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Burgenland ein Pendlerland

Es ist zweifelsohne richtig, daß der Burgenländer sehr stark seinen beruflichen Schwerpunkt außerhalb des Bundeslandes verlegt und für ihn alle Wege nach Wien führen. Nicht selten meint man, im Burgenländer stecke noch das magyarische Nomadenblut und 40 Jahre Zugehörigkeit zu Österreich wäre eben zuwenig gewesen, um seine Abenteuer- und Wanderlust den österreichischen Verhältnissen anzupassen. Sicherlich steckt hinter dem Wandertrieb des Burgenländers ein historisches Gesetz, aber dieses ist ökonomisch bedingt. Schon vor 1921 ging das Sinnen und Trachten des Deutschen in Westungarn in die Weife, besonders nach Österreich und Wien. Die Arbeiter hatten schon damals ihr Herz für Wien entdeckt, mehr als für andere Städte der Doppelmonarchie.

Ein Schicksal für viele

Als der Schreiber dieser Zeilen kürzlich in einem burgenländischen Arbeiterzug von Wien nach Matters- burg fuhr, kam er mit einem 60jähri- gen Arbeiter ins Gespräch, der in diesem Jahr die „40-Jahr-Feier“ seines Pendlerschicksals begeht — nicht verbittert oder enttäuscht von Österreich, das ihm bis heute noch nicht dieses Los erleichtert oder beseitigt hat. Er weiß, daß er alsbald von diesem Pendlerleben Abschied nehmen wird. Noch bevor er das Pendlerdasein als Staatsbürger der Republik Östereich auf sich nahm, hatte der Arbeiter aus dem mittleren Burgenland schon in seinen Kindertagen eine heimliche Liebe zur Kaiserstadt Wien. Nach seiner Verwundung an der Isonzofront verlangte er ausdrücklich, in ein Lazarett nach Wien zu kommen und nicht in ein ungarisches, obwohl er der zweiten Hälfte der Doppelmonarchie angehörte. Als wir uns verabschiedeten, fügte er etwas sorgenvoll mit einem Unterton der Resignation noch folgenden Satz zu unserem Gespräch hinzu: „Bis jetzt ging's noch immer, aber was wird in 10 Jahren sein?“ Auf die Frage was ihn im Hinblick auf die Zukunft so bekümmere gab er zur Antwort: „Das burgenländische Volk wird ein Volk von Pendlern werden.“ Um seinen Mund spielte eine verhaltene Enttäuschung.

Ist diese Meinung des burgenländischen Pendlers nicht doch vielleicht ein Komplex, den das vierzigjährige Pendlerlos hinterlassen hat, und daher mehr ein psychologisches Phänomen als eine rationale Aussage? Wird nicht in den letzten Jahren mit Vehemenz und großem Eifer im Burgenland versucht, 40 Jahre zu überspringen und die Industrialisierung des Landes in Riesenschritten voranzutreiben? Wäre es nicht möglich, daß jene, die schon Jahrzehnte pendeln, nicht mehr sehen, daß viele Fabriken aus dem Boden wachsen; daß bei aller Agilität der zuständigen Stellen sich doch nichts wesentlich ändern werde?

Diese Skepsis ist gewiß nicht ein vereinzeltes Trauma eines müde gewordenen Pendlers, von dem er nicht mehr loskommt. Die Sorge, daß das Volk des östlichsten Bundeslandes ein Volk von Pendlern wird, ist nicht von der Hand zu weisen. Das Pendlerschicksal scheint der Preis zu sein, den der Burgenländer für den von ihm sehnlichst gewünschten Anschluß an den Industriestaat Österreich zu zahlen hat. Die Pendlerfrage muß aufgegriffen, angeschnitten und gründlich diskutiert werden. Diese Frage ist aber eine Teilfrage eines umfassenderen Fragenkomplexes. Der soziologische und technische Umbruch, der etwas verspätet dieses wirtschaftliche Randgebiet Österreichs erreichte, löste zwei Erscheinungen aus: die Umstrukturierung der Landwirtschaft und damit verbunden ein rapides Ansteigen der Pendler.

Dieser Umbruch stellt Tag für Tag mehr die Masse der Kleinbauern vor schicksalhafte Entscheidungen, die un-

aufschiebbar sind. Soll man schon heute oder erst morgen die Landwirtschaft stillegen und aufgeben, ist die quälende Frage. Sie wird im Norden und Süden des Landes, bei Bauern und Arbeitern, in der Freizeit und am Arbeitsplatz und bei Zusammenkünften politischer oder kirchlicher Organisationen unruhig und nervös angeschnitten und wieder abgebrochen. Dies deswegen, weil man glaubt, daß das ganze Problem letztlich unlösbar ist. Das Damoklesschwert hängt über Tausenden: Wochenpendlerwerden. Aber man kann wenigstens das und braucht nicht fürchten, mit dem Verlassen der Landwirtschaft wirtschaftlich vor einem Ruin zu stehen. Vielen jungen Leuten kommt die ganze Sache gar nicht zu ungelegen: man will weg vom Dorf und in die Stadt.

Unruhe bei den kleinen Bauern

Man braucht kein Prophet sein, um vorauszusagen, daß im -Osten Österreichs ein ganzes Bundesland zu einem Pendlerland wird. Derzeit sind bereits von den 54.537 Arbeitnehmern 23.380 außerhalb des Landes beschäftigt, das sind 43 Prozent. Ein Rekord, der in gąnz Ö?t,erreich einzigartig dasteht. Die Zahl der Pendler nimfnt von! Monat zu Monat zu. Nach der letzten Volkszählung waren im Burgenland noch immer 60 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft tätig. Die -Ergebnisse der neuen Volkszählung werden manche Überraschungen bringen. Tausende werden in den nächsten Jahren die Kleinlandwirtschaft aufge- ben und in die Industrie gehen, das heißt Pendler werden.

Die Vision des alten Pendlers wird sich unter Umständen erfüllen. Die Industrie, die nun ins Land kommt, bringt für das Land verschiedene wirtschaftliche Vorteile, schafft aber zugleich ein neues soziales Problem: die berufstätige Frau; löst aber nicht das soziale Problem, das sie lösen sollte: eben die Pendlerfrage. Es ist also nicht abgetan damit, daß man Industrien ganz anorganisch und ohne Bedachtnahme auf das vorhandene soziale Problem ins Burgenland bringt. Es gibt eben keine ökonomische Eigengesetzlichkeit der Industrien. Der Mensch mit seinem jeweiligen sozialen Problem muß im Mittelpunkt aller Bestrebungen der industriellen Expansion sein. Eine Industrie, die keinen Beitrag zur Beseitigung der überdimensionierten sozialen Frage des Pendlers im Burgenland leistet, sondern bloß neue soziale Fragen in das östlichste Bundesland bringt, kann letztlich auch keinen wirtschaftlichen Aufstieg für das ganze Bundesland bringen.

Mit all diesen Fragen beschäftigen sich immer mehr Priester und Laienkreise der Diözese Eisenstadt. Die Katholische Arbeiterbewegung widmete ihre diesjährige Studientagung diesem Problem, wobei vor allem auch die soziale Not des burgenländischen Pendlers in Wien, die eine akute Wohnungsnot ist, ausführlich besprochen wurde. Über diese Frage wird noch viel beraten und gesprochen werden müssen, vor allem über die Zukunft der. Landwirtschaft im Burgenland. Gerade in diesem Jahr, da das Bürgenland in feierlicher Weise seine 40jäh- rige Zugehörigkeit zu Österreich begeht, muß das übrige Österreich und besonders die Bundeshauptstadt Wien auf die verschiedenen wirtschaftlichen und sozialen Notstände des jüngsten Bundeslandes aufmerksam gemacht werden.

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