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Also doch: eine neue Koalition

Als ich mein 21. Lebensjahr vollendet hatte, lag ich in einem Reservelazarett in Bad Homburg. Es war März 1945 und über die mit roten Kreuzen gekennzeichneten Dächer flogen noch amerikanischer Bomberpulks ihre Ziele an. Obwohl ich mit dem Ende des Krieges in absehbarer Zeit rechnete, dachte ich nicht daran, schon im November dieses Jahres zum ersten Mal das Wahlrecht ausüben zu können.

Das Kriegsende erlebte ich dann als nur noch ambulanter Besucher des Reservelazaretts in Steyr, von wo ich, ohne in Kriegsgefangenschaft geraten zu sein, im Sommer nach Wien zurückkehren konnte. Auch damals ahnte ich noch nicht, etwas mit einem Wahlkampf zu tun zu haben, denn ich absolvierte meinen studentischen Arbeitseinsatz und, um etwas verdienen zu können, einen Kammerstenographenkurs. Außer dem Wunsch, nicht von einer Diktatur befreit in einer nächsten zu landen, hatte ich politisch noch nicht Position bezogen. Erst als ich über Anregung eines Schulfreundes einen von der OVP veranstalteten Journalistenkurs besuchte und dabei ein Interview mit dem damaligen Unterstaatssekretär Dr. Karl Gruber zu machen hatte, das dann im „Kleinen

Aus Friedrich Funders Kommentar des Ergebnisses der ersten Wahl vor SO Jahren in der ersten Furche vom 1. Dezember 1945.

„Nach alten politischen Gesetzen hätte man nach dem schrankenlosen Parteiabsolutismus der letzten sieben Jahre einen starken Ruck nach links erwarten können. Aber unser Volk hat sich für ein Programm der Mäßigung entschieden, für einen Weg der Mitte, der zwischen zeitgebotenen sozialen und wirtschaftlichen Reformen auf der einen und idealistischen und doktrinären Überspannungen auf der anderen Seite verläuft.”

Volksblatt” erschien, forderte mich der damalige Chefredakteur des ÖVP-Pressedienstes Stamprech mit dem Bemerken, es sei Wahlkampf und er brauche Leute, zur Mitarbeit auf.

So erhielt ich am 1. Oktober einen Presseausweis als Mitarbeiter im Außendienst und begann als Versammlungsberichterstatter meine Stenographiekenntnisse zu verwerten. Auf diese Weise lernte ich Leopold Kunschak, Leopold Figl, Felix Hurdes, Ferdinand Graf, Julius Raab, Lois Weinberger und viele andere Repräsentanten der ÖVP als Wahlredner kennen.

Die meisten dieser Männer kamen aus den Konzentrationslagern und aus dem Widerstand. Sie waren frei von dem Verdacht, ihre leidvoll erlebte Vergangenheit verdrängen zu wollen und konnten nicht mißverstanden werden, wenn sie erklärten, es gelte einen kräftigen Schlußstrich unter die Nazivergangenheit zu ziehen und einen mutigen Schritt in die Zukunft zu tun. Sie wandten sich gleichermaßen gegen Rassenhaß und Klassenkampf ohne Anleihen bei Ideologien von gestern und ohne Anbiederung an fremde Mächte von heute.

Bereits am 24. Oktober durfte ich über die erste Wiener Parteikonferenz der ÖVP im Sofiensaal berichten. Nicht zum ersten Mal erlebte ich dabei Leopold Figl, diesen kleinen, abgemagerten und noch von seiner Verfolgung gezeichneten Mann, mit seiner rauhen, überraschend lauten Stimme als Bedner.

Er sagte über die in einem Monat bevorstehende erste freie Wahl: „Am 25. geht es um die Entscheidung in Österreich und eine alte Bauernregel sagt von diesem Tag: „Die Kathrein stellt'n Tanz ein! Ja, am Kathrinitag wollen wir den Tanz einstellen ...”

Was mit diesem „Tanz” gemeint war, brauchte er seinen Zuhörern damals nicht zu erklären. Wir lebten in einem vierfach besetzten Land mit einer provisorischen Regierung mit kommunistischen Ministern für Inneres und - wie es damals noch hieß - für „Volksaufklärung, für Unterricht und Erziehung und für Kultusangelegenheiten”. Mit der freien Entscheidung des Volkes sollte einer möglichen Willkürherrschaft im Zeichen einer Fremdherrschaft ein Riegel vorgeschoben werden.

Noch ohne Mitglied der ÖVP zu sein, durfte ich dann Anfang November Flugblatt-Texte für Frauen und Heimkehrer verfassen. An die Adresse der weiblichen Wähler hieß es dort: „61 Prozent aller Stimmen sind eure Stimmen ... Sorgt dafür, daß die Vergangenheit sich nicht wiederholt”, aber auch „Wir wollen Gleichberechtigung der Frau im Berufsleben, gleiche Löhne für gleiche Leistungen”.

Die wichtigste Botschaft für die Frauen aber war wohl, wenn ein Kanzler wie Figl damals erklärte: „Es gehe nicht an, die Großen zu deckei und die Kleinen zu zertreten.” Dei Teufelskreis politischer Verfolgun{ durch eine Politik der Versöhnung z' durchbrechen, war eine christlicht Botschaft vor 1945 verfolgter christli eher Politiker.

Am 25. November 1945 berichtet' ich über die Wahlbeteiligung im „ro ten” und zur sowjetischen Besät zungszone gehörenden Favoriten. Ir einzelnen Wahlsprengeln erreicht' die Wahlbeteiligung bereits in der Mittagsstunden 90 Prozent. Aber das ließ das Wahlergebnis noch nicht erahnen. Es gab ja weder Meinungsumfragen noch Hochrechnungen. Auch die letzten freien Wahlen vor 15 Jahren boten keinen Anhaltspunkt.

Schätzungen, die SPÖ könnte auf 45, die ÖVP auf 40 und die von der sowjetischen Besatzungsmacht favorisierte KPÖ auf 15 Prozent kommen, klangen nicht unglaubwürdig. Erst am späten Abend stand fest, daß Kathrein tatsächlich den Tanz eingestellt hatte.

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