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Amerikas Weg nach rechts

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Nixon ist, soweit sich der jüngere Zeitgenosse entsinnt, der bestgehaßte und glückloseste Präsident der Vereinigten Staaten, sein Vizepräsident Agnew die dankbarste Zielscheibe für publizistische Geschosse aller Sorten und Kaliber. Der amerikanischen Nation können die beiden wenig Hoffnung auf eine nahe Zukunft in Frieden und Prosperität machen. Paradoxerweise können sie aber, was ihr Überdauern im Amt über die nächsten Präsidentschaftswahlen hinaus betrifft, heute sorgloser in ihre Zukunft blicken als irgendein anderes Präsidentschaftsgespann außer Eisenhower (plus Nixon) seit Roosevelt (plus Truman).

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Nixon ist, soweit sich der jüngere Zeitgenosse entsinnt, der bestgehaßte und glückloseste Präsident der Vereinigten Staaten, sein Vizepräsident Agnew die dankbarste Zielscheibe für publizistische Geschosse aller Sorten und Kaliber. Der amerikanischen Nation können die beiden wenig Hoffnung auf eine nahe Zukunft in Frieden und Prosperität machen. Paradoxerweise können sie aber, was ihr Überdauern im Amt über die nächsten Präsidentschaftswahlen hinaus betrifft, heute sorgloser in ihre Zukunft blicken als irgendein anderes Präsidentschaftsgespann außer Eisenhower (plus Nixon) seit Roosevelt (plus Truman).

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Seltsames Ereignis von untergründiger Komik: der Kongreß erteilte dem Präsidenten Vollmachten, die dieser gar nicht wollte (nämlich, Maßnahmen zur Lohn- und Preiskontrolle zu verfügen). Mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit erzwang das Repräsentantenhaus gegen Nixons Veto 4,4 Milliarden Dollar für die Schulfinanzierung, 435 Millionen Dollar mehr, als der Präsident für diesen Zweck ausgeben wollte. Auch in der Schulfrage wurde er überstimmt.

Nixon steuert, einerseits, in zunehmende politische Isolierung. Die Zeitungen springen immer unfreundlicher mit ihm um. Anderseits gewann er in letzter Zeit überraschend an Popularität, die „schweigende Mehrheit“ scheint ihm heute mehr Vertrauen entgegenzubringen als Johnson zu irgendeinem Zeitpunkt seiner Präsidentschaft. Und wenn sich, wie neulich, der aktivste Vizepräsident, den Amerika seit langem hatte, von einem Mann wie Fui-bright sagen lassen muß, er sei eine Gefahr für die Demokratie — in den Augen weiter Kreise nützt ihm das mehr, als es ihm schadet. Denn die „aufrechten Amerikaner“ rücken zusammen.

Die USA sehen sich heute in der psychologischen Situation eines älteren, bisher stets erfolgreichen und geachteten Mannes, dem gesagt wird, sein Lebenswerk sei Pfusch, den die Leute nicht mehr grüßen, dem die Bankbeamten erklären, seine Konten seien überzogen und der zu allem anderen auch noch, aller Hygiene zum Trotz, plötzlich Läuse in seiner Wäsche entdeckt. Zwanzig Schritte vom feudalen Onassis-Apartment in der Fifth Avenue beginnt nach Einbruch der Dunkelheit feindliches Ausland, denn es ist bekannt, daß bewafftete Polizisten abends nicht einmal zu zweit den Centrai-Park zu betreten wagen, und zwischen null Uhr und Morgengrauen sind sie von diesem gefährlichen Job auch hochoffiziell befreit.

Die Zahl der Verbrechen in den USA stieg in zehn Jahren um 148 Prozent, 81 Prozent aller Einbrüche, 82 Prozent aller Diebstähle bleiben ungeklärt.

Der Minority der Ordnungshüter ebenso wie der Silent Majority gilt die Universität auch bei hellichtem Tag als feindliches Ausland. Zwar erklären sich nur zwei Prozent der College-Studenten selbst für „linksradikal“, aber auch nicht mehr als 63 Prozent lehnen Gewalt als letztes Mittel zur Änderung des „Systems“ ab. (Wenn eine Gesellschaftsordnung einmal so genannt wird, sind ihre Verfalls- und Verkalkungserscheinungen immer weit fortgeschritten.) Die anderen brennen — wie in Santa Barbara — eine Filiale der Bank of America nieder oder versuchen — wie in Wisconsin — ein Militärlabor zu stürmen, in dem nach Mitteln nicht zur Verhütung, sondern zur Erzeugung von menschlichem Leid geforscht wird.

Die Nationalgarde von Ohio, die vier protestierende Studenten erschoß, wollte von Heckenschützen unter Feuer genommen worden sein. Eine vom Präsidenten eingesetzte Kommission stellte jetzt fest, daß niemand auf die Nationalgardisten geschossen, hingegen jeder Gardist innerhalb weniger Sekunden durchschnittlich zwei Schüsse abgegeben hatte. Der Zeitpunkt für diese Bekanntgabe war denkbar günstig gewählt. Das engagierte Amerika hatte in diesem Sommer schon bis zur Ermüdung gegen so vieles zu protestieren gehabt, gegen den Krieg in Südostasien, die Luftverschmutzung, gegen die nichts getan werden kann, solange der Krieg astronomische Beträge verschlingt, die Verewigung der Slums, zu deren Sanierung ebenfalls kein Geld da ist. Gegen die Versenkung der Betonsärge mit Nervengas im Atlantik. Die Aggressionsziele der unter dem Druck zunehmender Arbeitslosigkeit bei steigenden Preisen und teilweise schrumpfenden Löhnen stöhnenden „schweigenden Mehrheit“ heißen anders. Jene Schichten, aus denen die Nationalgardisten stammen, kleine Leute sie alle, sähen natürlich gerne den Krieg beendet und die Negerfrage gelöst (nicht auf ihre Kosten, am besten durch Verschwinden der Neger), aber was sie mehr aufregt als der Krieg in Vietnam, das sind die Aktionen der Vietnamkriegsgegner, was sie mehr erbost als die Abgase der Autos, das ist der Rauch der von den Studenten entzündeten Fanale. Sie schimpfen über die „Faulheit“ der Neger und über das „nutzlos für die Studenten hinausgeworfene Geld“. So ist die Nation auch darüber, worüber sie schimpft, gespalten. Spaltung und Polarisierung werden durch die wirtschaftliche Lage gefördert, die Gräben gehen oft durch die Familien. Nixon betreibt eine Politik des wirtschaftlichen Laissez faire, obwohl das Sozialprodukt stagniert, die Industrieproduktion schrumpft die Arbeitslosigkeit sich der gefürchteten 5-Prozent-Marke nähert und die Preise in einem Jahr um mehr als 6 Prozent stiegen. Es muß Nixon dabei zugute gehalten werden, daß sich die Nationalökonomen bezüglich dessen, was er tun sollte, in den Haaren liegen. Strikte Restriktionspolitik würde den Preisauftrieb dämpfen, dafür Arbeitslosigkeit und Rückgang der Industrieproduktion fördern, eine Politik der Konjunkturspritzen hätte den gegenteiligen und wahrscheinlich günstigeren Effekt, freilich nur kombiniert mit lohn- und preislenkenden Maßnahmen, vor denen Nixon zurückschreckt.

Seit immer mehr Aktiengesellschaften immer geringere (oder keine) Gewinne ausschütten, muß der Präsident selbst um das Vertrauen jener Schichten bangen, die ihn einst auf den Schild gehoben haben. Dafür hat er den kleinen Mann, die schweigende Mehrheit, auf seine Seite gebracht, denn Amerika ist eine in ihrem Selbstvertrauen erschütterte, zutiefst verunsicherte Nation. In solchen Situationen findet der kleine Mann Geschmack an einer starken Hand, namentlich der politisch unaufgeklärte, amerikanische kleine Mann.

Er ist gegen den Krieg, findet aber, Amerika sollte wenigstens „zusammenhalten“. Er findet „Vorkommnisse“ wie das von My lai „schrecklich“, meint aber, daß die Zeitungen allzu viel Aufhebens davon machen. Er hat so manche Ähnlichkeit mit dem kleinen Mann und auch so manchem weniger kleinen Mann anderswo. Innerhalb der Demokratischen Partei und der immer stärker zu den Demokraten tendierenden parteifrei-liberalen Kräfte beginnt man zu begreifen, daß die Angriffe auf Nixon und Agnew deren Position eher festigten und ihr Image profilierten. Problem der Probleme der Opposition: Es fehlt ein Gegenkandidat mit Charisma. Wahrscheinlich wird man den überlebenden letzten Kennedy aufzubauen suchen. Leider hätte seinfc stahlharte, energiegeladene Mutter, die alte Rose Kennedy, möglicherweise die besseren Chancen.

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