ist bewohnt, aber fast am Verfallen: Putz bröckelt ab, die Holztüre ist vergammelt, die Fenster halb kaputt. "Wem gehören diese Häuser?" frage ich meinen Hotelier. "Dem Staat, der Stadt. Da darf der Zustand Sie nicht wundern. Die Bewohner zahlen kaum Miete. Aber der Bürgermeister will sich kümmern ..." Dennoch, Agram, wie man bei uns noch gelegentlich sagt, ist ein Schmuckkastel mit Aschenflecken da und dort.

Kroatien hat, wie alle Völker des Donau/Adriaraumes, eine bewegte Siedlungsgeschichte. Das betrifft auch die Hauptstadt selbst. Vor 2.500 Jahren kamen die Illyrer. Sie waren Raufhanseln, Seeräuber, später römische Legionäre in Pannonien. Dann siedelten die Awaren, Slawen, Ungarn. Tataren brachen ein, bis ins 17. Jahrhundert gab es Dezennien lang Türkenkämpfe. Das nordwestliche Drittel der Zagreber Kernzone liegt erhöht oberhalb der Unterstadt. "Unser Salzburg" sagen die Zagreber dazu. Salzburg, nur ohne den ermüdenden Festspielrummel.

Zonen des Verweilens Ein anmutiges Ambiente ohne Stress! Ein kleiner Schrägaufzug gebaut vor vielen Jahren von unserer Korneuburger Schiffswerft half und hilft den Faulen hinauf (Höhenunterschied 25 Meter!). Von den 200 bis 300 Jahre alten Gebäuden dort oben sind viele schon blitzblank gefärbelt.

Wir sind hier in einer Zone des ruhigen Verweilens. Es ist das Grätzel der Großwürdenträger und Adeligen, sie nannten es Gorni-Grad, oberer Hügel. Diese Landlords wollten ihr Stadtleben ebenso fein genießen wie in ihren luxuriösem Landschlössern, die allerdings von Schweine- und Rinderherden umgeben waren. Einige Fassaden in Gorni-Grad harren noch der Kosmetik, doch Blumenschmuck wird überall liebevoll gehätschelt.

In die wie in Altwiener Fiakerhäusern weit nach hinten reichenden Höfe sollte man lieber nicht hineinschauen. Oft chaotisch, voller Krempel, bröckelnde Hausmauern. Romantisch? Aber öffentliche Gebäude, etwa das Palais des Präsidenten der Republik gegenüber der Markuskirche sind Schmuckstücke, ebenso wie die Markuskirche selbst. Ihr Ziegeldach mit den Wappen von Kroatien, Slawonien und Dalmatien ist in jedem Prospekt abgebildet, das figurale Portal aus dem 15. Jahrhundert stammt aus der Prager Parler-Werkstätte.

Hier in Zagreb müsste es doch Spuren der Habsburger geben? "Von Franz Joseph, von unserer Ungarn-Königin Sisi meinen Sie? Kaum noch", sagt Daniela, meine Begleiterin. Das alles wurde weggetan, nach 1918. Und der Rest, als Tito kam. "Aber da und dort, wenn man gut sucht, vielleicht ...?"

Im piekfein herausgeputzten Heimatmuseum Palais im Vojkovic begrüßt den Besucher nicht nur ein lebensgroßes Ölgemälde von Franz Joseph I. schon im Stiegenhaus. Drinnen hängen hinter Glas gerahmt einige Schriftstücke mit Habsburg-Hinweisen, sogar ein Bilddokument über den Besuch von Franz-Joseph I. und Elisabeth in Agram, gedruckt in Wien.

Ein Kontrastprogramm zur Zone des ehemaligen Adels ist der nordöstliche Hügel, das Domdrittel. 1094 gründeten die ungarischen Könige das Agramer Bistum, 1217 wurde die Kathedrale geweiht, bald in den Tatareneinfällen zerstört und ab Anfang des 16. Jahrhunderts wieder aufgebaut. Nach neuerlicher Beschädigung durch ein Erdbeben erhielt sie nach Plänen des Wiener Rathausarchitekten Franz Schmidt ihr heutiges Aussehen. Neben der Kathedrale ist das Kloster ein Hort heiliger Ruhe.

Vor dem Dom das pralle Leben, ein buntes orientalisches Gemisch aus Einheimischen und Fremden, Städtern und Bauern, Standlern und Stammkunden. Dieser riesige Marktplatz soll einer der schönsten am ganzen Balkan sein, heißt es. "Kommen Sie, Herr, sehen Sie, schöne kroatische Trachtenblusen, mit der Hand gestickt!"- Leider aus Nylon. "Frische junge Zwiebel, heute geerntet - probieren Sie diesen Apfel, kostet nichts" (und schon beiße ich in eine saftige Apfelhälfte) - "Pullover, echte Wolle, nur zwanzig Deutschmark - zarte Karotten, wie Butter", so geht das Geschäft hier. In einer versteckten Mauerecke sitzt eine alte Polin, ärmlich gekleidet. Sie bietet Reste von ihrem Haushalt an, einen alten Wecker, eine Küchenwaage (schön, Messing, aber ohne Gewichte), ein paar alte, gut geputzte Stiefel.

Eine kleine Straße führt hinunter zur modernen südlichen dritten Stadt, der Stadt der Jugend, der Luxusläden, der Geschäftshäuser und Banken, der interessanten Restaurants. Soll ich mir Pilze, Gänseleber, vielleicht Fische anlachen? Froschschenkel? Oder gebratenen Truthahn mit Mlinci (Fladenbrot), oder Lamm am Spieß ? Auch hiesige Blunzen mit Polenta und Sauerkraut klingt verlockend. Darben muss man hier nicht. Um eine der schönsten Parkanlagen, das "Grüne Hufeisen" (Zrinski-Strossmayer-Tomislav Platz) bauten die Reichgewordenen, die Industriebarone vor und um die Jahrhundertwende ihre Prachthäuser. Billigere, aber ebenso gute, am Wiener Historismus geschulte Architekten waren am Werk. An diesem schönen Sonnentag sitzen die alten Herren im Schatten der Platanen in bescheidenen, aber adretten Anzügen mit Krawatte, trotz der Hitze. Wovon sie reden? Vielleicht von der Welt von Gestern? Oder von der Titozeit? Oder von der elenden Politik und den winzigen Pensionen?

Welt von gestern Hinter der Parkbank, im Gras, liegen drei junge Menschen - ein Mädchen und zwei junge Männer. Wahrscheinlich Studenten, die Universität ist nicht weit weg. Sie tragen T-Shirts, die Jeans hinaufgekrempelt; Siesta für eine halbe Stunde. Am Wochenende wird man sie in den riesigen Sport- und Badeanlagen finden, die man seinerzeit für die Universiade errichtet hat.

Zurück zum Park mitten in der Stadt. Neben den Studenten, die ihre Pause genießen, steht als Kontrastprogramm, in der Parkmitte der verschnörkelte Brunnen aus der Gusseisen-Ingenieurzeit, aus der Kaiserzeit. Welt von gestern - Welt von heute, das ist Zagreb. Eine Stadt voll Leben, eine Stadt voll Kultur.

Die Stadt, die es verdient, erlebt zu werden.

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