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Zauberer Amanshauser

Als ich ihn das erste Mal sah, stand er auf dem Kopf. Es war Mitte der siebziger Jahre in einer Salzburger Galerie. Mehr als von den Bildern an den Wänden war ich von dem Mann fasziniert, der zwischen ihnen auf dem Kopf stand. Ich fragte, wer das sei, und ehrfürchtig wurde mir mitgeteilt, hier walte der Dichter Gerhard Amanshauser seines Amtes. Von dem hatte ich freilich schon einige Bücher gelesen, Satz und Gegensatz oder Ärgernisse eines Zauberers, Essaybände, in denen die bekannten Dinge aus einer ungewöhnlichen Perspektive erkundet wurden. Mir war daher sogleich klar, dass ich Amanshauser nicht bei einer privaten sportlichen Übung, sondern in Ausübung seines Berufes angetroffen hatte. Denn der Kopfstand war einem Autor gemäß, der überzeugt war, dass Schule, Erziehung, Routine uns daran gewöhnt hatten, die Dinge in einer Ordnung zu sehen, die gar nicht ihre, sondern vielmehr die Ordnung der Herrschaft ist, die über sie und uns errichtet wurde; und der daher glaubte, dass es einer Umkehr, einer Umdrehung bedürfe, um die Welt, die auf dem Kopf steht, wieder erkennbar zu machen.

Später lernte ich ihn aus freundschaftlicher Nähe als einen Kollegen bewundern, der in seiner Jugend sehr erfolgreich, in seinen mittleren Jahren nahezu völlig vergessen und erst im Alter wiederentdeckt wurde: souverän ist Amanshauser seinen Weg völlig unabhängig davon gegangen, ob er ihm gerade Zuspruch oder Ablehnung eintrug. Mit seiner Literatur wollte er verzaubern, und seine Freunde hat er oft mit kleinen Zauberkunststücken seiner geschickten Hände erfreut. Seit über zehn Jahren litt er an einer immer beschwerlicher werdenden Parkinson-Erkrankung; selbst ihr aber hat der Zauberer und Verzauberer, der Kopfsteher und Kopfverdreher lange mit renitentem Witz getrotzt. Jetzt ist Gerhard Amanshauser, einer der großen Außenseiter der österreichischen Literatur, gestorben.

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