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Als die Sieger Europa aufteilten

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Im Juli 1945 scheiterten die „Großen Drei” beim Versuch, die Nachkriegsordnung gemeinsam festzulegen. Die Teilung Deutschlands und Europas war damit vorprogrammiert.

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Im Juli 1945 scheiterten die „Großen Drei” beim Versuch, die Nachkriegsordnung gemeinsam festzulegen. Die Teilung Deutschlands und Europas war damit vorprogrammiert.

Von Jalta (siehe Furche 11/95) waren die „großen Drei” noch optimistisch heimgekehrt- zufrieden wohl nur Josef Stalin. Franklin D. Roosevelt telegraphierte schon am 29. März - kaum sechs Wo-chen nach der Krimkonferenz - an Stalin in der Frage der polnischen Regierung: „Ich muß Ihnen in aller Deutlichkeit sagen, daß jede Lösung, die nichts als eine kaum verhüllte Fortsetzung des gegenwärtigen Warschauer Regimes ergäbe, unannehmbar wäre und das amerikanische Volk veranlassen würde, die Jalta-Verein-barung als Fehlschlag zu betrachten.”

Roosevelt starb am 12. April - und einen Monat später sprach Winston Churchill in einem Telegramm an Harry S. Truman, Roosevelts Nachfolger, erstmals vom „Eisernen Vorhang”, der vor der Front der Sowjettruppen niedergegangen wäre: „Was dahinter vorgeht, wissen wir nicht.”

Der bisherige Vize-Präsident war durch den Tod des Präsidenten völlig unvorbereitet vor die Aufgaben der Weltpolitik gestellt worden - in einem Augenblick, da die Niederlage Deutschlands und seiner Verbündeten eine totale Neugestaltung Europas und der Welt notwendig machte.

Noch vor der deutschen Kapitulation schlug daher Churchill Truman eine neue Zusammenkunft der Führer der Siegermächte vor. Er stellte dem neuen Gesprächspartner drastisch vor Augen, wie sich die Lage seit Jalta verändert hatte - und wie weit Stalin bereits dabei war, vollendete Tatsachen zu schaffen. Polen - für dessen demokratischen Neubeginn Churchill sich in Jalta so intensiv eingesetzt hatte - sei „völlig überwältigt und tief begraben in Ländern, die von den Russen besetzt sind.” Die russischen Grenzen verliefen praktisch vom Nordkap bis zum Isonzo und schlössen alle Hauptstädte Mitteleuropas einschließlich Berlin, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia ein.

Stalin dachte gar nicht daran, in den von der Roten Armee besetzten Territorien den Westmächten irgendeinen Einfluß zuzugestehen. Im Februar schon hatte Molotows Stellvertreter Andrej Wyschinski in Bukarest die Installierung der' kommunistischen Regierung Petru Groza durchgedrückt.

In die sowjethörige Regierung Polens ließ Stalin nach intensiven Verhandlungen mit Harry Hopkins, Roosevelts Berater in Jalta, den Führer der Bauernpartei, Stanislaw Mikolajczyk, als Landwirtschaftsminister eintreten - und nahm damit der Exilregierung in London die Legitimation. Und bei der Gründungsversammlung der Vereinten Nationen in San Francisco ließ der tschechoslowakische Außenminister Jan Masaryk im Gespräch mit westlichen Kollegen keinen Zweifel daran, wie sehr seine Delegation von den Sowjets unter Druck gesetzt worden war.

Stalin war mit einer neuerlichen Zusammenkunft einverstanden -vorausgesetzt sie fände in Berlin statt, wo er den ganzen Triumph der sowjetischen Kriegsführung auskosten konnte. Die Delegationen wurden in Villen in Babelsberg einquartiert. Die Sicherheitsvorkehrungen waren so

intensiv, daß die Briten und Amerikaner den'Eindruck hatten, sie befänden sich in einem KZ. Die Verhandlungen sollten im Schloß Cecilienhof, der Sommerresidenz des früheren deutschen Kronprinzen, ablaufen.

Hier traf Truman zum ersten Mal mit Churchill und Stalin zusammen. Mit Churchill war Clement Attlee erschienen, der Führer der britischen Labourparty - am 5. Juli war in Großbritannien gewählt worden, aber um die Stimmen der Soldaten mit einrechnen zu können, wurden die Ergebnisse erst am 25. Juli, eine Woche nach Beginn der Potsdamer Konferenz, bekanntgegeben. Und sie ergaben einen Erdrutschsieg für Labour. Nun saß ein zweiter Neuling in der Runde.

Die Truppen der Westmächte waren noch vor der deutschen Kapitulation weiter nach Osten vorgestoßen, als die mit den Sowjets vereinbarten Demarkationslinien vorsahen.

Churchill sah damit die Möglichkeit, den Truppenabzug von einer Einigung in der Reparationsfrage abhängig zu machen. Die Amerikaner wollten nach Hause. So wurden die Truppen noch vor der Konferenz hinter die Demarkationslinie zurückgezogen.

Stalin und zwei Neue

Die Sowjets wollten Reparationen von Deutschland in Höhe von 20 Milliarden Dollar. Schließlich einigte man sich, daß die Sowjetunion 56 Prozent, Großbritannien und die USA je 22 Prozent der deutschen Zahlungen und Leistungen zufallen sollten, wobei jeweils zehn Prozent der Anteile an die am Krieg beteiligten kleineren Staaten weitergegeben werden sollten.

Die britische Delegation legte Wert darauf, daß bei allen deutschen Leistungen das Überleben der Bevölkerung mitberücksichtigt werden müßte. Andernfalls hätten ja die Besatzungsmächte für die Existenzsicherung aufkommen müssen. Die Sowjetdelegierten sahen darin die Absicht der Westmächte, die Deutschen in eine antisowjetische Allianz einspannen zu wollen.

Gleichzeitig aber übergab die Sowjetunion - ohne interalliierte Beschlüsse - an Polen die Verwaltung

der deutschen Ostgebiete, womit diese aus dem Reparationsgebiet ausgeklammert wurden und auch nicht zur Ernährung der deutschen Bevölkerung herangezogen werden konnten. Während man noch in Moskau endlos über Prozentsätze verhandelte, holten sich die Sowjets bereits aus ihrer Zone alles, was irgendeinen Wert besaß, stellte US-Unterhändler Avareil Harriman, von Moskau kommend, in Potsdam fest.

Als endlich am 17. Juli 1945 die „Großen Drei” im Schloß Cecilienhof zusammentraten und bis zum 2. August versuchten, die Grundprinzipien der europäischen Nachkriegsordnung festzulegen, da gelang es nur in einer Verfahrensfrage, bald Einigung zu erzielen: Die Außenminister sollten in einem ständigen Rat die Friedensverträge der Satellitenstaaten ausarbeiten, um später auch jenen für Deutschland in Angriff zu nehmen.

Truman und sein Außenminister Byrnes versuchten, Stalin und Molo-tow klarzumachen, daß eine Unterzeichnung der Friedensverträge mit den Satellitenstaaten erst nach Durchführung freier Wahlen erfolgen könne, denn die inzwischen von den Sowjets eingesetzten Regierungen seien keineswegs repräsentativ. Das betraf Finnland, Ungarn, Rumänien und Bulgarien, aber auch die Tschechoslowakei und Polen. Stalin

entgegnete, er habe doch auch die neue Regierung Italiens anerkannt, ohne daß dort Wahlen stattgefunden hätten.

Schon Ende Juni hatte Stalin von der Prager Regierung die Abtretung der Karpato-Ukraine verlangt und erhalten, womit die strategische Position der UdSSR verbessert wurde. Ebenfalls noch vor Potsdam hatte er die türkische Regierung mit dem sowjetischen Anspruch auf militärische Stützpunkte an den Dardanellen wie auf die Provinzen Kars und Ardahan konfrontiert. Diese waren 1921 von dem damals unabhängigen, inzwischen sowjetischen Armenien abgetrennt worden. Im Iran unterstützte Stalin die Separatistenbewegung in Persisch-Aserbeidjan mit seinen Ölvorkommen.

Vor vollendete Tatsachen

Nun, in Potsdam legte Stalin plötzlich die Forderung auf den Tisch, die Treuhänderschaft über eine der italienischen Kolonien, etwa Libyen, zu bekommen. Darüber hinaus unterstützte die Sowjetunion Titos Ansprüche auf Triest.

Die westlichen Verhandler sahen darin den klaren Beweis für den unersättlichen Appetit des sowjetischen Imperialismus, der sich nun auch auf

den Mittleren Osten und das Mittelmeer erstrecken sollte. Da man sich nicht einigen konnte, sollten die Außenminister darüber weiter verhandeln. Aber alle Beteiligten mußten Interesse haben, irgendwelche vorzeigbaren Ergebnisse aus Potsdam heimzubringen. Und da keine Partei eigene Interessen opfern wollte, mußte der Kompromiß auf Kosten Deutschlands gefunden werden.

So sollte das, was vom Deutschen Reich noch übrig und vierfach besetzt war, als wirtschaftliche Einheit erhalten bleiben. „Zentrale deutsche Verwaltungsabteilungen” für Finanz-, Transport- und Verkehrswesen, für Außenhandel und Industrie sollten dem Alliierten Kontrollrat unterstellt eingerichtet werden. „Bis auf weiteres” sollte es keine deutsche Regierung geben.

Dann bot US-Außenminister Byrnes einen Kompromiß in der Reparationsfrage an: Jede Besatzungsmacht sollte ihre Ansprüche nach Belieben aus der eigenen Besatzungszone decken. Dafür akzeptierten die Westmächte die Unterstellung der ostdeutschen Gebiete unter polnische Verwaltung sowie die Vertreibung der Deutschen aus Schlesien und Ostpreußen. Daß diese Vertreibung „in humaner Weise” erfolgen sollte, war nur mehr eine leere Floskel.

Sowjetmandat in Afrika?

Mit der neuen polnischen Westgrenze und der Vertreibung der Deutschen hatte Stalin aber den Reim der Feindschaft zwischen Deutschland und den Nachbarstaaten gelegt, was wieder bei jenen ein verstärktes Bedürfnis nach Sicherheit vor Revisionsansprüchen erzeugen mußte. Als Schutzmacht aber kam für sie nur die Sowjetunion in Frage ...

Damit war die Teilung Europas vorprogrammiert, mit der Aufteilung des Reparationsgebietes auch die Teilung Deutschlands. Es dauerte 44 Jah -re, bis beides überwunden werden konnte. Wer in den Jahren vor der Wende und dem Zusammenbruch des Kommunismus nach Potsdam kam und auch das Schloß Cecilienhof besichtigte, den überschüttete der Fremdenführer mit begeisterten Lobeshymnen auf die „großen Drei”, vor allem auf den großen Führer Josef Stalin, dem Deutschland - vertreten durch die Deutsche Demokratische Republik -.soviel Dank für seine Hilfe bei der Überwindung der Nazi-Herrschaft schulde. Stalin war in der eigenen Heimat damals bereits seit 30 Jahren außer Verkehr gesetzt worden.

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