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"Zeit" anstatt Ende

Seit 2. Dezember existiert das Flaggschiff der katholischen Publizistik in Deutschland, der "Rheinische Merkur", nur mehr in Form einer Beilage in der Hamburger "Zeit". Gesundschrumpfen heißt die Parole, Insider sprechen von einem Tod auf Raten.

"Grande Dame hakt Götterboten unter" - so rasch lässt sich der bitterste Einschnitt im katholischen Pressewesen in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg feuilletonistisch einkleiden: Die "Grande Dame" unter den Wochenzeitungen - die Zeit - hat sich "den zierlichen Götterboten" - den Rheinischen Merkur - einverleibt, der "als emanzipierter Mann seine alten Stärken in neuer Form ausspielen" kann.

Was mit solcher blühenden Rhetorik - formuliert von der Redaktionsleiterin des neuen Merkur in der Zeit, Christiane Florin - vergessen gemacht werden soll, ist der Schmerz über die selbst für Insider überraschende Eliminierung des über 60 Jahre alten Flaggschiffs katholischen Räsonnements. Von nun an erscheint der Merkur zusammengeschrumpft auf eine sechsseitige Beilage in der Zeit unter dem Titel Christ & Welt.

Dabei will man den verbliebenen Merkur-Abonnenten den Einschnitt so schmackhaft wie möglich machen: So erwartet den Leser unter den mächtigen Lettern Die Zeit gleich ein Leitartikel des bisherigen Merkur-Chefredakteurs Michael Rutz zum Bahnprojekt "Stuttgart 21", altbekannte Autoren sind vertreten, selbst der Titel Rheinischer Merkur ist in der bisherigen Schriftart präsent. Die Botschaft: Es ist alles halb so schlimm - wer Merkur abonniert, bekommt nun die Zeit einfach gratis dazu.

Sprachrohr der Konservativen

Aber wie konnte es so weit kommen? Über Jahrzehnte hatte der Merkur die deutsche Nachkriegspolitik begleitet. Zur Zeit der 68er hatte sich das Blatt als Sprachrohr des konservativen Widerstandes behauptet, was also konnte dieses Flaggschiff zum Kentern bringen?

Letztlich waren es drei Umstände: der rapide Verlust an Lesern, ein Vertrauensverlust bei den größten geldgebenden Diözesen und schließlich die lange angekündigte und nun vollzogene Richtungsentscheidung der Bischöfe, die katholische Medienwelt neu zu ordnen und sich stärker auf das Abenteuer online einzulassen.

In der Presseerklärung der Bischöfe aus dem September liest sich das so: "Zur langfristigen Medienstrategie gehören ein Ausbau des bisherigen Internetengagements, weitere Investitionen in die Ausbildung junger Menschen beim Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses und die Stärkung unserer Katholischen Nachrichtenagentur." Da war der Merkur schon Geschichte.

Abgezeichnet hat sich diese Entscheidung bereits seit Längerem: So hatte eine Expertenrunde den deutschen Bischöfen bereits vor zwei Jahren ins Gewissen geredet und konstatiert, dass die Ära des bis dato bewährten katholischen Medienmixes aus Kirchenzeitung, vertraglich gesicherten Sendezeiten in Radio und TV und eben auch dem Rheinischen Merkur "keinen Bestand" mehr habe. "Der Markt sortiert sich neu." Die Folge war der jetzige Entscheid, der finanziell wie personell der Webplattform katholisch.de in die Hände spielen dürfte.

Aber der Merkur hatte auch ökonomisch Schlagseite: So war er zuletzt zu einem deutlichen Zuschussgeschäft von jährlich rund 2,5 Millionen Euro geworden. Getragen wurde das Blatt von acht deutschen Diözesen und der Deutschen Bischofskonferenz. 65 Prozent der Anteile lagen bisher bei den fünf nordrhein-westfälischen Diözesen, unter denen wiederum der Erzdiözese Köln der Löwenanteil zukam. Der Niedergang lässt sich entsprechend auch in der beständig gesunkenen Auflage ausmachen: So wies die Statistik zwar bis zuletzt rund 64.000 verkaufte Exemplare aus - 12.900 davon im Abo -, die tatsächliche Zahl jedoch betrug laut Medienberichten nurmehr rund 15.000 Exemplare.

Differenzen mit einigen Bischöfen?

Bis zuletzt wurde behauptet, die Entscheidung sei rein wirtschaftlicher Natur gewesen - wohl auch, um Gerüchten entgegenzutreten, es habe wachsende Differenzen zwischen Redaktion und Bischöfen gegeben. Einige Bischöfe - allen voran der Kölner Kardinal Joachim Meisner - seien mit der offenen Berichterstattung in den Missbrauchsfällen und in der "Causa Mixa" nicht einverstanden gewesen. Der Wandel vom Hausblatt des Konservativismus zu einem wertreflektierten, jedoch ökumenisch wie weltanschaulich offenen Blatt könnte dem Merkur letztlich das Genick gebrochen haben.

Ob das neue Produkt ein dauerhafter Erfolg wird? Zweifellos wird die Zeit dem Experiment ein schnelles Ende machen, sollte die Abonnentenzahl weiter in den Keller rasseln - was, wenn man Unkenrufen glauben mag, ungebremst der Fall ist. Die Verunsicherung ist auch journalistisch erkennbar: So hat man ausgerechnet zu einem vermeintlichen Leib- und Magenthema - dem neuen Papstbuch - mit Alexander Kissler einen auswärtigen Autor angeheuert. Mangelt es etwa an einer prononcierten katholisch-intellektuellen Stimme in der neuen Redaktion? Skepsis zu Zukunftsfähigkeit ist jedenfalls angesagt, haben doch nicht wenige Abonnenten den Merkur gerade deshalb gewählt: als Gegenakzent zur Zeit.

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