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Zehn Jahre danach

Die deutsche Tageszeitung "Die Welt" erinnerte Anfang dieser Woche an ein historisches Datum: "Budapest und Wien hatten am 2. Mai 1989 vereinbart, neue Grenzübergänge in abgelegeneren Gegenden einzurichten, um den Anwohnern dort einen 'kleinen Grenzverkehr' zu ermöglichen", schreibt der Korrespondent.

Am 27. Juni 1989 war es dann soweit: Alois Mock und Gyula Horn, der österreichische und der ungarische Außenminister, durchtrennten symbolisch den Eisernen Vorhang an der Grenze zwischen ihren beiden Ländern. Das Bild von der Szene hat sich tief in unsere Köpfe und Herzen eingegraben, es ist eines der Bilder dieses Jahrhunderts: der abendländisch empfindende, tiefgläubige, katholisch-konservative Mock und der vom Reform- über den Postkommunisten zum Sozialdemokraten gewandelte Horn mit der Schere am Stacheldraht hantierend.

Was folgte, ist längst Geschichte. Im annus mirabilis 1989 war das Wort "historisch" wohlfeil. Vaclav Havel hat später einmal in authentischer Weise die Ernüchterung beschrieben, die dem Rausch der errungenen Freiheit folgte, das Banale der Normalität, die Mühseligkeiten auf dem Weg zu Marktwirtschaft und Demokratie, wenn das einigende Band des historischen Augenblicks längst vergilbt ist. Und Erhard Busek meldet sich in regelmäßigen Abständen als Kritiker zu Wort: der Westen, auch Österreich, habe noch immer nicht verstanden, was 1989 ff. passiert sei. Bis heute wird er nicht müde, Österreich an seine Verantwortung und seine Chance zu erinnern, die sich aus dem Wandel in der östlichen Nachbarschaft ergeben haben.

Heute ist in der Europäischen Union Pragmatismus angesagt; eine Reform, die erst die Union erweiterungstauglich machen würde, läßt weiter auf sich warten. Warnungen vor einer allzuschnellen Aufnahme neuer Beitrittskandidaten gelten als Beruhigungspillen für das Wahlvolk. Behutsamkeit ist gewiß am Platz. Die große Vision, das gemeinsame Ziel ist dennoch unverzichtbar. Gerade die Ereignisse in Jugoslawien machen deutlich, daß es zu einer Ausdehnung der Friedens-, Freiheits- und Wohlstandszone der Fünfzehn keine plausible Alternative gibt. Die Umsetzung dieser Einsicht ist Aufgabe der Politik.

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